Zeitung Heute : Der Fluch der Seuchen: Wenn die die Gefahr näher kommt

Jürgen Zurheide

Bernd Koenemann schüttelt immer wieder den Kopf. "Nein", beginnt er seinen Satz, und dieses Nein wiederholt er gleich mehrmals, bevor er fortfährt, "es wird am Wochenende definitiv kein Rennen auf der Galopprennbahn geben." Koenemann sagt diese Worte ganz ruhig, aber seine Hände verraten, dass er überhaupt nicht ruhig ist. Denn am Wochenende sollte auf seiner Rennbahn der "Sandbahn Grand Prix" stattfinden, der mit 70 000 Mark dotiert ist und als das wichtigste Pferderennen der Republik auf einer Allwetterbahn gilt. Doch Koenemanns Rennbahn hat einen entscheidenden Nachteil: Sie liegt in Neuss nicht nur in unmittelbarer Nähe zum Rhein, ganz in der Nachbarschaft befindet sich der Hof jenes Bauern, dessen 1500 Schafe am späten Dienstagnachmittag getötet wurden, weil es einen ersten leisen Verdacht auf die Maul- und Klauenseuche gibt. "Weil wir im Sperrbezirk liegen", erklärt Bernd Koenemann, "stehen auch unsere Pferde unter Quarantäne, und da können wir kein Rennen veranstalten."

Bärbel Höhn nickt nur beifällig, als sie davon hört, dass das Galopprennen in Neuss am Wochenende ausfallen wird, sie hat andere Sorgen in diesen Stunden. Ihre Mitarbeiter telefonieren pausenlos und fragen mal die neuesten Nachrichten aus dem Forschungslabor in Tübingen ab, dann wieder muss die Arbeit der nachgeordneten Behörden wie der Regierungspräsidenten koordiniert werden. "Wir stehen am Rande einer Katastrophe", hatte die Düsseldorfer Verbraucherministerin spontan ausgerufen, als sie von dem Verdacht auf dem Weg zu einem Interview erfuhr, und dieser Satz hat ein lebhaftes Echo in der ganzen Republik ausgelöst.

"Ja, wir stehen am Rande einer Katastrophe", wiederholt sie auch am Tag danach, denn inzwischen gibt es nicht nur drei, sondern gleich fünf Verdachtsfälle. "Bei drei Schafen in Neuss und bei zwei Tieren in Aachen wurden Antikörper zur Maul- und Klauenseuche im Blut gefunden", erklärt die Düsseldorfer Ministerin. Das bedeutet zwar noch nicht, dass die Seuche auf dem Kontinent angekommen ist, aber besonders groß ist die Distanz offenbar nicht mehr. "Da die betroffenen Tiere aus England stammen, haben sie sicher Kontakt mit infizierten Schafen gehabt", haben die Fachleute Frau Höhn erklärt.

Dass ihre Berliner Kollegin, Renate Künast, die möglichen Gefahren mit der Bemerkung "die beiden Verdachtsfälle sind dabei, sich als negativ zu erweisen", relativiert haben soll, löst bei Bärbel Höhn leichtes Stirnrunzeln aus. In ihrem Haus hat man solche Nachrichten aus Tübingen nicht erhalten, "dabei telefonieren wir fast pausenlos", schiebt sie hinterher. In der Tat züchten die Tübinger Experten zurzeit Zellkulturen, in denen sie den Erreger der Seuche finden könnten. "Das Ergebnis haben wir aber frühestens am Wochenende", erklärt Bärbel Höhn, und weil das so ist, will sie die strengen Maßnahmen nicht ansatzweise lockern.

Die beiden Höfe in Neuss und Aachen sind großflächig abgeriegelt. Im Umkreis von jeweils drei Kilometern dürften Tiere nicht mehr bewegt werden, und selbst die Mitarbeiter der Bauern müssen ihre Schuhe desinfizieren, wenn sie das Gebiet verlassen wollen. "Die Seuche ist hoch ansteckend", weiß Bärbel Höhn längst, und deshalb plädiert sie dafür, schon zu Beginn möglichst hart durchzugreifen, um den Ausbruch der Krankheit vielleicht noch verhindern zu können. Sie hat aus den Erfahrungen der Nachbarn gelernt: "Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Niederländer, die vor Jahren anfangs zu lasch waren und später neun Millionen Tiere töten mussten."

Die wirtschaftlichen Auswirkungen halten sich im Übrigen für die beiden Bauern in Neuss und Aachen in engen Grenzen, sie werden aus der Tierseuchenkasse entschädigt. Das hilft einem türkischen Familienvater allerdings nur begrenzt, der am Mittwoch vor den Sperren in Neuss steht. Er hatte für das islamische Bairam-Fest am 5. März beim Bauern ein Lamm vorbestellt und auch schon 50 Mark angezahlt - doch die toten Tiere sind längst abtransportiert worden.

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