Zeitung Heute : Der Duce geht um

Der Friedensplatz in Südtirols Hauptstadt Bozen heißt wieder so wie schon bei Mussolini: Siegesplatz – und alte Feindschaften leben auf

Thomas Migge[Bozen]

Immer wenn Silvius Magnago in sein Büro fährt, wird er wütend. Immer dann, wenn er am Triumphbogen vorbeifahren muss, der sich auf dem großen Platz mitten in der Stadt erhebt. „Ein hässliches Ding“, sagt der 88-jährige, ganz und gar nicht greise Mann, „am besten wegsprengen.“ Magnago ist Ehrenpräsident der Südtiroler Volkspartei SVP. Sie ist die stärkste Partei in der autonomen italienischen Region Südtirol. Der wütende alte Politiker dachte nicht im Traum daran, dass „über diesen Klotz jemals wieder gestritten“ werden würde. Wie viele Südtiroler hatte er gehofft, dass die „schlimme Geschichte des Triumphbogens einmal vergessen sein wird“.

Den Platz und den Triumphbogen ließ Benito Mussolini in den 20er Jahren anlegen. Sie sollten an den Sieg der Italiener über die Österreicher im Ersten Weltkrieg erinnern und an die Teilung Tirols: Der Norden und der Osten blieben damals beim besiegten Österreich, Südtirol fiel an Italien. Es folgte die brutale „Italianisierung“, deutsche Orts- und Straßennamen wurden zwangsweise geändert. Aus Südtirol wurde Alto Adige, aus Brixen zum Beispiel Bressanone. Der Triumphbogen wurde zum Symbol des Sieges über die deutschsprachigen Südtiroler. Und der Platz hieß auch so: Siegesplatz.

Erst nach Kriegsende wurden den Deutschsprachigen wieder die gleichen Rechte zugesichert wie den italienischsprachigen Bürgern. Und seit Anfang der 90er Jahre gewährt Rom seiner Dolomitenprovinz Autonomie, Straßen- und Ortsnamen sind seitdem zweisprachig, wer im öffentlichen Dienst arbeiten will, muss Italienisch und Deutsch können. Der Platz aber und sein faschistisches Duce-Denkmal werden von den Deutschsprachigen immer noch als Zeichen italienischer Vormacht begriffen, „als Zeichen der Dominanz über uns“, sagt zum Beispiel Luis Durnwalder, ein anderer SVP-Funktionär.

Aus diesem Grund hatte die Stadtverwaltung Ende letzten Jahres entschieden, dem Platz, auf dem das Monument steht, einen neuen Namen zu geben. Aus Sieges- wurde Friedensplatz. Bozens Bürgermeister Giovanni Salghetti Drioli begründete seine Entscheidung damals damit, „eine Lanze für den Frieden zwischen den Völkern und den Sprachgruppen brechen“ zu wollen. Doch am Frieden scheinen viele Bozener nicht interessiert zu sein. Nicht an dem zwischen den Sprachgruppen.

Zwei Drittel der 450000 Bewohner Südtirols sind heute deutsch-, und ein Drittel ist italienischsprachig, dazu kommen 20000 Ladiner, Bergbauern mit einer eigenen Sprache. In Bozen haben die Italienischsprachigen die Mehrheit. „Das ist eine explosive Mischung“, sagt die italienischsprachige Ada Marini, die in der Stadt eine Bäckerei betreibt. „In der Nachkriegszeit, da knallten sogar Bomben, gezündet von rechten Deutschen und faschistischen Italienern“, sagt sie, und dass sie hofft, „dass sich so etwas nie wiederholen wird.“

Genau das aber befürchten jetzt viele Menschen. Denn der Platz mit dem Triumphbogen ist erneut umbenannt worden. Am vorvergangenen Sonntag organisierte die rechte Partei Alleanza Nazionale AN – vor einigen Jahren ist sie aus der neofaschistischen Bewegung hervorgegangen und in der Regierungskoalition in Rom nun die zweitstärkste Kraft – eine entsprechende Volksbefragung in Bozen.

Die Menschen sollten sich entscheiden, ob aus dem Friedens- wieder ein Siegesplatz werden sollte. 62 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, ein Drittel stimmte dagegen. Umfragen nach der Abstimmung ergaben, dass ausschließlich die Italienischsprachigen ein „si“ ankreuzten.

AN-Parteichef Gianfranco Fini reiste vor der Volksbefragung nach Bozen und erläuterte seine Motive. „Wir wollen damit an eine glorreiche Episode der italienischen Geschichte erinnern“, sagte er auf einer Kundgebung. Während seine Anhänger danach begeistert klatschten, pfiffen und buhten die deutschsprachigen Bürger. Zu einer Schlägerei kam es auch.

Die „Neue Südtiroler Tageszeitung“ befürchtet, dass „dank des Vorstoßes von AN die Luft zwischen den Sprachgruppen nachhaltig vergiftet wird“. Das befürchtet man auch in Wien. Die österreichische Regierung intervenierte bereits in Rom und Bozen und erklärte, dass sie sich über die möglichen Folgen des Namensstreits Sorgen mache. „Sicherlich haben die in Wien schon bereut, dass die dem Fini vor kurzem einen österreichischen Staatsorden verliehen haben“, sagt Silvius Magnano.

Bozens Bürgermeister Salghetti Drioli denkt nach dem Ergebnis der Volksbefragung an Rücktritt. Das freut die AN. Deren städtische Funktionäre hoffen auf Neuwahlen und auf eine politische Wende in Bozen, wo derzeit eine Koalition aus Mitte-Links-Parteien regiert.

Silvius Magnago, der wütende Volkspartei-Ehrenpräsident, will den Bürgermeister zum Durchhalten bewegen. „Die Volksbefragung hatte doch nur eine beratende Funktion“, sagt der weißhaarige alte Mann, „und das heißt, dass die Stadtverwaltung den Namen Friedensplatz getrost beibehalten kann.“ Die Idee finden viele italienischsprachige AN-Wähler überhaupt nicht gut. „Wir werden es euch Deutschen schon noch zeigen“, droht beispielsweise Franco Cardiccini, ein Mitglied der Partei. Und wenn es nach ihm ginge, dann müsste man alle „Friedensapostel aus dem Rathaus jagen und aus Südtirol werfen“, sagt er. „Dafür werden wir kämpfen, koste es was es wolle.“

Und auch der römische Kommunikationsminister Maurizio Casparri von der AN legte am Tag nach der Abstimmung gleich nach: „Jetzt ist Schluss mit der Diskriminierung der Italiener.“

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