Zeitung Heute : Der Entdecker, der Vermittler, die Saalfüllerin

Was muss ein guter Kulturmanager können? Die Nominierten für den „Kulturmanager des Jahres“ über ihre Erfolgsgeheimnisse.

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Die Berliner Nationalgalerie, die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel und das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe – Kenner der deutschen Kulturlandschaft heben anerkennend bis ehrfürchtig die Stimme, wenn die Rede auf eine dieser drei Top-Institutionen aus den Bereichen Bildende Kunst, experimentelles Theater und Medienkunst kommt. Doch große Häuser haben ihren Ruf nicht von ungefähr; energische, kluge und leidenschaftliche Menschen haben sie groß gemacht.

Um diese Menschen zu würdigen, wurde 2006 die Auszeichnung „Kulturmanager des Jahres“ ins Leben gerufen. In diesem Jahr wurden Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard, und ZKM-Direktor Peter Weibel nominiert. Verliehen wird der Preis am 24. Oktober auf der Kulturmarken-Award-Gala in Berlin.

„Ich sehe mich weniger als Kulturmanager“, sagt Udo Kittelmann geradeheraus, der seit 2008 die Leitung über sechs Berliner Museen innehat. „Ich sehe mich eher als ein Ermöglicher und Vermittler zwischen Kunst und Publikum.“ Auch Amelie Deuflhard tut sich schwer mit der Bezeichnung „Kulturmanagerin“: „Wenn man mich fragen würde ‚Was ist dein Beruf?‘, würde ich mich eher ‚Theaterintendantin‘ nennen. ‚Kulturmanager‘ beschreibt nur einen Teil des Feldes, in dem ich arbeite.“ Gleichwohl gibt sie zu, dass man ein großes Zentrum für freies Schauspiel, Performance, Musik- und Tanztheater, wie es Kampnagel darstellt, natürlich managen müsse: „Aber das Management und die Vermarktung müssen immer von der Kunst ausgehen.“

Für Peter Weibel, der im ZKM zwei Museen für audiovisuelle und digitale Kunst, drei Forschungsinstitute und eine umfangreiche Mediathek leitet, ist der Kulturmanager-Begriff kein Widerspruch zwischen Kunst und Kommerz: „Verwaltung sehe ich als genauso ernst an wie die Kunst.“ Eine überraschende Aussage, immerhin ist der 1944 geborene Österreicher nicht nur selbst Künstler, sondern war auch Teil der Wiener Studentenbewegung: 1968 hielt er mit brennendem Handschuh eine Rede gegen die Regierung, im selben Jahr ließ er sich in einer legendären Aktion von der Künstlerin Valie Export an einer Hundeleine auf allen vieren durch Wien führen. Später betätigte sich Weibel als Medien- und Performancekünstler, Musiker, Filmemacher und Medientheoretiker, bevor er 1999 die Leitung des ZKM übernahm.

Ganz so verschlungene Wege ist Amelie Deuflhard nicht gegangen – auch wenn sie es vorhatte: „Als Kind wollte ich zum Zirkus, mit acht Jahren habe ich Zirkusarbeiter gefragt, ob ich bei ihnen mitreisen kann“, erinnert sie sich. „Meine Eltern haben es natürlich verboten, worüber ich erstaunt und verärgert war.“ Trotz ihrer Theaterbegeisterung studierte Deuflhard Romanistik, Geschichte und Kulturwissenschaften, bevor sie in den Neunzigern den Einstieg in die Bühnenbranche wagte: „Ich hatte vier kleine Kinder und dachte: Egal was ich jetzt mache, die Chancen stehen überall gleich schlecht. Also entschied ich mich für das Theater.“ Ab 1999 leitete sie mit großem Erfolg die Geschicke der Berliner Sophiensaele, setzte unter anderem die Bespielung des Palastes der Republik durch. Auch Kampnagel baute sie wieder zu einer international renommierten Spielstätte auf. „Ich hasse leere Säle“, scherzt sie, „die versetzen mich schlagartig in Depression.“

