Zeitung Heute : Der Empire schlägt zurück

Punk, verschnitten mit den Möglichkeiten unserer Zeit: der Berliner Technostar Alec EmpireIn einer stillen Straße in Frohnau liegt das Zentrum der Berliner - ach was, der deutschen - Popmusik.Glauben wird es keiner, ist aber trotzdem so.Nur wußte das bislang niemand.Aber zum einen ist diese Straße in Frohnau Adresse der Familie Vetter, deren Sproß Jan unter dem Namen Fahrin Urlaub, als Sänger der Ärzte Generationen von Teenagern ein Begriff ist und zum anderen - und das ist ungleich interessanter und derzeit relevanter - wohnt hier Alec Empire.Bereits des öfteren wurde der Berliner mit Superlativen versehen.Das Poporgan "Spex" nannte den 25jährigen breits vor vier Jahren den "ersten deutschen Popstar der 90er Jahre.Wenn nicht der erste deutsche Popstar überhaupt". Für diese Lorbeeren hat Alec Empire, der sein Pseudonym in Anlehnung an "Star Wars" als Kind von Freunden bekam, viel gearbeitet.Zwar veröffentlicht er erst seit 1992 Musik, aber seine Diskographie ist breits unüberschaulich.Acht eigene Alben, an die 30 Singles und EPs, sowie unzählige Beiträge für Compilations und Remixe.Allerdings entsteht so ein Track aus Empires Händen auch schnell: "Im Durchschnitt brauche ich für ein Stück eine dreiviertel Stunde." Die Samples für seine elektronische Musik sucht er spontan raus, der Aufbau ist in etwa bereits im voraus geplant. Als Kind wuchs Alec Empire mit HipHop auf, tanzte Breakdance, sprühte Graffities, später hörte er lieber Ska, Ragga und Punk, Acid und britische Popmusik hatten es ihm ebenfalls angetan.Punk-Rock spielte dann auch seine erste Band Die Kinder.Aber schon früh sah er sich durch die traditionelle Instrumentierung zu sehr eingeengt und experimentierte lieber mit Roland 808-Drumcomputern und Synthesizern.Daraus entstanden auch die ersten Stücke, die er etwa auf den frühen Berliner Tekknozid-Raves zum besten gab.Alec Empire nannte er die Band, die er mit seinen Freunden Carl Crack und Hanin Elias produzierte.Die heißt schon seit einiger Zeit Atari Teenage Riot und Mega-Raves wie Mayday, die anfangs das Konzept der Tekknozid-Parties übernahmen, kann Alec Empire ob ihrer kommerziellen Ausrichtung und des gleichmachenden Charakters nicht ausstehen.Deshalb gibt er einigen seiner Stücke auch Titel wie "Mayday HJ" und "Raverbashing".Überhaupt hat er eine Vorliebe für plakative und provokante Songnamen.Sein Track "Hetzjagd auf Nazis" wollten einige Technoläden aufgrund des Titels nicht in ihre Regale stellen.Mit dem Cover seines Albums "Generation Star Wars", auf dem Sturmtruppen aus "Krieg der Sterne" mit Hakenkreuzen zu sehen sind, verstieß Empire sogar gleich gegen zwei Gesetze: dem Urheberrecht und der Verwendung von Nazisymbolen. Das mag vielen im besten Falle naiv und infantil erscheinen - und Empire würde dem teilweise auch zustimmen -, doch mit solchen Aussagen wurden erstmals klare Positionen in der ansonsten apolitischen Dancemusik bezogen."Ich habe keine Lust Kompromisse einzugehen", so der böse Bube der deutschen Musikszene.Alecs Musik ist die adäquate Umsetzung der Titel und Texte.Oft verbindet sie hektisch brachiale Beats mit Metal- und Punkgitarren, sowie allerhand weiteren Krachkrawallen.Gefragt, ob er seine Maxime "riot sounds produce riots" wörtlich verstanden wissen möchte: "Na laß mal einen Wagen mit unserer Musik auf der Love Parade fahren, dann wirst du sehen, was das für einen Aufstand gibt." Am deutlichsten ist diese Einstellung in der Musik vom Empires Band Atari Teenage Riot zu beobachten.Keine andere Gruppe verbindet derart konsequent den Geist des Punks mit den musiktechnologischen Möglichkeiten unserer Zeit.1992 waren ATR die erste deutsche Band, die ohne eine Plattenveröffentlichung, einen Vertrag bei einem englischen Majorlabel - der Phonogram - unterschrieben.Allerdings bemerkten Atari Teenage Riot schon bald, daß ihre Vorstellungen über Image und Zukunft der Band unvereinbar mit denen der Plattenfirma waren und so verließ man den Konzern und gründete sein eigenes Label Digital Hardcore Recordings. Mittlerweile scheint sich auch der längst überfällige Erfolg der Band einzustellen, zumindest im Ausland.In den USA erscheinen die Platten beim Beastie Boys-Label Grand Royal (Beastie Boy Mike D.über ATR: "Sie sind mehr Punk, als Punk"), David Bowie wünschte sich jüngst eines ihrer Videos bei Viva, die New York Times widmete der Gruppe einen ganzseitigen Artikel und zur Zeit sind sie mit Beck in den Staaten auf Tour.In Japan sind Atari Teenage Riot bereits Stars.Ihre Konzerte sind ausverkauft, ihre Fotos sind auf den Titelseiten der Szenemagazine und selbst ein Fanzine mit dem deutschen Titel "Studien über Alec Empire" exitiert in Nippon. Die Soloplatten, die Alec Empire veröffentlicht, offenbaren den Produzenten und DJ oftmals in einem ganz anderen musikalischen Licht.Seine letzte LP "Les Etoiles Des Filles Mortes" zeigt sich beispielsweise mehr von klassischer Musik jenseits der Tonalität, als von Techno oder Punk beeinflußt und "Hypermodern Jazz 2000.5" ist ein Sammelsurium von TripHop, Easy Listening und Jazz mit anderen Mitteln.Die Anerkennung, die Alec Empire von den verschiedensten Seiten für seine Musik erhalten hat führten unter anderem zu einer Zusammenarbeit mit der englischen Musikerin Nicolette und zu einer Tournee durch Südostasien im Auftrag des Goethe-Instituts (was nicht nur aufgrund oben genannter Songtitel durchaus bemerkenswert ist). Einer von Alec Empires größten Verdiensten ist sicherlich die Tatsache, daß selbst abgeklärte Musikliebhaber, die alles schon mal gehört und gesehen haben wollen, von seinen Soundexperimenten überrascht sind.Und daß er auch weiterhin für jede Menge akustischer Überraschungen gut sein wird, davon kann ausgegangen werden.Doch wie steht Alec Empire eigentlich zu dem eingangs erwähnten Zitat über ihn als ersten deutschen Popstar? "Ich bin nicht der erste, sondern der letzte", sagt er und wie so vieles in seiner Musik, ist auch diese Aussage nicht vollständig ohne das Grienen auf Alecs Gesicht, das man sich dabei vorstellen muß.

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