Zeitung Heute : Der Fan lebt nicht vom Film allein: Nach dem Kino auf ein Bier mit den Stars

MATTHIAS OLOEW

Ganz egal, wie das Programm der Berlinale in diesem Jahr ausfällt, eins ist immer gewiß: Die gastronomische Versorgung zwischen den Filmen ist ein Problem, der Erlebnisfaktor gleich null.Zwölf Tage dauern die Filmfestspiele, und zwölf Tage soll sich der geneigte Festivalgast mit dem zufriedengeben, was in den Kinos selbst angeboten wird? Schwer verdaulich und wenig appetitlich, diese Aussichten.Da macht es sich doppelt bemerkbar, daß die zentralen Kinos der Berlinale nicht dort sind, wo die Kneipenszene der Stadt ständig für Innovationen sorgt.Also bleibt - bis zum Unzug im kommenden Jahr - erst einmal alles, wie es ist.

Ausgehzentrum Nummer eins der Festivalgäste ist und bleibt die Kantstraße mit dem Savignyplatz.Nahe dran am Delphi, dem Nabel der Forum-Sektion, und nicht allzu weit vom Zoo-Palast.Und da ist es natürlich kein Wunder, daß sich hier die Bar findet, die mit dem Rummel der Berlinale aufs engste verbunden ist, obwohl sie Paris Bar (Kantstraße 152) heißt.Jeder, aber auch wirklich jeder, der glaubt, bei seiner Suche nach einem Star auf eine sichere Bank setzen zu wollen, pilgert in diese weihevolle Traditions-Stätte.Aber wie das immer so ist.Hinter den hochgesteckten Erwartungen verbirgt sich auch nur eine normale Gastronomie, die allerdings - und das muß der Paris-Bar neidlos anerkannt werden - immer wieder das gleiche hohe Niveau erreicht.Näher dran an Delphi und Zoo-Palast ist das nicht minder traditionelle Quasimodo-Café (Kantstraße 12 a), das allerdings gerade zu Berlinale-Zeiten fast immer rappelvoll und verraucht ist.Und richtig toll unterhalten hat man sich eigentlich auch eher selten, weil die Akustik so schlecht ist.

Etwas besser könnte es diesbezüglich im Café Arc (Fasanenstraße 81a) klappen, im S-Bahn-Bogen gegenüber.Wenn nicht - und das kommt hier eben oft vor - einer der vielen Züge über die Restaurant-Bar hinwegrollt.Aber dafür ist man eben atmosphärisch dicht dran, und der Berlinale-Gast vergißt nicht, daß es sich beim Austragungsort der Festspiele um das berüchtigte Bahnhofsviertel der Stadt handelt.Während die Snacks im Quasimodo nicht immer das sind, worauf sich der gestreßte Filmfan den ganzen Tag im Halbdunkel vor der Leinwand freut, können die Häppchen und auch die Abendkarte im Arc durchaus empfohlen werden.



Weitaus ruhiger, dem Kurfürstendamm näher, und nicht minder traditionell ist das Café im Literaturhaus (Fasanenstraße 23), immer dann ein Tip, wenn zwischen den Filmen ein bißchen Tageslicht auf den fahlen Teint fallen soll.Im stilvollen Wintergarten läßt es sich ausschweifend plaudern.Fast genauso wie die Paris-Bar mythisch überlagert ist, hängt dem Florian (Grolmannstraße 52) der Ruf an, Treffpunkt der Film-Schickeria zu sein.Beim gepflegten Diner wird sogar daran gedacht, daß mitgebrachte Handys nicht nur im Kino ausgeschaltet werden sollten.In der gegenüberliegenden Savigny-Passage, wieder in den Bögen der S-Bahn, trifft der vorzugsweise anthrazit und schwarz gewandete Berlinale-Gast im Café Aedes auf die nicht wesentlich anders ausstaffierte Architekten-Szene der (westlichen) City.Wer es ein bißchen volksnäher mag, macht einen Bogen in den Bogen nebenan.Da ist es nicht ganz so schick.Oder aber der traditionsreiche Zwiebelfisch (Savignyplatz 7-8) wird mal wieder aufgetan, wo die ausgetretenen Pfade der Filmfans garantiert nicht mehr hinein-, sondern nur noch vorbeiführen.Dafür ist es angenehm uncool hier.Die Karte ist es aber auch.



