Zeitung Heute : Der englische Freund

„Bloß keine Abenteuer“, sagen die Menschen in Tony Blairs Wahlkreis Sedgefield. „Wir stehen in der Verantwortung“, antwortet ihnen der Premier. Noch nie unterstützte ein britischer Politiker in einer Rede so vehement die USA und ihre Forderung nach Saddams Sturz. Die eigene Partei rebelliert.

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Von Matthias Thibaut

Lässig hängt Tony Blair die Daumen in den Gürtel und schlendert heiter lächelnd über den Schulhof im sonnigen Sedgefield. „Butch Saddam and the Sedgefield Kid“, schreibt der „Telegraph“ am nächsten Tag unter ein Foto des Premier. Ein Wortspiel mit dem Titel des Westerns „Butch Cassidy and the Sundance Kid“. „Wie ein Cowboy, bereit zu ziehen“, kommentierte der „Mirror“.

Aber hängt ein Cowboy wirklich die Daumen in den Gürtel, wenn er den Revolver ziehen will? War das nicht eine eher defensive Geste, Imponiergehabe, das Unsicherheit suggeriert? Bei seinem Fernsehauftritt in Sedgefield gab Blair nicht nur den Medien Rechenschaft. Es war auch die erste Schlacht im Propagandakrieg.

Um 7 Uhr 30 war Tony Blair direkt aus Johannesburg auf dem Tyneside Airport in Newcastle eingetroffen. Ein ziemlich tristes Flugfeld in den grünen Auen Nordostenglands, wo friedlich die Schafe weiden, die Pubs Blumenkästen vor den Fenstern haben und die Rasenmäher bis weit in den Herbst hinein brummen. Sedgefield ist Blairs Wahlkreis. Hierher musste sich die Weltpresse, per Zug und Taxi, aus dem fernen London bequemen für den großen Tag.

Der Held von Sedgefield

Vormittags eröffnete Blair ein Krankenhaus, umschwärmt von Labour-Anhängern und Sicherheitsbeamten. Er lachte, schüttelte Hände und rühmte Labours Politik sozialer Fürsorge und Gerechtigkeit. Er hatte eine rote Krawatte an. Nachmittags in der Aula des „Sedgefield Community College“ stand der Weltstaatsmann auf dem Podium und kniff die Augen zusammen, als könne er in weiter Ferne, jenseits der Auen, hinter den trockenen Wüsten des Ostens, den Feind erkennen. Die Krawatte war nun silbergrau.

So lange, wie ein Western dauert, erklärte Blair seine Irak-Politik. 90 Minuten, ohne jeglichen Zweifel. Ohne dass er sich in Widersprüche verwickelt hätte oder auch nur ein Zögern ahnen ließ. 90 Minuten voll jener emphatischen Leidenschaft, die Tony Blair zu einem Star auf der Weltbühne machen. Seine Augen leuchten, die Worte sprudeln.

Entweder das Regime von Saddam Hussein „beginnt auf eine völlig andere Weise zu funktionieren, und dafür gibt es nicht viele Anzeichen, oder das Regime muss ausgetauscht werden“. So einfach ist die Wahl für Tony Blair. Noch nie hatte ein britischer Politiker so deutlich die US-Forderung nach einer Intervention im Irak und dem Sturz Saddams unterstützt. Tony Blair blickte fest in die Kamera. Al-Dschasira übertrug in die arabische Welt. Kein Zweifel, Blair hatte Saddam Hussein im Visier.

Natürlich sprach der britische Premier auch zu den Briten. Wochenlang hatte er zum Thema Irak geschwiegen. „Wartet bis Sedgefield“, hatte man Journalisten vertröstet, die immer wieder nach den Absichten ihres Premiers fragten. Doch im Land wurde debattiert, und je mehr vom Krieg gesprochen wurde, desto größer wurde das Misstrauen. In der Labour-Partei brach offene Rebellion aus. In Meinungsumfragen kletterte die Zahl der Kriegsgegner stetig nach oben. 71 Prozent der Briten, hatte der „Daily Mirror“ erst am Tag vor der Pressekonferenz gemeldet, sind gegen einen Krieg.

Auch Blairs Parteifreunde in Sedgefield wurden von Zweifeln gepackt. Während Blair den Vorhang vor dem Einweihungsschild des Krankenhauses aufzog, interviewten Kamerateams den Priester der Dorfkirche. „Wir sollten uns da nicht tollkühn hineinstürzen“, warnte Father John Cadgon, man müsse die Vereinten Nationen einschalten. „Bloß keine Abenteuer bei der gegenwärtigen Weltlage“, fügte die Bürgermeisterin von Sedgefield hinzu, fast hörte man die Furcht in ihrer Stimme. Ein Labour-Aktivist forderte schlüssige Beweise für Saddam Husseins Gefährlichkeit, und sogar Blairs Wahlkreisvorsitzender John Burton gab zu, dass es in Tony Blairs eigenem Wahlkreis keine Unterstützung für einen Krieg gebe.

Was Burton da rede, sei ganz vernünftig, sagte Blair am Nachmittag. „Die Fragen der Menschen sind völlig berechtigt. Was kommt nach Saddam? Was ist mit dem Nahost-Friedensprozess? Was ist mit der UN? Wie steht es mit der öffentlichen Meinung in der arabischen Welt? Das sind vernünftige Fragen, und deshalb sage ich auch, dass wir keine Entscheidungen getroffen haben, außer der einen Schlüsselentscheidung, der ersten prinzipiellen Entscheidung, die man treffen muss, der Entscheidung gegen das Nichts-tun.“ Und da glaubt Blair, würden ihm die meisten zustimmen. „Hat man diese Hürde einmal genommen, dann ist das eine ganz andere Debatte.“

Für Blair ist es eine Frage der politischen Moral. Seine Stimme wird noch ein bisschen eindringlicher, beschwörend. Es ist die Ihr-könnt-mir-Vertrauen-ich-bin- Tony-Stimme, die Briten kennen sie gut. „Ich würde nichts unterstützen, was falsch ist. Wir handeln und sprechen mit Amerika, einfach, weil es richtig ist.“ Fast widerwillig verspricht er, das lang erwartetete Dossier über die irakischen Massenvernichtungswaffen zu veröffentlichen, in dem auch die „potenzielle nukleare Kapazität“ des Irak beschrieben werden soll.

Je länger Blair redet, je beschwörender seine Argumentation, desto deutlicher sein Dilemma. Entschlossen und einig muss die Front gegen Saddam stehen. Nicht nur um den Feind in die Knie zu zwingen. So, glaubt Blair, kann er auch am besten Einfluss auf seinen Freund George W. Bush nehmen. Doch je kämpferischer er sich gibt, desto weniger kann er das Publikum zu Hause oder gar im übrigen Europa mit sich ziehen. Und je weniger die Menschen hinter ihm stehen, desto weniger überzeugend die Drohgebärde gegen Bagdad.

Vor allem in der Labour-Partei fordert man schnelle und unzweifelhafte Beweise für die Gefährlichkeit Saddam Husseins. Tony Blair muss sie noch vor dem Parteitag Ende September veröffentlichen, wenn er eine offene Revolte vermeiden will. Als der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im britischen Parlament, Bruce George, den Premier gestern an diesen Termin erinnerte, klang das wie eine Drohung. „Ich habe da meine Zweifel, dass harte Beweise rechtzeitig genug veröffentlicht werden, um die großen Befürchtungen der Bevölkerung zu dämpfen“, sagte der Labour-Politiker.

Den Diktator im Visier

Doch selbst wenn sich Tony Blair Sorgen machte um den Rückhalt in der eignen Partei, so ließ er sich das bei seinem Medienauftritt in Sedgefield nicht anmerken. Lächelnd wehrte er auch die Frage eines deutschen Fernsehjournalisten nach seinem Freund Gerhard Schröder ab. „Der deutsche Wahlkampf ist ohne meine Intervention interessant genug.“ Aber dann hielt er mit seiner Meinung doch nicht hinterm Berg. Es gehe auch um die europäischen Sicherheitsinteressen, auch Berlin und Paris seien seit dem 11.September nicht mehr vor Terroranschlägen sicher. „Amerika sollte mit dieser Bedrohung nicht allein gelassen werden. Der Rest der Welt steht in der Verantwortung.“

Über die Kameras von Sedgefield hat Tony Blair den irakischen Diktator Saddam Hussein ins Visier genommen und dabei zugleich die harte Überzeugungsarbeit in den eigenen Reihen begonnen. Er steht vor der schwierigsten Hürde seiner Karriere. Viele in der Labour-Partei warnen Tony Blair, dass der Irak sein politisches Ende sein könnte. Aber im Western gewinnt, wer am längsten die Nerven behält und nicht blinzelt. Geblinzelt hat er nicht. Blair mag sich ein bisschen wie Gary Cooper in dem Film „High Noon“ fühlen. Die Bürger haben sich verkrochen, allein steht er im Schulhof von Sedgefield und nimmt den Kampf gegen das Böse auf. Die Daumen in den Gürtel gehängt.

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