Zeitung Heute : Der Fall Käsemann: Späte Wahrheiten

Franz Schmider

Die Erinnerung ist geblieben. Auch wenn der Tag mehr als 24 Jahre zurückliegt. Elisabeth sei zum Abendessen bei ihr gewesen. Als sie zu ihrer Verabredung ging, "lieh sie sich meinen Mantel", schreibt Diana Austin über die letzte Begegnung mit ihrer Freundin Elisabeth Käsemann. "Sie sagte, sie würde am nächsten Tag, Mittwoch, den 9. März, um 8 Uhr, zu mir kommen. Sie kam nicht."

Elisabeth Käsemann kam nie mehr, die Verabredung war eine Falle. Am 24. Mai 1977 wird die 29-Jährige, zusammen mit 15 weiteren "subversiven Verbrechern", erschossen, angeblich bei einem Feuergefecht mit dem argentinischen Militär. Das ist die offizielle Version, die Version der argentinischen Militärjunta. Die Eltern von Elisabeth Käsemann haben sie nie geglaubt, Eva Teufel, die Schwester, auch nicht. Deshalb haben sie den Freiburger Rechtsanwalt Roland Beckert beauftragt, vor einem deutschen Gericht Strafanzeige gegen Mitglieder der Junta zu erstatten, um so den Fall noch einmal aufzurollen.

Ein erstes Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Tübingen war schon 1980 eingestellt worden, "da weitere Ermittlungsmöglichkeiten angesichts der ablehnenden Haltung der argentinischen Behörden nicht bestehen". Zu jener Zeit war in Buenos Aires noch die Militärjunta an der Macht, die am 24. März 1976, vor fast genau 25 Jahren, gegen Isabel Peron geputscht hatte. In der Folgezeit verschwanden viele Regimekritiker. Diana Austin und Elisabeth Käsemann, die seit 1969 in Argentinien lebte und dort Wirtschaftswissenschaften studierte, halfen Verfolgten der Militärdiktatur, indem sie ihnen falsche Papiere besorgten.

Dem Beispiel der Familie Käsemann sind jetzt weitere Angehörige von ermordeten oder verschwundenen Deutschen gefolgt. Die zwölf Verfahren wurden inzwischen gebündelt, zuständig ist nun die Staatsanwaltschaft Nürnberg. "Deutschland soll ein Zeichen setzen", fordert Rechtsanwalt Beckert, ein Gutachten stärkt ihm dabei den Rücken. Demnach muss die deutsche Justiz bei Verbrechen gegen deutsche Staatsbürger im Ausland gerade dann aktiv werden, wenn die dortige Justiz aufgrund einer Amnestie untätig bleibt.

Dass der Ermittler in jenem Gebäude sitzt, in dem die Nürnberger Prozesse stattfanden, ist für Roland Beckert ein solches Zeichen. Dort hat Diana Austin jetzt im Januar ihre schriftliche Aussage noch einmal wiederholt. Fünf Stunden dauerten die Vernehmungen durch den Oberstaatsanwalt, dann brach Diana Austin, die ihrer Tochter den Namen Elisabeth gab, unter der Last der Erinnerung in Tränen aus.

Im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren hat Eva Teufel noch einmal die Briefe gelesen, die ihre Eltern in jenen Wochen von der Botschaft erhalten haben. "Das Verschwinden Ihrer Tochter besorgt mich sehr", schreibt der Botschafter Jörg Kastl, man sei "sofort im hiesigen Außenministerium vorstellig geworden." Noch immer kann sich Eva Teufel über diese Reaktion erregen. "Es dreht einem noch heute alles um", sagt sie, "dieser unbeteiligte Ton." Heute ist sie so sicher wie damals: "Ich würde behaupten, dass der Fall einfach nicht interessiert hat."

Diana Austin wurde drei Tage nach Elisabeth Käsemann verhaftet. Sie sagt aus, sie sei in ein Gefängnis gekommen, in dem auch ihre Freundin inhaftiert war. Eine zweite Zeugin hat schriftlich erklärt, sie habe Elisabeth Käsemann im Foltergefängnis El Vesubio gesehen. Sie wird demnächst nach Nürnberg geladen. Auch Elena Alfaro, die dritte Zeugin, bestätigt, dass Elisabeth Käsemann Mitte Mai in dieses Lager gebracht worden ist. Eine Woche später seien 16 Gefangene, darunter Elisabeth Käsemann, mit Kapuzen über dem Kopf aus dem Lager geführt worden. Stunden später wurden sie angeblich bei einer "Konfrontation" mit Sicherheitskräften erschossen.

Am 30. Mai informierte der Chef des argentinischen Heeres über die 16 Toten. Der offiziellen Benachrichtigung beigelegt war ein Obduktionsbericht eines argentinischen Militärarztes, der die These vom Feuergefecht stützen soll und vier Einschüsse von vorne fest gestellt haben will. Vater Ernst Käsemann gelang es, den Leichnam seiner Tochter exhumieren und nach Deutschland überführen zu lassen - und hier veranlasste er eine weitere Obduktion. Ergebnis: Der Leichnam wies drei Einschüsse aus einer halbautomatischen Waffe in den Rücken sowie einen Einschuss in der Nackenregion aus einer Pistole auf. Dies seien typische Anzeichen für eine Exekution, sagt Eva Teufel.

Eva Teufel macht sich keine Illusionen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mörder ihrer Schwester und deren Helfer tatsächlich noch ihrer Strafe zugeführt werden, ist nicht gerade hoch. Denn die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der deutschen Justiz ist in Argentinien auch heute noch gering. Daran ändert auch die jüngste Gerichtsentscheidung wenig, die die Aufhebung der Amnestie gegen die damaligen Verantwortlichen in bestimmten Fällen ermöglicht. "Aber sie sollen wissen, dass sie das Land nicht mehr verlassen können, weil ein internationaler Haftbefehl gegen sie vorliegt", sagt Anwalt Beckert.

Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer erinnert sich nach eigenem Bekunden an den Fall Käsemann. An die Zeit, da in Deutschland Menschen gegen die Militärdiktatur in Argentinien demonstrierten und den Boykott der Fußballweltmeisterschaft im Land der Generäle forderten. "Fußball statt Folter", war das Motto jener Kampagne, und der damalige Bundestrainer Helmut Schön blamierte sich nach seiner Rückkehr aus Buenos Aires mit dem Satz: "Wir haben hier nichts von einer ausdrücklichen Diktatur gesehen." Wer nicht sehen wollte, der sah tatsächlich nichts. Denn wer Menschen systematisch verfolgt, foltert und ermordet, tut das gewöhnlich im Verborgenen.

Doch was hat die Deutsche Botschaft in Buenos Aires gesehen? Was wusste sie zum Beispiel über den Verbleib von Elisabeth Käsemann? Man weiß es nicht, denn die Deutsche Botschaft tut sich schwer damit, ihre Archive zu öffnen. Trotz des neuen Dienstherrn. Deswegen werden sich jetzt Richter mit der Sache befassen: Vor dem Verwaltungsgericht Berlin haben Angehörige von Opfern der Militärdiktatur die Bundesrepublik auf Akteneinsicht verklagt. Immerhin, ein bisschen hat sich die Bundesregierung schon bewegt: Die Angehörigen, aber nur sie, dürfen Akten einsehen. In Buenos Aires. Eva Teufel müsste also dorthin fahren, wo ihre Schwester ermordet wurde. "Was spricht eigentlich dagegen, die Akten nach Berlin zu bringen, damit die Angehörigen und ihre Anwälte sie dort einsehen können?", fragt Beckert.

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