Zeitung Heute : Der feine Unterschied

Auch in den Unternehmen beider Länder gibt es andere Kulturen

Albrecht Meier

Schöne neue globale Welt: Da fusionieren Briten mit Deutschen, deutsche Firmen mit französischen und Amerikaner mit allen. Wer mit wem – eigentlich dürfte das keinen Unterschied mehr machen im dritten Jahrtausend, sollte man meinen. Doch weit gefehlt. Selten wird so viel Emotionalität frei wie beim Zusammenprall der deutschen und französischen Unternehmenskultur. Wenn zwischen deutschen und französischen Mitarbeitern etwas schief läuft, sind beide Seiten sehr viel schneller als in anderen vergleichbaren Fällen mit gegenseitigen Schuldzuweisungen bei der Hand, weiß Jacques Pateau, Professor für interkulturelles Management an der Technischen Universität Compiègne bei Paris.

Pateau hat selbst eine Weile gebraucht, bis er die Eigenheiten der deutschen Unternehmenskultur begriff. Eine Schlüsselszene erlebte er, als er einmal mit einem deutschen Firmenboss und dessen Chauffeur zum Flughafen fuhr. Zunächst begrüßt der Chauffeur seinen Chef höflich mit „Herr Doktor", wobei sich Pateau im Stillen über die deutsche Titel-Hörigkeit amüsierte. Als der Wagen dann in einen Stau gerät, kehrt der Deutsche den Chef heraus. „Können Sie nicht ein bisschen schneller fahren?", herrscht er den scheinbar ergebenen Chauffeur an. Worauf dieser pampig zurückgibt: „Hören Sie, in diesem Wagen weiß ich ganz genau, was ich zu tun und was ich zu lassen habe. Ich brauche keine Anweisungen von Ihnen."

Warum diese Anekdote auch für das deutsch-französische Verhältnis wichtig ist? Die Augen von Jacques Pateau funkeln spitzbübisch, wenn er vom tieferen Sinn solcher Geschichten erzählt. In Frankreich wäre der aufsässige Chauffeur wohl gefeuert worden. In Deutschland darf sich der Mann dagegen sicher fühlen, schließlich verfügt er über Kompetenz, einen klaren Zuständigkeitsbereich und gilt, wie man im Deutschen so schön sagt, als „Meister seines Fachs". Den Franzosen wiederum ist derartiges Kästchendenken völlig fremd.

Dem Unternehmensberater Pateau sind solche Unterschiede bei seiner Arbeit ständig aufs Neue begegnet. Seine Kenntnis der deutschen und französischen Firmenkultur gründet sich auf seine Berater-Tätigkeit für europäische Konzerne wie Airbus, das Luft- und Raumfahrtunternehmen EADS und den neuen Pharma- und Pflanzenschutzgiganten Aventis. In all diesen Firmen haben deutsche und französische Mitarbeiter lernen müssen, an einem Strick zu ziehen.

Fangen wir mit dem deutsch-französischen Klischee an: An der roten Ampel bleiben alle Deutschen brav stehen, während die Franzosen, kurzer Blick nach links, kurzer Blick nach rechts, einfach weiterlaufen. Auf Pateaus Erklärung, die Franzosen hielten sich im Gegensatz zu den Deutschen für frei und intelligent genug, um selbst darüber zu entscheiden, wann sie vor einer roten Ampel stehenbleiben, wäre man vielleicht ja noch selbst gekommen. Der eigentliche Clou liegt in der Freiheit, die Pateau meint: die Freiheit des Einzelnen in seinem Unternehmen.

Heißt das nun, dass der Chef in Frankreich weniger zu sagen hat als in Deutschland? Das nun auch wieder nicht. Typisch ist hier, dass der französische Chef seine Entourage bildet. Aber wo der Sonnenkönig herrscht, ist die Fronde nicht weit. Mitarbeiter eines französischen Unternehmens können offenbar nur dann die Autorität von Vorgesetzten akzeptieren, wenn sie sich die Möglichkeit der Rebellion offen halten. Hier kann jede Entscheidung, auch die hochrangigste, immer noch einmal auf den Prüfstand kommen. Eine deutsche Mitarbeiterin klagt: „Die Franzosen treffen ihre Entscheidungen nicht nur beim Meeting, sondern auch beim Café und beim Abendessen."

Wie unterschiedlich Deutsche und Franzosen die Welt sehen, kommt gerade nach Firmen-Fusionen zum Vorschein. Als das deutsche Traditionsunternehmen Hoechst mit dem französischen Pharma-Konzern Rhône-Poulenc zum neuen Konzern Aventis verschmolz, sollte eine gemeinsame Unternehmensbroschüre gestaltet werden. Die Franzosen zeigten in ihrem Entwurf farbenfrohe Bilder von Erwachsenen und Kindern. Im deutschen Entwurf waren Gebäude und Landschaften zu sehen. Am Ende wurde ein französischer Vorschlag akzeptiert.

Menschen oder Landschaften: Franzosen scheinen ihr Augenmerk bei ihrer Arbeit eher auf den „Menschen" zu richten, während bei den Deutschen die „Sache" im Vordergrund steht. So sind Franzosen oft verblüfft, dass Deutsche bei ihrer Arbeit streng nach dem Muster „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps" verfahren. Und mancher Franzose wundert sich, dass ihn dieselben deutschen Kollegen, mit denen er noch am Abend zuvor ausschweifend gefeiert hatte, am nächsten Morgen wieder am Arbeitsplatz so nüchtern begrüßten, als sei nichts geschehen. Franzosen brauchen dagegen auch tagsüber ihre „convivialité", also einen netten Plauderton, der sich nicht darin erschöpft, dass man den Kollegen morgens „Guten Tag" wünscht. Bei der Weihnachtsfeier in einer Berliner Firma kam der Chef in seiner Rede nach und nach auf seine einzelnen Mitarbeiter zu sprechen – darunter auch ein Franzose. „Ihn erkennt man daran, dass er den ganzen Tag lächelt,“ sagte der Chef.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar