Zeitung Heute : Der Duft der Kontinente

Psychologen vergleichen, wie Gerüche und Farben weltweit wahrgenommen werden

Patricia Pätzold
Geruchssache. Die Riechstifte der TU-Forscher im Einsatz. Fotos: TUB/Dahl
Geruchssache. Die Riechstifte der TU-Forscher im Einsatz. Fotos: TUB/Dahl

Wenn uns etwas „stinkt“, haben winzige Moleküle unsere Nasenschleimhäute erreicht und aktivieren einige der rund 20 Millionen Riechzellen. Etwa 350 Grundgerüche und viele Geruchsvarianten kann der Mensch wahrnehmen. Sie wirken unmittelbar auf das Gefühlszentrum im Gehirn, wecken Ängste, Erwartungen, sogar Liebe, schlagen Alarm und beflügeln die Fantasie. Doch nehmen alle Menschen auf der Welt Gerüche auf die gleiche Weise wahr? Oder ist, was der Europäer als lieblichen Duft empfindet, für den Afrikaner eine abscheuliche Provokation seiner Nase? Und wenn ja, warum ist das so?

„Die bisherigen Forschungen zeigen, dass gleiche Geruchsstoffe bei Versuchspersonen gleicher Herkunft unterschiedliche Reaktionen auslösen können“, erklärt Arnold Groh. „Doch es gibt auch Geruchsstoffe, die unabhängig von der Herkunft zu gleichen Reaktion führen.“ Der Psychologe leitet die Arbeitsstelle „Structural Analysis of Cultural Systems“ (S.A.C.S.) an der TU Berlin, die sich mit psychologischen und soziologischen Strukturen unterschiedlicher Kulturen beschäftigt. Er sucht nach den psychologischen Grundlagen menschlicher Kultur, nach Übereinstimmungen und Unterschieden überall auf der Welt. Mit einer Studie zur Olfaktorik, der Wissenschaft von den Gerüchen, will er dem Phänomen von unterschiedlicher Geruchswahrnehmung auf die Spur kommen.

Dazu reist er – oft mit Studenten – an verschiedene Orte der Welt und bittet dort die Menschen um eine Riechprobe. Dafür hat Groh stets ein Set mit zwölf Stiften dabei, die Grundgerüche verströmen. „Banane“, „Blume“, „Lakritze“, „Benzin“ oder „Meeresbrise“ sind zum Beispiel Begriffe, die Europäern einfallen, wenn sie an den Stiften riechen. „Falsch oder Richtig gibt es dabei nicht“, erklärt Groh. „Denn wer noch nie eine Meeresbrise gerochen hat oder Benzin nicht kennt, wird schwerlich einen solchen Begriff verwenden.“

Mit ihrer Vermutung, dass die Geruchswahrnehmung auch von der Kultur abhängt, sind die Wissenschaftler auf einer heißen Spur. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Menschen aus verschiedenen Erdteilen die Düfte der Stifte als vertraut oder weniger vertraut wahrnehmen. Und nicht nur das. Sogar im gleichen Land kann, abhängig vom Wohnort, die empfundene Intensität variieren. Einen überwiegend als unangenehm charakterisierten Duft nehmen zum Beispiel Städter sehr viel intensiver wahr als Dorfbewohner.

Interessant sind die Ergebnisse durchaus auch für Marketing-Experten. Denn auch wenn die Geruchsforschung noch ziemlich am Anfang steht, weiß man inzwischen, dass Gerüche tatsächlich das Verhalten von Menschen ändern und intensive Emotionen auslösen können. Nicht umsonst arbeiten Geruchsdesigner am verkaufsfördernden Duft von Autos und sogar an wiedererkennbaren Geruchsmarken für die Verkaufsfilialen großer Konzerne.

Die Olfaktorik-Studie der TU-Kulturpsychologen ist eingebettet in einen umfangreichen, weltweiten Kulturvergleich, in dem außerdem die Verständigung mittels Gesten untersucht wird, das unterschiedliche Verständnis von Piktogrammen sowie die unterschiedliche Wahrnehmung von Farben.

Um ihre Ergebnisse zusammenzuführen und forschungsrelevante Schlüsse zu ziehen, arbeiten die Kulturpsychologen unter anderem mit Linguisten und Semiotikern zusammen. Derzeit ist Groh mit einigen Studierenden zu einer Exkursion in Kamerun unterwegs. Denn Afrika riecht anders als Indien, als Europa, als die Arktis ... Patricia Pätzold

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