Zeitung Heute : Der Fluch, die Frau zu sein

Wolf-Jobst Siedler

Sind die Frauen der Dichter zu beneiden oder zu bedauern? Katia Mann, wenn man sie zuletzt in Thomas Manns Haus in Kilchberg über dem Zürichsee besuchte, fragte den Besucher mitunter halb verwirrt, halb verschmitzt: "Wissen Sie eigentlich, mit wem ich verheiratet war?"

Die Frauen der Dichter haben alle eine heikle Bevorzugung genossen, wenn ihnen auch allein durch ihre Männer ein Überleben in der Geschichte gegeben wurde. Wer wüsste sonst etwas von Christiane Vulpius, ausser dass sie sehr früh in die Breite ging und dem Wein so zugetan war, dass sie mitunter auf dem Tisch eines Jenaer Studentenlokals tanzte? Von Charlotte Lengefeld, der Frau Schillers, spricht niemand mehr, obwohl sie doch in der Erinnerungen ihrer Zeitgenossen sehr angenehm weiterlebt. Auch das Bild der Frauen Gerhart Hauptmanns, zuerst Marie Thienemann und nach 1904 die blutjunge Violinistin Margarete Marschalk, ist im Laufe der Jahrzehnte blass geworden. Ein schwieriges Privileg, sein Leben mit einem Genie zu verbringen.

Selbst der Name der Frau Theodor Fontanes ist wenigen noch geläufig. Dabei hat Emilie Fontane, geborene Rouanet-Kummer, fast ein Leben lang an der Seite ihres Mannes verbracht, der erst ein schlecht bezahlter Journalist und Geheimagent der preussischen Regierung war, dann ein in Norddeutschland beliebter Balladendichter und ganz zum Schluss erst mit fast sechzig Jahren der Erzähler wurde, als der er in die Geschichte einging. Sieht man ihre Photos, weiss man nicht recht, was Theodor Fontane im Oktober 1850 so bezauberte, dass er ihr regelrecht verfiel, zumindest wenn man sein sprödes Temperament in Rechnung stellt. Er war damals so mittellos, dass eine jahrelange Brautzeit folgte, bis sie ihn im Alter von 26 Jahren heiraten konnte.

Hinter der Weidendammer Brücke hatte er ihr seinen Antrag gemacht, der von dem Mädchen aus verarmter, aber guter hugenottischer Familie sofort angenommen wurde. Ein coup de foudre war es dennoch nicht gerade, beide hatten ja sonst nicht viel Chancen. Durch sprühenden Witz und geistvollen Esprit wäre Emilie niemandem aufgefallen, und seine verlässliche Liebe brachte sich wohl auch erst in den mittleren und späteren Jahren zur Geltung. Sie ihrerseits liebte ihn herzlich, wenn sie ihn auch peinlicherweise jahrzehntelang mein "Alter" nannte, lange bevor er wirklich alt war. Aber sie hatten sich so ineinander eingelebt, dass sie am Ende nicht mehr allein denkbar waren. Dieser Verlässlichkeit verdankt man drei Bände "Familien-Briefe": Sie schrieben sich, wann immer sie getrennt waren, fast täglich.

Aber sie ahnte wohl wenig, mit wem sie eigentlich verheiratet war, wenn sie auch seine Manuskripte drei- oder manchmal viermal geduldig abschrieb. "Es tut mir leid, dass Du Dich so ungeheuer langweilen musst", schrieb der bald Achtzigjährige ihr zu seinem letzten Roman, dem "Stechlin", der nun wirklich in die Weltliteratur wies.

Bei der legendären Feier zum 75. Geburtstag in der Wohnung Fontanes, wo der junge Gerhart Hauptmann, Otto Brahm und Paul Schlenther zusammengekommen waren, soll sie - nach den Memoiren Hauptmanns - mit Liebe von ihrem Mann gesprochen, aber hinzugefügt haben: "Er ist ja gar kein Dichter, er ist ja gar kein Dichter", was wahrscheinlich der Meinung der meisten Zeitgenossen entsprach, die ihren Begriff vom Dichtertum an Goethe und Schiller gebildet hatten. Aber vielleicht hat Gotthard Erler, der Autor der gerade zum 100.Todestag Emilie Fontanes am 18. Februar erscheinenden ersten Biografie doch Recht mit seinem Zweifel an der Korrektheit dieser Reminiszenz. Emilie wie ihr Mann genossen es sehr, endlich im Alter wirklichen Erfolg, fast Berühmtheit gewonnen zu haben und da soll sie zwei wichtigen Theaterleuten Berlins Gedanken anvertraut haben, die sie insgeheim über ihren Dichter-Ehemann gehabt hat?

Über Hunderte von Seiten hat man Gelegenheit, Emilies Leben von der Mitte des Jahrhunderts bis zu dessen Ausgang zu folgen, minutiös sogar, fast zu detailfreudig. Aber was blieb Gotthard Erler bei einem Leben anderes übrig, das an grösseren Ereignissen dem Biografen wenig bietet? Natürlich waren sie in ihrer Jugend einmal nach Venedig, Rom und Neapel aufgebrochen, und jahrelang hatte Fontane als Korrespondent in London sein Auskommen suchen müssen. Aber im Grunde zählte das alles für sie beide wenig, weder London oder Paris noch Rom. Als sie endlich in ihre beengte Wohnung zurückgekehrt waren, notiert Emilie in ihr Tagebuch: "Ich war froh, als ich wieder auf freiem Platze war, u. meinen lieben alten Himmel, blau u. klar, ohne Heilige, Gekreuzigte, Himmel und Himmelfahrt sah".

Die Grundstimmung dieses Lebens war selbstbewusste Resignation, von der frühen Jugend bis zum späten Alter. Und in diesen Zusammenhang gehört der Satz: "Die Anerkennung ohne Überschätzung, die er in seiner Familie findet, mag ein Trost sein für sein fast freudloses Alleinstehen in der Aussenwelt."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben