Zeitung Heute : Der Fahrplan des Todes

„Zuerst dachten wir, es hätte eine Kollision gegeben“, erzählt ein Augenzeuge. Dann hörte er nur noch Schreie. Zehn Bomben waren fast gleichzeitig explodiert, in vollen Zügen, zur Rushhour. Die Attentäter hatten nur ein Ziel: So viele zu treffen wie möglich.

Helmut Schümann,Ralph Schulze[Madrid]

Von Helmut Schümann und Ralph Schulze, Madrid

Es war der Tag nach dem Sieg. Noch in den frühen Morgenstunden konnte man die Gesänge glücklicher Fußballfans in den Straßen hören. Real Madrid hatte in der Championsleague gegen den FC Bayern München gewonnen. Dann, ein paar Stunden später, schrillen die Sirenen durch die Stadt.

Die riesige Staatsflagge an der Plaza Colon weht auf halbmast. Fast im Minutentakt rasen Krankenwagen und Polizeiautos an diesem zentralen Platz vorbei, an dem Spanien seinen Stolz und seine Herrlichkeit demonstriert. Die Einsatzfahrzeuge kommen vom Bahnhof Atocha im Zentrum von Madrid und von den ebenfalls in der Innenstadt gelegenen Stationen der Vorortzüge Pozo und Santa Eugenia. Sie kommen von Schlachtfeldern.

In der Früh, als sich in Madrid die Menschen auf den Weg zur Arbeit machten, detonierten in voll besetzten Zügen, die in die Bahnhöfe einliefen, insgesamt zehn Bomben. Die ersten um 7 Uhr 39. Drei Sprengsätze explodierten zeitgleich in einem Vorortzug, der gerade in den Atocha-Hauptbahnhof der Metropole eingefahren war. Der Zug und der Bahnsteig Nummer zwei sind zu dieser Zeit voller Menschen, die zur Arbeit wollen. Sekunden später, der nächste Anschlag: Dieses Mal lassen gleich vier Bomben den nächsten Pendlerzug aus Alcala de Henares in die Luft fliegen. Rund 500 Meter vom Atocha-Bahnhof entfernt. Es ist der größte Bahnhof des Landes und der Verkehrsknotenpunkt der Hauptstadt: Rund 400000 Reisende benutzen ihn täglich. Die meisten sind Pendler, die aus den Vorstädten Madrids in die Metropole fahren.

Tote liegen auf dem Bahnsteig, neben den Gleisen, leblose Körper in den Waggons. Man sieht abgetrennte Gliedmaßen. Zerfetzte Kleidung hängt zwischen den Trümmern. Hunderte von Verletzten kriechen über den Boden. Wer noch laufen kann, rennt um sein Leben. Überall Blut, Schreie, Ohnmacht, Panik.

Zwei Minuten später, um 7 Uhr 41, zerstückeln zwei Sprengsätze Zug Nummer drei – ebenfalls aus Alcala de Henares. Dieses Mal im Stadtteil-Bahnhof El Pozo im Osten der Hauptstadt. Nur eine Minute später detoniert in einem vierten Vorortzug auf dieser Strecke im kleinen Bahnhof Santa Eugenia die letzte Bombe.

Särge aus Stahl

Die vier Züge sehen aus, als wären sie von Panzern beschossen worden. Dort, wo die in Taschen oder Rucksäcken versteckten Bomben hochgingen, prangen Riesenlöcher. Stahlgerippe, die zum Sarg wurden für etwa 200 Menschen, die Zahl der Verletzten stieg bis zum Abend auf fast 1250. Sie haben Wunden am Kopf, in der Brust, an Armen oder Beinen. Die Glas- und Eisensplitter der explodierten Waggons flogen wie Geschosse durch die Luft. Passanten versuchen zu helfen, Trost zu spenden.

Drei Tage vor den Parlamentswahlen wurde Spaniens Hauptstadt vom schlimmsten und größten Terroranschlag seiner Geschichte getroffen. Wie aus einer anderen Welt wirkt die Wahlwerbung draußen vor dem Bahnhof: „Wir verdienen ein besseres Spanien“, trommeln die oppositionellen Sozialisten. „Zusammen schaffen wir mehr“, prangt nebenan auf dem Plakat der konservativen Volkspartei, deren Sieg am Sonntag erwartet wird. Nach dem Massaker brechen alle Parteien ihren Wahlkampf ab.

Vor den Bahnhöfen stehen die zerborstenen Waggons, auf und neben den Gleisen liegen Kleider und Gepäck herum. Die Detonationen hatten nur ein Ziel: möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen. Eine weitere Bombe wurde in der Eingangshalle des Bahnhofs Atocha gefunden und konnte kontrolliert gezündet werden. Wäre sie während der morgendlichen Hauptverkehrszeit in der überfüllten Halle explodiert – es hätte noch hunderte Tote mehr gegeben.

„Ich erinnere mich nur noch daran, dass plötzlich alles in die Luft flog“, sagt eine junge Frau. Sie ist mit einem der Vorortzüge nach Madrid gefahren. „Bei der Explosion dachten wir zuerst, die Hochspannungsleitung wäre auf den Zug gestützt. Aber dann sahen wir, dass von einem Waggon nur noch das Gerippe geblieben war.“ Die gewaltigen Explosionen haben ganze Waggons in Stücke gerissen, aus anderen sind die verzweifelten Schreie von eingeklemmten Opfern zu hören.

„Zunächst glaubte ich, wir wären mit einem anderen Zug zusammengestoßen“, sagt Maricruz, eine Überlebende. „Doch als ich ausstieg, sah ich, dass einer der Waggons ein riesiges Loch hatte.“ Die Menschen in den Zügen hatten keine Chance.

Jetzt irren die Verletzten mit blutüberströmten Gesichtern durch die Straßen. Andere sitzen geistesabwesend und verloren auf dem Pflaster. Spanien steht unter Schock. „Was für die Amerikaner der 11. September war, ist für uns Spanier nun der 11. März“, sagt ein Fernsehreporter.

Die Krankenwagen der Hauptstadt reichen nicht aus, um die Verletzten in die Hospitäler zu schaffen. Viele blutende Opfer werden mit Linienbussen und Taxis in Krankenhäuser gebracht. Ein Polizist beschlagnahmt einen Autobus vor dem Hauptbahnhof: „Alle müssen aussteigen“, ruft er, „wir brauchen das Fahrzeug, um Verletzte zu transportieren.“ Die Krankenhäuser der Millionenstadt sind mit Verletzten überfüllt. Betten und Krankentragen reichen nicht aus, um alle zu versorgen. Feldlazarette werden aufgebaut.

„Bleiben Sie zu Hause“, werden die Menschen über Radio aufgerufen. Der Verkehr in der City, in der sich an normalen Tagen Millionen Menschen drängen, ist zu diesem Zeitpunkt bereits zusammengebrochen. Hauptverkehrstraßen sind gesperrt, um den Weg für Retter und Verletzten-Transporte freizuhalten. Untergrundbahnen, Nahverkehrszüge der Metropole und auch Fernzüge Richtung Madrid werden gestoppt.

Die Angst vor weiteren Bomben ist groß. Hubschrauber kreisen über der Stadt. Ein Heer von Polizisten mit Sprengstoffhunden durchkämmt Madrid.

Die Bombe in der Eingangshalle

Die Leichen werden in die Hallen des Messezentrums am Rande Madrids gebracht. Dort werden sie identifiziert. Psychologen sind spontan dorthin gekommen, um die Familien der Opfer zu betreuen. Zwei Stunden, nachdem die Krankenhäuser zum Blutspenden aufgerufen haben, wird bereits Entwarnung gegeben. „Es kamen so viele Freiwillige, dass unsere Bestände wieder ausreichen“, sagt der Sprecher eines Krankenhauses.

Nur Ärzte, Polizisten und Zugarbeiter dürfen hinter die Abriegelung am Bahnhof. Der 28 Jahre alte Mariano kommt durch die Absperrung nach draußen. Er überlebte die Explosion. „Ich hörte den Knall und sah, wie der hintere Waggon in die Luft flog.“ Zuerst blieb er neben dem Zug, um den Verletzten zu helfen. „Ich hielt ein Mädchen in meinen Armen, kurz darauf ist es gestorben.“ Mariano fällt erschöpft auf eine Bank, sein Jogginganzug und sein Gesicht sind voll mit getrocknetem Blut. „Ich bin nicht verletzt“, sagt er immer wieder zu der Sanitäterin, die ihn versorgen will, „das Blut ist unwichtig, aber ich höre fast nichts mehr.“ Die Druckwelle hat vermutlich sein Gehör beschädigt.

In den Zufahrtsstraßen zum Bahnhof stehen die Krankenwagen bereit, um in die Tiefgarage des Bahnhofs zu fahren, auch hier haben Mediziner ein Notlazarett errichtet. Ständig kommen neue Transporte an. Mirinda Soler, eine junge Ärztin, macht draußen hinter der Absperrung der Polizei Pause. Ihre Augen sind gerötet, die Stimme brüchig. „Leichen, überall liegen Leichen“, sagt sie, „in den Waggons, auf den Gleisen, im Bahnhof.“ Immer wieder gehen Trupps von Ärzten und Sanitätern in die Züge, um neue Tote und Verletzte zu bergen. Die Zahlen steigen bis zum Abend stetig an.

Vor einem privaten Krankenhaus nahe dem Bahnhof liegt ein Mann auf einer Trage. Er bedeckt sein Gesicht mit den Händen, eine Krankenschwester redet auf ihn ein. „Wir leisten hier erste Hilfe, waschen die Wunden der Leichtverletzten“, sagt sie, „wir tun was wir können, aber das ist kein Krankenhaus mehr, es ist der Schauplatz eines Desasters.“ Neben ihr steht ein Mann, er zeigt Bilder, die er mit seinem Handy am Schauplatz gemacht hat.

Auch nach dem Anschlag sind noch Explosionen zu hören. Während die Rettungskräfte eingeklemmte Menschen aus den Zügen bergen, bricht erneut Panik aus: „Alle in Deckung, alle in Deckung!“, schreien Polizisten, die einen verdächtigen Rucksack entdeckt haben. Mit einer kontrollierten Explosion wird er unschädlich gemacht.

Sofort reden alle davon, die baskische Separatistenorganisation Eta stecke hinter den Anschlägen. Aber es hat kein Bekennerschreiben gegeben, und bisher hatte die Eta stets Warnungen ausgegeben vor ihren Anschlägen. Als Spaniens Regierungssprecher Eduardo Zaplana vor die Presse tritt, ist er den Tränen nahe. „Das ist ein Massaker der Eta“, sagt er. Jene baskische Terroristen-Organisation, die vor zwei Wochen versuchte, eine 500-Kilo-Bombe in der spanischen Hauptstadt zu platzieren. Die Terroristen wurden rund 150 Kilometer östlich der Hauptstadt von der Polizei abgefangen und festgenommen.

Bis zum Abend gibt es keine konkreten Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund. Also gehen die Madrilenen vor die Stadtverwaltung und demonstrieren gegen die Eta. Die Stimmung ist aufgeheizt, die einen fordern die Todesstrafe für die Terroristen, die anderen sind gemäßigter, wollen ein freies Baskenland, aber ohne Eta-Terror. Immer wieder schreien sich Demonstranten an, ältere Frauen sind darunter, manche scheinen kurz davor, sich gegenseitig zu schlagen.

Die Sicherheitsbehörden waren seit dem Fund der 500-Kilo-Bombe in höchster Alarmbereitschaft, weil sie vermuteten, dass die Eta versuchen würde, die Hauptstadt vor der Parlamentswahl anzugreifen. Schon an Heiligabend wollte die Eta mit zwei Kofferbomben einen voll besetzten Intercityzug in die Luft sprengen. Bomben, die nach der Festnahme eines Terroristen gefunden und entschärft werden konnten. Auch diese Dynamitpakete waren so programmiert, dass sie bei der Ankunft des Zuges in Madrid explodieren sollten. Damals ist es misslungen.

Mitarbeit: Vera von Kreutzbruck

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