Zeitung Heute : Der Fall Milosevic: Schluss mit dem Veitstanz

Stephan Israel

Es gibt kein letztes Bild von Slobodan Milosevic auf serbischem Boden. Man kann ihn sich nur vorstellen, den Ex-Präsidenten in dem blauen, fensterlosen Kastenwagen der Polizei, mit dem sonst ganz gewöhnliche Kriminelle transportiert werden. Alle hatten doch mit einem spektakulären Abgang im Konvoi verdunkelter Limousinen oder gar im Hubschrauber vom Gefängnisdach gerechnet. So aber geht Slobodan Milosevic fast unbemerkt und ganz alleine auf seine letzte Reise, selbst der kleine Haufen Sympathisanten draußen vor dem Belgrader Zentralgefängnis bekommt nichts mit. Fünf Minuten lang, heißt es in Belgrad, habe sich Milosevic gewehrt und sich dann doch in Würde und äußerlich ruhig aus seiner Zelle abführen lassen.

Zum Thema Rückblick: Milosevics Verhaftung
Link: Die Anklageschrift des UN-Tribunals (englisch) Es ist die Ironie der Geschichte, dass das letzte Kapitel im Drama um Slobodan Milosevic an einem 28. Juni geschrieben wird. Der Kreis schließt sich am höchsten Feiertag der serbischen Nationalisten: Der Sankt-Veits-Tag vor genau zwölf Jahren ist ein Meilenstein in der Karriere Milosevics und der Anfang vom Ende des alten Jugoslawiens. Milosevic redet am 28. Juni 1989 im Kosovo zu einer Million Serben, die aus dem ganzen Land auf dem Amselfeld zusammengeströmt sind. Es ist der 600. Jahrestag der Niederlage der serbischen Armee gegen die Türken. Viele der 1,8 Millionen Kosovo-Albaner haben sich aus Furcht vor Ausschreitungen in ihren Wohnungen und Häusern verbarrikadiert. Milosevic haucht draußen auf dem Feld vor den Toren von Pristina den serbischen Mythen neues Leben ein. "Seit 600 Jahren nährt die Erinnerung an den heldenhaften Kampf unseren Stolz, und der verbietet uns zu vergessen, dass wir einmal mutig und würdig waren." Und er kündigt neue Kämpfe an: "Das sind keine bewaffneten Kämpfe mehr, auch wenn selbst diese nicht ausgeschlossen werden können."

Der neue starke Mann ist Prophet in eigener Sache. Und er ist bereits Meister der Propaganda. Die staatlichen Medien in Belgrad machen den Auftritt auf dem Amselfeld zum Kultereignis der nationalen Wiedergeburt. Im ganzen Land gibt es "Kundgebungen der Wahrheit", Massenproteste gegen die angebliche Unterdrückung und Benachteiligung der Serben im Vielvölkerstaat. Milosevic galt immer als Mann ohne Überzeugungen - aber mit gesundem Machtinstinkt. Der 28. Juni 1989 ist der Tag, an dem der farblose kommunistische Apparatschik endgültig zum Heilsbringer der serbischen Nationalisten wird. Tito, die Ikone von einst, ist schon seit Jahren tot. Der Vielvölkerstaat, den er zurückgelassen hat, ist in eine schwere Wirtschaftskrise geschlittert, und Belgrad, Zagreb und Ljubljana treiben immer weiter auseinander. Milosevic macht sich zum neuen Idol, zumindest der Serben. Er richtet sich auf dem Amselfeld an die Serben außerhalb Serbiens, von Kroatien bis nach Bosnien - und bereitet das Terrain für vier Kriege.

Todesstoß für Titos Staat

"Vor zwölf Jahren hat Slobodan Milosevic unser Volk eingeladen, wie er sagte, das Ideal eines himmlischen Serbiens zu verwirklichen", sagt auch Serbiens Premier Zoran Djindjic in der Nacht nach der Überstellung im staatlichen Fernsehen. "Dies hat zu zwölf Jahren des Kriegs, der Katastrophen und des Niedergangs unseres Landes geführt." Die Karriere Milosevics nahm auf dem Amselfeld ihren Anfang und ging im Kosovo zu Ende. Der Präsident brauchte seine Kriege, um seine Macht zu zementieren und die Gegner zu Hause klein zu halten.

