Zeitung Heute : Der Fall Seidl: Kein Recht - nur Rechnungen

Ralf Schönball

Siegfried Seidl hat dunkle Ränder unter den Augen, einen unsteten Blick, und wenn er von dem wichtigsten Fall seiner Kanzlei redet, dann mengen sich harte, unsachliche Worte unter das geschliffene Deutsch des Schöneberger Rechtsanwaltes. Seidls wichtigster Fall ist sein eigener: Er ging beim Kauf einer Eigentumswohnung den Vorbesitzern in die Falle. Nun sitzt er auf einem Berg von Schulden, die er nicht verursachte, aber doch wohl zahlen muss: Seidl muss nicht nur die Zinsen für die eigenen Immobilien-Kredite bezahlen, sondern nach Lage der Dinge weitere 80 000 Mark für offen gebliebenes Wohngeld. Die Schuld dafür gibt er dem Eigentümer der anderen Wohnungen in Seidls Haus. Dieser zahle keine Rechnungen. Doch Seidl sitzt mit im Boot, weil das Wohneigentumsgesetz (WEG) eine "gesamtschuldnerische Haftung" vorsieht, wie es Amtsdeutsch heißt - das ist im Fall Seidl eine Gesetzeslücke.

Der Fall Seidl ist ein besonders dramatisches Anschauungsbeispiel für die Risiken der "gesamtschuldnerischen Haftung" nach WEG. Hinter dem Gesetz verbirgt sich eine einfache und sonst sinnvolle Regelung. Sie sieht vor, dass wenn der Eigentümer einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus seine Rechnungen nicht bezahlt, die anderen Eigentümer für ihn einspringen. Der vernünftige Gedanke dahinter: Wenn ein Einzelner in Schieflage gerät, fängt ihn die Gemeinschaft auf. Nur, im Fall Seidl ist die Lage eine andere: In dem Haus, wo er seine eigenen vier Wände erwarb, gibt es sonst fast nur Mietwohnungen. Diese 80 Prozent des Gebäudes besitzt ein Mann und just der bezahlt die Nebenkosten nicht. Deshalb bleiben Rechnungen für Wasser, Müllabfuhr und andere Dienste offen. Seit zwei Jahren.

Weil Seidl mit seiner Lebensgefährtin die Verwaltung des Hauses übernahm, laufen die Forderungen bei ihm auf. Die Wasserbetriebe haben der Verwaltung einen Mahnbescheid über 10 040,59 Mark zustellen lassen. Hinzu kommen Zinsen von etwa fünf Prozent seit Ende 1999. Seidl hat keinen Anteil an diesen Kosten. Er hat die eigenen Wasser-Rechnungen stets bezahlt. "Mein ganzes Blut steckt in der Wohnung. Das kleine Erbe meines Vaters. Ich zahle meine monatlichen Raten pünktlich ab, aber auf der anderen Seite laufen diese Schulden auf", sagt der düpierte Wohnungseigentümer.

"Geborener Betrüger"

Als "Endlosschleife" bezeichnet er seine auswegslose Lage auch. Vielleicht meint er aber auch seine Befindlichkeit damit: die Hoffnung, doch noch noch einen Ausweg zu finden, und den anschließenden Rückfall in Hoffnungslosigkeit. Er habe immer alle Rechnungen bezahlt, sagt Seidl weiter, seinen Lebtag lang. Er sei halt so erzogen worden. Ausgerechnet er treffe nun aber auf jemanden, der sich dem Rechtsverkehr systematisch entziehe, auf einen "geborenen Betrüger, der es im Blut hat". Und: "Der zieht mich runter, der bringt mich in Verruf, er zerstört meine ganze Ethik", sagt Seidl. Dann, nach einer kleinen Pause, fügt er ermattet hinzu: "Was habe ich verbrochen, dass mir so etwas widerfährt?"

