Zeitung Heute : Der erste Alarm

Italien unter der Giftgaswolke

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Am 10. Juli 1976 entwich aus der zum Schweizer Konzern HoffmannLa Roche gehörenden Firma Icmesa eine Dioxinwolke aus feinstem Staub. Während des Herstellungsprozesses von Trichlorphenol kam es zu einer Überhitzungsreaktion, die die Scheibe eines Sicherheitsventils durch Überdruck bersten ließ. Die hochgiftige Substanz gelangte über den Schornstein in die Umwelt. Die Giftgaswolke verteilte sich über größere Gebiete der zwischen Mailand und Como gelegenen Gemeinden Seveso, Meda, Cesano Maderno und Desio. Das erregte zunächst kein größeres Aufsehen. Doch als einige Tage später Haustiere starben, Pflanzen verdorrten und Menschen an Hautverätzungen und Chlorakne litten, alarmierte dies Bewohner und Behörden.

Erst mit tagelanger Verspätung klärte die Leitung der Chemiefabrik die Geschehnisse auf. Insgesamt wurden 736 Menschen zum Schutz vor dem Gift TCDD (2,37,8-Tetrachlorodibenzo-p-dioxin) aus einer 115 Hektar großen Gefahrenzone evakuiert. Nach dem Verenden von 3300 Tieren wurden bis 1978 rund 77 000 Tiere notgeschlachtet, um das Eindringen von TCDD in die Nahrungskette zu verhindern. Ärzte rieten Frauen zur Einnahme empfängnisverhütender Mittel, da Dioxine Missbildungen von Föten verursachen können. Einige Schwangere entschlossen sich zum Schwangerschaftsabbruch.

Der Konzern wendete nach eigenen Angaben mehr als 180 Millionen Euro unter anderem für Entschädigungszahlungen, Prozesskosten und die Abtragung verseuchter Erde auf. Zwei Manager wurden zu zwei beziehungsweise eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Tsp

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