Traditionalisten unter den Festivalgästen halten am Café Einstein (Kurfürstenstraße 58) fest, wenn zwischen den Filmen mehr als nur eine Stunde Zeit ist.Eine ebenso sichere Entscheidung wie etwa das Literaturhaus.Da kann man nichts falsch machen.Aber die Zeiten, in denen sich angeblich die Stars die Klinke in die Hand gegeben haben sollen, sind vorbei.

Wen es tagsüber in die Akademie der Künste verschlägt, sollte sich nicht mit dem zufriedengeben, was die Bar im Foyer so aufbrüht.Verbunden mit einem kleinen Spaziergang lockt das eigenwillig-charmante Café Buchwald (Bartningallee 29) an der Spree mit wunderbarem Gebäck, hervorragenden Torten und einem Ambiente, das es zuletzt in Tante Sophies Wohnzimmer gegeben hat, ehe sie Anfang der Achtziger das Zeitliche segnete.Knarrendes Parkett, Semi-Selbstbedienung, und eine rundum entspannende Atmoshäre.Aber: Buchwalds schließen um 18 Uhr.

Und da sind wir gleich beim nächsten Problem.Was tun, wenn der letzte Film des Tages gelaufen, aber die Zeit zum Schlafen noch nicht da ist? Rund um die Gedächtniskirche bietet sich da fast gar nichts an.Da hilft nur der Sprung in die S-Bahn.Vielleicht haben sich bei dem einen oder anderen Berlinale-Gast ja die Lokalitäten rund um den Hackeschen Markt in Mitte eingeprägt.Dort fanden gerade in den letzten Jahren immer wieder Parties statt.Sei es im Kurvenstar (Große, Ecke Kleine Präsdentenstraße), der nicht nur mit einer Tanzfläche, sondern auch einer korrekten Bar mit korrektem Speiseangebot lockt, oder im gediegenen Oxymoron in den Hackeschen Höfen.Der Hackesche Markt bietet das, was dem Zoo abgeht.Von der spanischen Snack-Bar bis zum Künstlerkeller.Die Auswahl ist groß.

Möglich also, tatsächlich dieses oder jenes bekannte Gesicht zu treffen.Und entweder beim Jazz im b-flat (Rosenthaler Straße 13) ein gemütliches Bier mit Branchen-Kollegen zu trinken oder beim Nachthäppchen im Brazil (Gormannstraße 22) Leute kennenzulernen.Weitab vom Szene-Trubel der Berlinale lockt auch die Kneipenmeile in Prenzlauer Berg.Hier dürfte dem nicht allzu zerstreuten Berlinale-Fan der Prater-Garten (Kastanienallee) noch in Erinnerung sein, in dem sich 1998 Corinna Harfouch und ihr Mann Michael Gwisdek mit ihrem letztjährligen Festivalbeitrag feiern ließen.Nur den Titel des Films, den haben wir vergessen.

Auf der Rückfahrt soll es dann noch ein Stopp in der - allerdings angegrauten - (West-)Berliner Szene-Gastronomie sein? Mit dem Faible für Trash und der Liebe zum Absacker vorm Schlafengehen ist das Kumpelnest (Lützowstraße 23) nach wie vor eine gute Wahl.Auch hier ranken sich Mythen um die illustre Gästeschar.Ethan Hawke soll vor nicht allzu vielen Berlinalen aber tatsächlich mal da gewesen sein.Ist ein problembewußter Schauspieler, wird berichtet.Schließlich hat er sich nicht darauf verlassen, was ihm in den Hotelbars und rund um die Gedächtniskirche eingeschenkt wird.

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