Zeitung Heute : Der dramatische Anfang vom Ende

HERMANN RUDOLPH

Heute vor zwanzig Jahren wurde in einer blutigen Aktion der Arbeitgeberpräsident Schleyer entführt.Mit dieser Entführung und der späteren Ermordung Schleyers began aus heutiger Sicht das Ende des Terrorismus.VON HERMANN RUDOLPHDas Fernsehen hat das Ereignis unlängst wieder ins Gedächtnis zurückgerufen.Aber bei aller Eindrücklichkeit erreichte der Film doch nicht im entferntesten die Erschütterung, die um sich griff, als heute vor zwanzig Jahren die Nachricht in die Ruhe des Nachmittags einbrach, in einer blutigen Aktion sei Arbeitgeberpräsident Schleyer in einem Kölner Vorort von Terroristen entführt worden.Den Unterschied macht nicht nur der zeitliche Abstand.Wir wissen heute, wie alles ausging: daß Schleyer nicht gerettet werden konnte, daß es aber Mogadischu gab und daß der Terrorismus, allen Opfern zum Trotz, die er gefordert hat, gescheitert ist - eine blutige, verwirrte, halb vergessene Episode in der Geschichte der Republik.Damals kannte man nur die Drohung, die in den Monaten zuvor mit den Ermordungen des Generalbundesanwalts Buback und des Bankiers Ponto mächtig ihr Haupt erhoben hatte.Sie erreichte mit der Schleyer-Entführung und dem wochenlangen Nervenkrieg, der ihr folgte, einen neuen Höhepunkt. Das war auch der Grund, weshalb die Bundesregierung den Forderungen der Terroristen eigentlich gar nicht nachgeben konnte.Eine Freilassung der einsitzenden Terroristen hätte den gefährlichen Schwelbrand der Angst weiter geschürt.Die Partie stand damals durchaus auf der Kippe - nicht in dem Sinn, daß die Terroristen jemals die Chance gehabt hätten, mit ihrem Stadtguerilla-Konzept mehr zu erreichen als die Entmutigung der Bürger, Verwirrung in den Köpfen und überzogene Reaktionen des Staates.Aber sie waren auf diesem Weg schon ganz schön weit vorangekommen.Die Verwundbarkeit der Gesellschaft hatte sich gezeigt - in der lauffeuerhaft sich ausbreitenden Erregung, die jeder neue Angriff der Terroristen in der Öffentlichkeit erzeugte, wie in dem Prozeß der Polarisierung, der unnachsichtig die Diskussion über Gründe dieses Phänomens und den Umgang mit ihm zu beherrschen begann. Da lag das Problem, das Heinrich Bölls zornig-abwiegelnde Formulierung von dem Kampf der 6 gegen 60 Millionen haarscharf verfehlte.Die Terroristen setzten darauf, die Nervenstränge der Gesellschaft zu verletzen, um sie damit - mehr instinktiv als bewußt, denn besonders helle Köpfe waren sie alle nicht - aus ihrem Gleichgewicht zu bringen.Sie übten nicht nur Gewalt, sondern sie wollten mit der aberwitzigen Revolutions-Ideologie, als deren Exekutoren sie sich empfahlen, dem Staat in den Köpfen den Anspruch auf das Gewaltmonopol entwinden, das den bürgerlichen Frieden sichert.Deshalb mußte es das Ziel der Politiker sein, die im Krisenstab saßen, den Staat - wie Hans-Jochen Vogel, damals Justizminister, im Rückblick gesagt hat - als "Träger des Gewaltmonopols und als schutzfähig für unser Volk erfahrbar" zu machen. Man hat diese Auseinandersetzung zu einem der Wendepunkte in der Geschichte der Bundesrepublik erklärt.Die Bundesrepublik sei damals, so hat der Historiker Ernst Nolte formuliert, zum ersten Mal ein Staat im Vollsinn des Wortes gewesen.Auf der anderen Seite ist auf der Linken die Schleyer-Entführung einschließlich Mogadischu und des melodramatischen Abgangs der führenden Terroristen im Stammheimer Gefängnis als "deutscher Herbst" kräftig mythifiziert worden.Daß dieser Vorgang eine Zäsur war, steht außer Frage.Aber es wäre ein Zeichen anhaltender Verblendung, zu einer Stunde der Wahrheit über diese Republik zu verklären, was doch nur die Konsequenz wahnhafter Verirrung war, auf die der Staat reagierte - auch wenn er, zeitweise, überreagierte.Das mag unter dem Druck der Ereignisse nicht jedermann klar gewesen sein.Heute liegt es offen zutage.

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