Es ist wohl dem Zufall zu schulden. Das Schicksal nahm seinen Lauf, zwei Jahre bevor der Rechtsanwalt seine eigene Kanzlei eröffnet hatte. Da erwarb er jene Eigentumswohnung "in der Nähe des Regierungsviertels". Seidl hatte zuvor eine kleine Erbschaft gemacht und wollte für sich und seine Lebensgefährtin "die Wohnung fürs Leben" erwerben. Er wählte einen Altbau in Moabit, wo die Preise moderat sind. Die Wohnung liegt im dritten Geschoss, er zahlte 240 000 Mark und ließ sie aufwendig umbauen. Alles war so recht nach seinem Geschmack, bevor die Katastrophe ihren Lauf nahm.

Kurze Zeit nachdem Seidl die Wohnung erworben hatte, traf er zum ersten Mal auf seinen Gegenspieler, Gustav Grauer, Chef der Firma Polygon. Das ist der Mann, von dem Seidl heute sagt, er gehöre "aus dem Verkehr gezogen", weil er "Existenzen vernichtet". Doch damals ahnte Seidl davon nichts. Im Gegenteil, Grauer machte einen guten Eindruck, er stellte sich als neuer Eigentümer des Wohnhauses vor und berichtete von seinen Plänen: Die Fassade werde renoviert und das Dachgeschoss ausgebaut. Seidl vertraute Grauer - und sollte bitter enttäuscht werden. Zunächst waren es nur Kleinigkeiten. Seidl brauchte einen Kellerschlüssel, doch die Hausverwaltung reagierte nicht. Dann weigerte sich die Verwaltung standhaft, die Nebenkosten offen zu legen.

Höhe und Abrechnung von Nebenkosten sind für Immobilien-Eigentümer sehr wichtig. Deshalb sieht das Gesetz vor, dass Verwalter den Eigentümern jährlich eine Abrechnung über ihren Verbrauch an Wasser, Strom, Müllabfuhr und sonstige Gebühren vorlegen. Die Nebenkosten enthalten außerdem eine monatliche "Instandhaltungsrücklage". So entsteht im Laufe der Jahre eine kleine Geldreserve, von der die Eigentümer unvorhergesehene Reparaturen bezahlen können. Das schafft Sicherheit. Doch dieses Geld fehlte. Es fehlt bis heute.

Die Verwaltung versagt

Damals wusste Seidl das noch nicht. Er glaubte zunächst, die Verwaltung arbeite nachlässig. Deshalb einigten sich die Eigentümer darauf, diese Verwaltung "aus wichtigem Grunde abzuberufen". Grauer selbst schlug vor, dass Seidls Lebensgefährtin die Verwaltung übernehmen sollte. Der Vertrag wurde geschlossen, mit einem Vorbehalt: Grauer selbst, werde die Verwaltung der Mietwohnungen übernehmen. Das sind über 80 Prozent aller Wohnungen im Haus. Seither überweisen die Mieter ihr Geld einschließlich umlagefähiger Nebenkosten an Grauer. Nur zwei weitere Wohnungs-Eigentümer und Seidl überweisen der neuen Verwaltung ihren kleinen Anteil an den Nebenkosten des Hauses. Die Rechnungen für Müll, Wasser, Strom und andere Gebühren aber landen in voller Höhe auf dem Tisch der neuen Verwalterin, die Seidl eine Generalvollmacht zur Besorgung ihrer Geschäfte übergab. Da Seidl keine Einnahmen hat, kann er die Gebühren nicht bezahlen. Von Grauer hat Seidl bis zum heutigen Tage nicht eine Mark erhalten.

Als Seidl begann zu erkennen, wie ihm geschieht, hoffte Seidl Recht vor Gericht zu erhalten. Doch es folgte nur eine weitere böse Überraschung: Grauer war mit seiner Firma Polygon zwar im Grundbuch eingetragen, doch dabei handelte es sich nur um eine "Vormerkung". Grauer hatte nur einen Teil des Kaufpreises bezahlt. Deshalb war der Verkäufer des Hauses formell immer noch Eigentümer der Immobilie. Der Verkäufer ist eine Gesellschaft namens "Husar". Um die steht es schlecht. Im Wirtschaftsauskunftsdienst Creditreform heißt es: Das Eigentum des Ein-Mann-Unternehmens Husar sollte "im Wege der Zwangsvollstreckung" am 6. Juli 2000 versteigert werden. Bereits im Oktober 1999 hatte deren Inhaber eine "eidesstattliche Versicherung" abgeben müssen. Anders ausgedrückt: Der Unternehmer hatte die Hosen runtergelassen, weil seine Husar überschuldet war.