Als Udo Kittelmann als Kurator anfing, war er weder Künstler, noch hatte er studiert: Er war Augenoptiker. „Es war ein langer Prozess bis ich erkannte, dass dies nicht das war, was ich vom Leben erwartete“, sagt Kittelmann. Also riskierte er den Sprung ins kalte Wasser: 1988 begann er Ausstellungen zu organisieren – die erste in seiner eigenen Wohnung. „Mir war klar, dass es schwierig wird, und es hätte auch leicht nichts daraus werden können.“ Doch es wurde was: Von 1994 bis 2001 war Kittelmann Direktor des Kölnischen Kunstvereins, von 2002 bis 2008 leitete er das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main.

Der kuratorische Ritterschlag folgte 2008 mit der Ernennung zum Chef über die sechs Häuser der Staatlichen Museen zu Berlin, die damals auseinanderzudriften drohten: „Die zur Nationalgalerie gehörenden Museen sollten zwar ihr eigenes Profil pflegen, aber als Einheit wahrgenommen werden – heute ist das selbstverständlich.“ Verdient gemacht hat sich Kittelmann auch mit der Initiierung einer Ausstellungsserie über Outsider-Kunst 2012. „Eine Kulturinstitution sollte vor allem daran gemessen werden, wie kreativ sie sich verhält“, sagt er.

Geht es nach diesem Kriterium, spielt das ZKM ganz vorne mit: „Wir sind so etwas wie ein Max-Planck-Institut der Künste“, sagt Peter Weibel enthusiastisch. „Ich bin ein Entdecker und Forscher, ich stelle lieber unbekannte statt etablierte Künstler aus.“ Lange bevor die Londoner Tate Gallery oder das MoMA in New York ihnen Ausstellungen widmeten, waren Künstler wie Ólafur Elíasson (2001) oder Martin Kippenberger (2003) im ZKM zu sehen. „Ein guter Kulturmanager sieht früher als andere, was interessant ist“, sagt Weibel selbstbewusst. Er warte nicht ab, bis ein Künstler als Erfolgsgarant gilt. „Das hat damit zu tun, dass ich selber Künstler bin. Ich sehe, welcher Künstler ein Problem gut vermitteln kann.“

Auch ohne selbst Künstlerin zu sein, weiß Amelie Deuflhard, wie wichtig ein umfassendes Verständnis in ihrem Job ist: „Man muss kommunikationsfähig sein und sich in jeden Gesprächspartner hineindenken können, egal ob Senator, Kurator, Journalist, junger oder berühmter Künstler. Jeder Dialog sollte auf Augenhöhe sein.“ Ihre Kollegen sehen das ähnlich: „Ich habe es mit lauter Individualisten und Freigeistern zu tun. Die wollen erst mal begeistert werden, was auch eine Form von Management erfordert“, sagt Kittelmann.

Wo sich Kittelmann als Vermittler zwischen Künstlern und Publikum versteht, weist ZKM-Direktor Weibel auf das fragile Verhältnis zwischen Presse, Politik und Publikum hin: Der Vertrag zwischen diesen drei Parteien sei brüchig, ein Kulturmanager müsse als Vermittler bei allen präsent sein. „Dazu braucht man eine enzyklopädische Kompetenz!“, betont Weibel, der Französisch, Literatur, Medizin und Mathematik studiert hat.

Und wie sieht’s mit dem Geld aus? Obwohl die Finanzierung das klassische Dauerproblem vieler Kulturinsitutionen ist, thematisieren alle drei Nominierten das Thema eher nüchtern: „Die Konstruktion des Inhalts ist der erste Punkt, Akquise von Geldern immer erst der zweite“, sagt Deuflhard. „Das Geld war nie ausreichend, egal, wo ich bisher war“, meint Kittelmann lakonisch. Dies sei aber nie das größte Problem gewesen: „Wenn man an eine Sache glaubt, muss man andere überzeugen – dann wird sich das Geld schon finden.“

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