Zeitung Heute : Der falschen Mütze zuwinken

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass man sich in letzter Zeit in einigen Mitte-Clubs vorkommt wie in einer amerikanischen Fernfahrerkneipe? Wohin man schaut, überall Männer mit Truckerkappen! Obwohl der Mode-Trend nun mittlerweile auch schon zwei, drei Jährchen auf dem Buckel hat, scheint er vor allem in diesem Winter noch mehr Freunde unter männlichen Party- und Clubgängern gefunden zu haben. Dabei wärmen die Nylonschirmkappen mit Schaumgewebefront den Kopf keineswegs. Aber sie bedecken sich lichtendes Kopfhaar, und wenn man Tag und Nacht eine Schirmmütze trägt, muss man sich nicht ständig um die Frisur kümmern, das ist auch sehr praktisch. Dafür kann es angesichts der vielen Truckerkappen auch leicht zu Verwechslungen kommen. Schnell winkt man im Halbdunkel der Clubs einem Truckerkappenträger freudig zu, weil man glaubt, einen guten Bekannten zu sehen. Oder peinlicher, eine Freundin von mir griff gar kürzlich wonnevoll einem Truckerkappenträger von hinten an den Po, weil sie dachte, sie stehe hinter ihrem Geliebten. Sie irrte sich.

Aber sehen Sie selbst, wie Club-Kommunikation im Zeitalter der Truckermütze funktioniert. Denn morgen Abend spielen die DJs von Gomma Records aus München im WMF. Ein Label, das vor allem unter Truckermützenträgern sehr beliebt ist. Gomma steht für Musik zwischen 80er Jahre Electro, schrägem HipHop, Dub Disco und obskurer Neue Deutsche Welle. Zuletzt glänzte Gomma Records etwa mit einer Compilation-Reihe, die den Titel „Teutonic Disasters“ trug, in der sehr gewagte und sehr unbekannte elektronische Musik aus dem West-Deutschland der frühen 80er Jahre präsentiert wurde. Und in Kürze erscheint auf Gomma das Album der New Yorker HipHop-Legende Rammelzee, der schon zusammen mit dem Maler Jean Michel-Basquiat Platten aufnahm. Kurz: Der Name Gomma steht für ultracool. Und musikalisch dürfte morgen Abend auf der Tanzfläche ein aufregendes, wildes Musikprogramm zu erwarten sein. Und eben Truckermützen-Verwechslungsmomente.

Sollten Sie es grooviger und seelenvoller auf der Tanzfläche schätzen, dann sollten Sie lieber heute Abend ausgehen. Ebenfalls ins WMF. Denn dort findet wieder „Washing Machine“ statt, der derzeit schönste Club-Abend Berlins für waschechte House-Music. Das Durchschnittsalter bei Washing Machine dürfte um einiges höher liegen als bei der Gomma-Party, House-Music fristet heute (vor allem in Berlin) quasi ein Nischendasein, und wird vor allem von reiferen Clubgängern geliebt und geschätzt. Das Gute dabei aber ist: Die gehen aus, um zu tanzen und zu feiern. Die Laune bei Washing Machine ist dementsprechend euphorisch, vor allem wenn DJ Terrible und die DJs Clé und Dixon, die in den Neunzigern im E-Werk und den ersten WMFs spielten, alte House-Kracher von damals auspacken. Die meisten Truckermützenträger waren damals noch in der Unterprima, und dürften heute Abend eher in der Minderheit sein. Sehen wir uns?

Washing Machine, Café Moskau, Karl Marx Allee 34, Mitte. Heute Abend, ab 23 Uhr.

Gomma Gang, Café Moskau, Samstag, ab 23 Uhr.

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