Zeitung Heute : Der Eiertanz von Bagdad

Sie haben ihn empfangen wie einen Staatsgast. Aber Konstantin Wecker sagte: „Entweder dieses Theater hört auf, oder ich reise ab.“ Und er versuchte auf seiner Musiktour in den Irak einen doppelten Protest: gegen den Krieg, aber auch gegen Saddam Hussein.

Philipp Mausshardt[Bagdad]

Alle Fettnäpfchen waren aufgestellt, als Konstantin Wecker mit einer Gruppe deutscher Friedensaktivisten vergangene Woche in Bagdad landete. Der Fotograf der amerikanischen Nachrichtenagentur AP hatte sich schon so postiert, dass er Wecker gleich beim Eintritt in die Empfangshalle mit einem Porträt von Saddam Hussein im Hintergrund abschießen konnte. Und das für die Begrüßung der deutschen Delegation zuständige Kulturministerium hatte fünf große Luxuslimousinen mit verdunkelten Scheiben zur Abholung bereitgestellt. Damit hatte der Liedermacher und Komponist nicht gerechnet. Leichenblass stieg er ein, gefilmt von einem Fernsehteam des ZDF, und ließ sich schweigend ins Luxus-Hotel Al Rashid chauffieren.

Noch am Abend trommelte Wecker das Dutzend friedensbewegter Deutscher zusammen und erklärte ihnen: „Entweder dieses Theater hört auf, oder ich reise wieder ab.“ Gemeinsam packte man am anderen Morgen die Koffer und zog – in einem angejahrten Omnibus – in ein leicht heruntergekommenes Hotel im Zentrum der Stadt um. „Das wird ein Eiertanz“, stöhnte Wecker, aber die erste Hürde war genommen.

Dem Treffen am selben Abend mit dem Saddam-Vertrauten und ehemaligen irakischen Außenminister Tareq Aziz bleibt Wecker wegen „Bauchschmerzen“ fern. Aziz nimmt es gelassen, wenn auch etwas pikiert: „Sie können selbstverständlich in einem alten Bus herumfahren und in einem abgemeierten Hotel wohnen. Und wenn Sie ihre Hotelrechnung selbst bezahlen wollen, bitte sehr. Dann helfen Sie uns sparen.“

Von dem Moment an ist vom berüchtigten irakischen Sicherheitsapparat nichts mehr zu sehen und zu hören, und selbst erfahrene Nahost-Korrespondenten wundern sich, wie frei sich Wecker und Co. in den folgenden Tagen durch Bagdad bewegen. Selbst in „Saddam-City“, bislang für Filmteams ein gesperrtes Stadtviertel, weil hier rund zwei Millionen Menschen in bitterer Armut leben, hält der Bus auf Drängen Weckers an, und auf einem Platz versammelt sich in Minutenschnelle eine Menschenmenge um die Besuchergruppe aus dem Westen. Wenn hier auch niemand weiß, wer dieser Mann im gelben Cordanzug ist – dass Europäer hierher kommen und sich mit ihnen unterhalten wollen, ist Sensation genug.

Zwei Kriege in den vergangenen 20 Jahren und zwölf Jahre Wirtschaftsembargo durch die Vereinten Nationen haben aus dem einstmals wohlhabenden Irak ein Armenhaus werden lassen. Die Wasserversorgung, die Müllabfuhr, die Versorgung mit Strom – die Infrastruktur des Irak ist auf den Standard eines Entwicklungslandes zurückgefallen. Ohne Kinderarbeit können viele Familien nicht mehr überleben. Amir Hasmat, acht Jahre alt, hat nach einem Jahr die Schule abgebrochen. Jetzt steht er bei einem Schmied am Amboss und schlägt mit einem Hammer, der viel größer ist als die Faust, die ihn hält, auf glühendes Eisen ein.

Das sind Szenen, da wird Wecker, Vater von zwei Söhnen (drei und sechs) weich wie Wachs und wütend zugleich: „Über diese Kinder jetzt auch noch Bomben abzuwerfen ist für mich eines der größten Verbrechen, die es gibt“, sagt er und kann wieder einmal seine Tränen nicht verstecken. Sie fließen mehrmals in dieser Woche. Etwa auf der Leukämiestation des Almansur-Kinderhospitals. Hier liegen auffallend viele Kinder, die, wie es heißt, aus dem Südirak kommen, wo im letzten Golfkrieg schwach mit Uran angereicherte Munition die Gegend verseuchte. Den Ärzten fehlt Medizin. Nur unregelmäßig werden vom UN-Sanktionsausschuss Lieferungen genehmigt.

Konstantin Wecker hat seinem älteren Sohn eine Reisetasche voll mit Spielsachen abgeluchst. Er geht von Bett zu Bett, schnell ist die Tasche leer. „Ich weiß, Spielsachen zu verteilen ist nicht das, was sie hier eigentlich brauchen. Aber den Kindern gegenüber habe ich keine andere Geste.“

Gedichte im Basar

Tags darauf im Basarviertel von Bagdad: Am Ende einer Straße, auf der die Händler gebrauchte Bücher ausgebreitet haben, liegt das alte Teehaus Schabanda, jeden Freitag Treffpunkt der Schriftsteller und Philosophen. Vor Teeglas und Wasserpfeife wird über Gedichte geredet. Imat, ein 27-jähriger Schriftsteller und Übersetzer, hat gerade sein Gedicht „Im blauen Hafen deiner Augen“ vorgetragen, und die älteren Männer nicken beifällig mit dem Kopf. Wecker wird von einem alten Mann auf Englisch ins Gespräch gezogen. Er möchte sich mit ihm über Habermas und Adorno unterhalten, aber Wecker ist nicht ganz so fit in diesen Dingen. „Ich singe Ihnen ein Lied“, sagt er, das Stimmengewirr und Klappern der Teelöffel ersterben. „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist…“ singt Wecker in Ermangelung eines Instrumentes a capella.

„Vielen Dank, dass Sie gekommen sind“, sagt später ein alter armenischer Christ, der Wecker in seinen kleinen Laden hereingewinkt und ihm einen Tee serviert hat. Er kann nur wenig Englisch, aber es reicht, seine Freude über den Besuch auszudrücken. Man raucht zusammen eine Zigarette, ein Kuss auf die Wange zum Abschied lässt Wecker wieder völlig fassungslos das ärmliche Lokal verlassen.

Das Nein des deutschen Bundeskanzlers hat sich bis zu den Taxifahrern von Bagdad herumgesprochen. „Alman gutt“ heißt deren Antwort, wenn sie die Herkunft ihres Fahrgastes hören. Ein fast zahnloser Alter, der einen der Deutschen im Basar am Ärmel zupft, will in gebrochenem Englisch Näheres wissen: „Ihr Deutschen habt doch auch Israel Waffen geschickt, stimmt das?“ Der Krieg ist Straßenthema. Auch wenn man keine Hamsterkäufe oder Schlangen vor den Zapfsäulen beobachten kann, so ist doch jeder mit der Frage beschäftigt: Was passiert in den nächsten Wochen?

Ein westlicher Diplomat, in dessen Vertretung gerade die Kellerwände gegen den Druck von Bomben verstärkt werden, malt ein apokalyptisches Bild. Seinen Namen will er nicht nennen, aber er entwirft ein Szenario: „Bagdad wird umzingelt und so lange bombardiert werden, bis die Regierung aufgibt.“

Das Dutzend deutscher Friedensfreunde ist nicht die einzige Gruppe, die zurzeit in Bagdad ihren Protest gegen die Kriegsvorbereitungen zeigt. Rund 100 Aktivisten aus verschiedenen Ländern haben sich in der Organisation „Voices of wilderness“ zusammengeschlossen und wollen auch im Bombenhagel noch im Irak ausharren. Die Amerikaner überwiegen. Wecker trifft sich mit ihnen vor einem Bunker, in dem bei der Bombardierung vor elf Jahren 408 Menschen starben. Auch Kristina Olsen aus den USA ist dabei. Sie hat ihre Schwester am 11. September 2001 beim Anschlag auf das World Trade Center verloren und will nicht, dass deren Tod jetzt als Kriegsvorwand herhalten muss.

Für Montagabend hat Wecker zum Konzert in ein Theater eingeladen: die Studenten vom deutschen Institut an der Universität, die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, irakische Musiker, Schriftsteller und Maler, die er während der Woche getroffen hatte. Nur ein kleines Problem ist noch zu lösen: Am Eingang hängt in einem Schaukasten ein überlebensgroßer Saddam Hussein bei der Abnahme einer Militärparade. „Können wir das Bild während des Konzertes zuhängen?“, fragt der Organisator der Reise, der Tübinger Chorleiter Hennig Zierrock, einen Mitarbeiter des Kulturministeriums. Der nickt, wohl aus Freundlichkeit, erst einmal mit dem Kopf, und schon wird ein schwarzes Tuch gekauft und eine weiße Friedenstaube darauf angebracht.

Der verbotene Gedanke

Da aber kommt Bewegung in die Iraker. Ein höherer Beamter bleibt höflich, aber entschieden. „Schon einen solchen Gedanken sollten Sie lieber nicht formulieren.“ Immerhin hängt am Abend im Konzertsaal selbst kein Porträt. Zunächst singen Iraker Arien von Rossini und das „Agnus Dei“ von Bizet, dann greift Wecker in die Tasten. „Es tut gut, mal etwas anderes zu hören als Marschmusik“, flüstert ein Student, „könnt ihr nicht öfter kommen?“

Am heutigen Mittwoch fliegt Wecker zurück nach Deutschland. „Diese Reise hat mich verändert. Ich weiß, dass ich zu Hause mehr für diese Menschen tun will. Singen allein reicht da nicht.“ Zurück bleibt ein glücklicher Amir. Der Junge aus der Schmiede ist jetzt „Patensohn“ von Wecker. Am Tag nach der Begegnung sprach Wecker mit der einzigen deutschen Hilfsorganisation vor Ort, „Architekten für Menschen in Not“, und organisierte die Wiedereingliederung von Amir in die Schule. Seine Familie erhält dafür eine monatliche Unterstützung, die den Ausfall der Kinderarbeit mehr als wettmacht.

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