Damit saß Seidl in der Falle, denn von rechts wegen müsste die überschuldete Husar die offenen Nebenkosten bezahlen. Grauers Polygon blieb außen vor, so lange sie die zweite Rate des Kaufpreises nicht gezahlt hatte. Dies geschah erst Ende 2000; seit Dezember ist die Polygon für einen Teil der Wohnungen eingetragen. Nur für Nebenkosten, die nach diesem Zeitpunkt aufliefen, kann Polygon-Chef Grauer in Haftung genommen werden. Im Klartext: Grauer konnte ganz legal zwei Jahre die Mieten einschließlich Nebenkosten für sieben Wohnungen im Hause kassieren, ohne dass Verwalter Seidl ihn dazu veranlassen könnte, die fälligen Rechnungen für die Bewirtschaftung dieser Wohnungen in dieser Zeit zu bezahlen. Außerdem zahlt Grauer keine Nebenkosten für seine eigenen Gewerberäume im Hause. Da die Gläubiger - Wasserwerke, BSR und andere - bei der zahlungsunfähigen Husar nichts eintreiben können, werden sie sich wohl an Seidl schadlos halten.

"Das ist der komplette Irrsinn, dass so ein Mann frei herumläuft", schimpft Seidl über seinen Gegenspieler Grauer. Dieser ist nicht erreichbar. Grauer hat zwar Gewerberäume im Erdgeschoss des Hauses. Doch an der Tür hängt nicht einmal ein Firmenschild. Grauers Geschäfte laufen dennoch prächtig. Er wickelt sogar Immobilien-Transaktionen mit Banken ab. Obwohl Grauer nur 800 000 Mark für das Wohnhaus zahlen sollte, trat ihm die Grundkreditbank (GKB) eine auf dem Haus liegende Grundschuld in Höhe von einer Million ab. Das war großzügig, denn Grauer leistete selbst nur eine Anzahlung in Höhe von 500 000 Mark. Kurios außerdem: Am selben Tag, als die GKB Grauer die Grundschuld abtrat, ließ sich die Landesbank Berlin (LBB) eine Grundschuld von 550 000 Mark auf Grauers Haus eintragen. Seidl vermutet, dass Grauer von der LBB einen Kredit in dieser Höhe bekam und davon den Kaufpreis bezahlte. Von den Mieten des angezahlten Hauses konnte er die Zinsen bezahlen. Die in den Mieten enthaltenen Nebenkosten stecke er in die eigene Tasche. Gegen Grauer und die Polygon konnte Seidl bisher wenig ausrichten.

Einen Erfolg erzielte er mit seiner Klage gegen die frühere Hausverwaltung. Das Amtsgericht verurteilte sie, Unterlagen und Wohngeld-Schlussrechnung bis Juli 1999 herauszugeben. Seidls Problem ist damit freilich nicht gelöst: Auch wenn er bald schwarz auf weiß belegen kann, dass die fehlenden Wohngeldvorschüsse von rund 80 000 Mark auf das Konto der Husar und deren Nachfolgerin als Eigentümerin, Grauers Polygon, gehen. An das Geld wird er so leicht nicht herankommen. Während die Husar in Liquidation ist, kann sich Grauer mit Polygon in der Gesetzeslücke verschanzen. So überreichte Seidl der Kriminalpolizei den Fall.

Als ich Siegfried Seidls Kanzlei verlassen will, bleibt das Gefühl, etwas sei unerledigt. Vielleicht, weil ich ahne, wie es sich anfühlt, unabänderlichen Umständen ausgesetzt zu sein. An der Türschwelle erzählt Seidl von den "Phasen" seiner Not. Zunächst die Zuversicht, Grauer auf dem Rechtswege das Handwerk legen zu können. Dann die Erkenntnis, dass Grauer sich jedem Zugriff entzieht. Schließlich die Gewissheit, in der Falle zu stecken - der unverschuldeten Schuldenfalle. Da steckt er bis heute drin, zwischen "Depression und Agression" hin und her gerissen, täglich mit einem aussichtslosen Fall befasst - seinem eigenen.

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