Zeitung Heute : Der Endzeitstimmung nicht nachgeben

Bernd Hettlage

Gregor Gysi weiß, wie er die Lacher auf seine Seite bringt: "Sie hätten im letzten Jahr sicher nicht gedacht, dass ich heute hier vor Ihnen stehe", sagte der neue Wirtschaftssenator der hier versammelten Berliner Immobilienbranche. Das Treffen fand beim einem Empfang der Immobiliensparte der European Bussiness School (immoebs) in dieser Woche, im Roten Rathaus statt. Und da lief ein fast befreites Gelächter durch den Saal. Es blieb das einzige an diesem Abend. Einhelliger Tenor der Redner und Rednerinnen war ansonsten: Berlins Ruf ist bei Investoren mehr als angekratzt. Ursache sei nicht zuletzt die Bankenkrise. Einig war man sich auch: Jetzt muss schnell etwas passieren. Von drohender "Endzeitstimmung" sprach gar Frank Billard, Sprecher der Geschäftsleitung von Hochtief Development.

Das Thema des Abends, den immoebs und Hochtief-Projektentwicklung veranstalteten, lautete: "Berliner Immobilienmarkt nach der Wahl: Quo Vadis?" Neben Gysi und Billard sprachen Holger Lippmann, Chef des Berliner Liegenschaftsfonds, sowie Hiltrud Sprungala, Chefin des Landesverbands freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen. Alle mahnten kürzere Verwaltungsverfahren bei der Vergabe von Grundstücken und Baugenehmigungen an. Als auch Gregor Gysi die "Entbürokratisierung" als sein zentrales Anliegen nannte, erntete er dafür den einzigen spontanen Beifall an diesem Abend. Der Wirtschaftssenator sagte, er wolle eine serviceorientierte Verwaltung schaffen und Gremien aus verschiedenen Behörden in seinem Haus koordinieren.

Gysi sprach ansonsten eher allgemein von seinen wirtschaftspolitischen Zielen, der Lage der Stadt und den Maßnahmen, die er ergreifen wolle: Er strebe einen Mix aus Arbeits- und Wirtschaftspolitik an und sei deshalb froh, "dass die Arbeit bei mir gelandet ist." Es gehe nun darum, so Gysi weiter, die Krise als Chance zu nutzen, denn: "Sie wissen ja, die meisten Probleme löst man innerhalb einer Krise." Und: "Ich will sie animieren zur Mitarbeit am interessanten Wirtschaftsplatz namens Hauptstadt Berlin." Darauf entschuldigte sich der PDS-Politiker, er müsse schon wieder gehen, und verließ straffen Schrittes und mit leicht angespannter Miene den Saal.

Frank Billard von Hochtief Development äußerte Verständnis für den Termindruck des Wirtschaftssenators, betonte aber während seiner Rede mehrmals: "Das war jetzt eigentlich an Herrn Gysi persönlich gerichtet." Das Image der Stadt sei angekratzt, sagte er, und die Affären um die Bankgesellschaft hätten Berlin in der nationalen wie internationalen Reputation weit zurückgeworfen. Und nun werde die Stadt auch noch von Rot-rot regiert. Damit gebe er nicht seine Meinung wieder, sondern die Ratlosigkeit, die er angesichts dieser Tatsache in Investorenkreisen feststelle.

Dennoch, und auch das hätte er Gysi gerne persönlich zugerufen: "Der Wirtschaft kann gar nicht an einem Scheitern ihrer Wirtschaftspolitik gelegen sein." Wenn solches "Endzeitklima" um sich greife, würde Berlin als Regierungssitz bald nur noch zur "Verwaltungshauptstadt" herabsinken. Was die Stadt brauche, sei eine "konzertierte Aktion von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, von Verbänden und Kammern" - eben "Public-Private-Partnership". Brillard forderte die sofortige Einberufung einer "Zukunftskonferenz" von Politik und Wirtschaft und sagte Gysi Unterstützung zu. Gleichzeitig mahnte er Planungssicherheit, Verlässlichkeit und Flexibilität beim neuen Senat an.

Das will auch Holger Lippmann mit dem Liegenschaftsfonds den Investoren bieten. Noch einmal nannte er seine Erfolgszahlen des Jahres 2001. Diese habe man erreicht, obwohl der Liegenschaftsfonds wegen der Bankenkrise keine leichte Startposition gehabt habe: 538 Millionen Quadratmeter verkaufter Grund, 290 Käufer und Einnahmen von 260 Millionen Euro. Aber, betonte er, besonders wichtig sei, dass daran 750 Millionen Euro von den Investoren versprochene Investitionen hingen und außerdem 2000 Arbeitsplätze. Darauf will der Liegenschaftsfonds auch in Zukunft Wert legen: Attraktive Immobilien würden nur noch verkauft, wenn man damit "wichtige Nutzer" nach Berlin holen könne. Leider aber, gab Lippmann zu, befänden sich im Portfolio des Fonds "80 Prozent Ladenhüter."

Und für die sei dann auch noch das Verkaufsverfahren zu umständlich. Hatte Lippmann bei einem Hintergrunggespräch dem Tagesspiegel noch unlängst erzählt, dass manche Kaufanträge viermal bei der gleichen Verwaltung landeten, so sprach er jetzt vor der im Saal versammelten Immobilienbranche sogar von 15 Runden durch ein und dieselbe Behörde. "Manchmal", so Fondschef Lippmann, "grenzt es an Masochismus, in Berlin zu investieren." Hiltrud Sprungala vom Landesverband der freien Immobilien- und Wohnungsunternehmen, hieb in die selbe Kerbe: Die Situation für private Wohnungsunternehmen sei in Berlin deprimierend. 1997 seien hier noch 31 000 Wohnungen gebaut worden, im Jahr 2000 nur noch 8000.

In der gesamten Region Berlin-Brandenburg habe es einen Rückgang bei den Bauleistungen um 4,8 Milliarden Mark gegeben, das entspräche zwei Prozent des gesamten Bruttosozialprodukts der Region. Berlin habe den niedrigsten Eigenheimanteil unter den deutschen Großstädten, malte sie ihr Negativszenario weiter aus. Investoren würden abgeschreckt und hätten mit einer restriktiven Kreditvergabepolitik zu kämpfen.

Unter den jetzigen Bedingungen seien wettbewerbsfähige Renditen in Berlin nicht zu erreichen. Diese seien aber "unabdingbar für Wohnungsunternehmen", sagte Sprungala. Die Politik müsse daher Verständnis für die Wohnungswirtschaft entwickeln, ergo: Mietobergrenzen, Zweckentfremdungsverbote müsse man "schrittweise abschaffen". Nach all diesen traurigen Befunden entließ Sprungala die Versammlung schließlich zum Buffet. Das war jedoch in Minutenschnelle bis auf die Dekoration abgegrast und reichte nicht annähernd für all hungrigen Vertreter der Immobilienbranche. Hoffentlich kein schlechtes Omen.

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