Zeitung Heute : Der Fernseh-Doktor
Der schwarze Laptop ist seine Rettung. Ohne ihn würde Frank Ulrich Montgomery vermutlich seit Stunden durch die Flure seiner Bundesgeschäftsstelle in Berlin tigern. In Düsseldorf, gut 500 Kilometer entfernt, ringen die Ärztegewerkschaft Marburger Bund und die kommunalen Kliniken um eine Einigung im Ärztestreik. Fast stündlich legen mittlerweile die Arbeitgeber neue Zahlen vor. Nach acht Wochen Streik ist die Einigung plötzlich ganz nahe. Und er, der Vorsitzende der Gewerkschaft, wartet in seinem erstaunlich kleinen Büro, eingekeilt zwischen Schreibtisch und Wand, und kann nichts anderes tun, als am Laptop immer wieder die Angebote nachzurechnen.
Und dann zu warten, dass das Handy wieder klingelt und seine Leute ihn fragen, was sie als Nächstes tun sollen. Er jagt dann jedes Mal Gehaltstabellen über den Computer-Bildschirm. Seine Stunde kommt noch, wenig später. Am Donnerstagnachmittag werden sich die Ärzte und die Arbeitgeber einigen. Aber in diesem Moment wagt keiner, den genauen Zeitpunkt vorherzusagen.
So sind die Regeln. Erst wenn eigentlich alles klar ist, wenn die Tarifkommissionen alle strittigen Details geklärt haben, dann haben die Chefs ihren Auftritt.
Und wenn die deutsche Ärzteschaft ein Gesicht hat, dann ist es das von Frank Ulrich Montgomery, 54, verheiratet, zwei Kinder, Oberarzt für Radiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Seit Monaten flimmert es über die Fernsehschirme, wenn wie gerade erst in Frankfurt am Main Tausende Ärzte in ihren Kitteln durch die Innenstädte ziehen. Oder anderswo aus Protest baden gehen , um darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Bezahlung und ihre Arbeitszeiten schlecht seien.
Montgomery gibt den Einheizer, den Motivator, den Polarisierer. Das ist seine Rolle, spätestens seit der Marburger Bund in einem radikalen Schritt die Zusammenarbeit mit der Großgewerkschaft Ver.di aufgekündigt hat. Und Montgomery spielt sie gerne. In einem Radiointerview tönte er, wenn Ver.di einen Tarifabschluss für Mediziner erledige, sei das so, „als wenn die Gewerkschaft der Kulissenschieber die Honorare für die Schauspieler aushandelt“.
Der Aufschrei, der folgte, war exakt kalkuliert. Abgesehen davon offenbart der Vergleich eine Selbsteinschätzung. Der Mann, den alle Monti nennen, ist ein gewiefter Schauspieler, einer, der sich dauernd selbst inszeniert. „Dr. Montgomery, bekannt aus Funk und Fernsehen“, sagt er und grinst zufrieden. Selbst Freunde halten den Sohn eines englischen Offiziers für eitel. Als ihm an diesem Morgen ein neuer Mitarbeiter über den Weg läuft, bleiben seine Augen an dessen schwarzem Polohemd hängen. „Sie haben den gleichen Geschmack wie ich“, sagt Montgomery. „Gut für Sie.“
Vielleicht muss man eitel sein, wenn man das Gesicht der deutschen Ärzteschaft ist, ein gebräuntes Gesicht mit britisch-buschigem Schnauzbart und schwarzgeränderter Brille. Montgomery sei ein begnadeter Kampagnenführer, sagt der niedersächsische Finanzminister Hartmut Möllring, Widersacher im kürzlich zu Ende gegangenen Tarifkonflikt um die Unikliniken. „Dafür weiß er manchmal nicht im Detail, was eigentlich in den Tarifverträgen steht.“
Ein ermutigender Anruf kommt um kurz nach elf. „Was gibt’s?“, ruft Montgomery ins Handy, springt auf und verschwindet im Flur. Nach ein paar Minuten kommt er zurück, plötzlich die Ruhe selbst. „Es brennt“, sagt er wohlig. Sie brauchen ihn. Die Gespräche stehen auf der Kippe, seine Tarifkommission war unsicher: Angebot annehmen oder Verhandlungen abbrechen? Gleich startet die Telefonkonferenz mit dem Vorstand.
Hinterher gibt Montgomery, der Schauspieler, erstmal den Geheimnisvollen. Man habe sich darauf geeinigt, gegenüber der Presse Stillschweigen zu bewahren, sagt er, dreht seinen Ledersessel gen Fenster und blickt sinnierend aus dem Fenster, den Brillenbügel im Mundwinkel. Draußen braust der Verkehr über die Reinhardtstraße zwischen Deutschem Theater und der Charité, und Montgomery nickt. „Es sieht gut aus“, sagt er nachdenklich, wie zu sich selbst. „Sehr gut.“ Das Ende des Streiks ist nun greifbar.
Auch für Montgomery sieht es gut aus derzeit. Er will Präsident der Hamburger Ärztekammer werden. Das war er schon mal, von 1994 bis 2002, bis er aus dem Amt gejagt wurde. Sein Wahlaufruf für Gerhard Schröder kam nicht gut an. Doch mit der Liste des Marburger Bundes im Rücken scheint seine Wahl jetzt nur noch Formsache zu sein. Geht es nach ihm, dann ist es wohl kaum mehr als eine Station auf dem Weg nach ganz oben: Präsident der Bundesärztekammer zu werden, der höchsten Standesvertretung, das ist der Traum, dem ihm viele nachsagen, den er selbst mit einem Grinsen kommentiert und einem oft gehörten Politikerspruch: „Diese Frage stellt sich derzeit nicht.“ Augenzwinkern. Es folgt der sinnende Blick aus dem Fenster, das Knabbern am Brillenbügel. Und schließlich doch ein Satz, den man als Bewerbung interpretieren kann. „Die großen ethischen Fragen, mit denen Ärzte sich konfrontiert sehen, haben mich schon immer sehr bewegt“, sagt er. „Sie im Zwiegespräch mit der Politik zu beantworten, das ist eine einzigartige Chance, die man als Präsident der Bundesärztekammer hat.“ Seine Gegner werfen ihm vor, er habe den Streik eskalieren lassen, um sich in den Vordergrund zu spielen, um frühzeitig Lobbyarbeit für seine Kandidatur zu betreiben – auf Kosten der Öffentlichkeit und der Patienten, die unbehandelt blieben. „Ihm ist nur an Krawall gelegen“, sagt Thomas Boehle, der Präsident der kommunalen Arbeitgeberverbände.
Am Mittwoch, auf der Demo in Frankfurt am Main, zelebriert Montgomery die gute Botschaft der nahen Einigung: „Nachdem ich weiß, wie es gerade in Düsseldorf steht, sage ich nicht ,Auf Wiedersehen’, sondern ,Tschüss’.“ Am Morgen danach scheint alles wieder anders. Keine Einigung, Ernüchterung. Und dann, kurz vor vier am Nachmittag, die Meldung. Es ist geschafft. Und doch, Dr. Montgomery wird Funk und Fernsehen erhalten bleiben. „Es kommen ja noch die kirchlichen Krankenhäuser.“ Fast klingt es, wollte er sich selbst trösten.