Zuerst 1991 der Blitzkrieg in Slowenien. Doch an der westlichsten der jugoslawischen Teilrepubliken ist Milosevic nicht wirklich interessiert. Schließlich leben dort auch praktisch keine Serben. Der serbische Präsident spielt gekonnt die Rolle des Retters des alten Jugoslawiens und unternimmt gleichzeitig alles, um dem fragilen Tito-Staat den Todesstoß zu versetzen. Im ehemals kommunistischen Osteuropa beginnen im Wendejahr 1989 die Reformen, es ist der Anfang von Demokratie und Marktwirtschaft. Doch Milosevic setzt in Belgrad auf Zentralismus und Planwirtschaft. Er treibt so eine Schwesterrepublik nach der anderen in die Unabhängigkeit.

Milosevic, der Opportunist, stachelt die kroatischen und bosnischen Serben zur Rebellion an, um seine Statthalter Milan Martic beziehungsweise Radovan Karadzic am Ende wieder fallen zu lassen. Er schafft es, vier Kriege anzuzetteln, diese zu verlieren und sich am Ende doch als Sieger zu präsentieren. Der Ex-Präsident hinterlässt kein Großserbien, sondern ein Serbien mit mehr als einer halben Million serbischer Flüchtlinge aus Kroatien, Bosnien und Kosovo. Die Todesopfer: 20 000 in Kroatien und noch zehn Mal mehr in Bosnien. Drei Jahre lang war die bosnische Hauptstadt Sarajewo von serbischen Milizen belagert, doch die Befehlskette Richtung Belgrad lässt sich nicht so einfach nachweisen. Die Offiziere des ebenfalls als Kriegsverbrecher gesuchten bosnischen Serbengenerals Ratko Mladic sind immerhin bis zum vergangenen Jahr aus dem Budget der jugoslawischen Armee bezahlt worden.

Seltsam entrückt

Das Haager UN-Tribunal hat die Anklageschrift wegen Kriegsverbrechen in Kroatien und Bosnien angeblich fast fertig. Im Fall des Kosovo-Krieges kam die Anklage 1999 prompt; sie führte jetzt zur Auslieferung in die Niederlande. Hier ist die Befehlskette einfacher nachzuweisen, weil serbische Polizei und jugoslawische Armee direkt involviert waren. Nach dem Abzug aus dem Kosovo wurde Milosevic immer mehr ein Kaiser ohne Kleider. Nur mit Hilfe von Propaganda und Polizeigewalt, den zwei Pfeilern der Macht, konnte der Autokrat seine Herrschaft noch um einige Monate verlängern.

Milosevic hat angesichts der Niederlagen und Flüchtlingsströme nie Emotionen gezeigt. Der starke Mann von Belgrad wirkte gegen Ende seiner Ära seltsam entrückt und autistisch. Er fühle sich als "moralischer Sieger", sagte Milosevic noch im Belgrader Zentralgefängnis. Er sei in Haft, weil er die Nato bei den Luftangriffen gegen Jugoslawien "gestoppt habe". Auch seine Familie und die sozialistische Partei kämpfen gegen das neue System. Mira Markovic irrte noch am Donnerstagabend vor dem Zentralgefängnis herum und wollte nicht glauben, dass ihr Mann auf dem Weg nach Den Haag ist. Sie schimpft über den "Genozid", dem ihre Familie ausgesetzt sei.

Es ist der Hubschrauber einer Sondereinheit, die Slobodan Milosevic einst selbst ins Leben gerufen hatte, der ihn am Donnerstagabend zuerst zum US-Stützpunkt im bosnischen Tuzla fliegt. Das staatliche Fernsehen, früher Sprachrohr des Präsidenten, bringt nach dem Bericht über die Überstellung erstmals eine detaillierte Reportage mit Bildern von den Leichenfunden vor den Toren der Hauptstadt. Es sind die Leichen von 36 Kosovo-Albanern. Alle haben sie in Suva Reka in derselben Straße gewohnt, bis sie am 26. Mai 1999 von serbischen Einheiten getötet wurden. Unter den Toten seien neun Kleinkinder, meldet das Fernsehen zu den Bildern von verwesten Leichenteilen und Kleidungsstücken. In der Stadt macht inzwischen die Nachricht von der überraschenden Überstellung des Ex-Präsidenten die Runde. Auf dem Platz der Republik beginnt eine versprengte Gruppe, sich zum wütenden Protest zu versammeln.

Am 28. Juni 1989 horchte eine Million Serben den Worten des neuen Idols. Zwölf Jahre später und kurz vor Mitternacht wächst die Menge auf etwa 3000 Sympathisanten an. Sie greifen Kameraleute an und verjagen sie. Vorn, auf der improvisierten Tribüne, schimpft ein Parteifunktionär noch einmal über die "Verräter", über die "Lakaien der Nato" und ruft zum Aufstand auf. Auf dem Platz der Republik herrscht eine Stimmung wie bei einem Begräbnis.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben