Zeitung Heute : Der Fluss lebt

Bedrohte Fische kehren langsam in die Elbe zurück

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„Die Flutkatastrophe an der Elbe hat mich nicht überrascht“, sagt Peter Ergenzinger, pensionierter Professor für angewandte Geografie an der FU. Der alte Herr muss es wissen: Seit Jahrzehnten forscht er über Flüsse, seit der Wende über die 1090 Kilometer lange Elbe.

Schon im Frühjahr hatte sich Ergenzinger in alte, präzise Karten des Hochwassers von 1847 vertieft. „Schon damals hatte das Elbehochwasser die Semperoper eingekreist und fast den Pegel von neun Metern erreicht“, sagt Ergenzinger. Im vergangenen Jahrhundert wuchs die Elbe nur zweimal auf fast neun Meter an, im 19. Jahrhundert erreichte der einst schmutzigste Fluss Europas sieben Mal diesen Pegelstand. „Wir hatten im 20. Jahrhundert einfach Glück“, meint Ergenzinger, der nicht versteht, warum die Anwohner die stets lauernde Gefahr eines Extremhochwassers verdrängen.

„Der Mensch hat in diese äußerst dynamische Flussgebietsstruktur gravierend eingegriffen“, erzählt auch Ralf Thiel vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. „In der Zeit von 1750 bis heute sind die notwendigen Überflutungsauen um 85 Prozent auf 83 000 Hektar an der Elbe zurückgegangen“, ergänzt der Geograf Carsten Wirtz. So holzten die Menschen Wälder ab, wandelten Auen zu landwirtschaftlichen Nutzflächen um, bauten Deiche, begradigten die Elbe, um sie schiffbar zu machen und versenkten Nebenflüsse wie die Weisse in der Erde.

Am Beispiel eines 35 Kilometer langen Abschnitts der unteren Mittelelbe – von Havelberg bis Wittenberge – haben die FU-Geografen gemeinsam mit fünf wissenschaftlichen Instituten und Museen für Fischereibiologie jüngst ein „fischökologisches Leitbild für die mittlere Elbe“ (Elfi) entwickelt.

Durch den Zusammenbruch der Industrie in der ehemaligen DDR sind die Schadstoffe in der Mittelelbe wie Quecksilber, Cadmium und Blei seit den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig wirkt es sich positiv auf die vorhandenen Fischarten aus, dass die Elbe seit 1945 wesentlich weniger für die Schifffahrt genutzt wird: So konnten sich Stillwasserzonen, Sand- und Kiesbänke, vegetationsreiche Uferrandzonen bilden, die für das Laichen notwendig sind. „Der aktuelle Fischbestand in der mittleren Elbe ist mäßig, nur selten fangen Fischer Lachs, Quappe, Zährte oder Schleie“, erzählt Ralf Thiel, der das Elfi-Projekt leitete. Die Wissenschaftler sind aber auf Grund der besonderen Situation der Mittelelbe optimistisch, dass „längerfristig ein sehr guter fischökologischer Zustand der Elbe erreicht werden kann“. Dies setzt Maßnahmen wie die weitere Reduzierung von Schadstoffen, die Rückverlegung von Deichen oder das Schaffen von Inseln und Sandbänken voraus.

Das Team der FU-Geografen lieferte die Basisdaten, damit die Fischereibiologen beurteilen können, wo Quappe, Zährte oder Flussneuaugen sich am liebsten tummeln. Hoch- und Niedrigwasser wirkt sich ebenfalls auf die Habitate der Fische aus, weshalb die FU-Geowissenschaftler mit Echolot und Satellit mehrfach Messungen durchführten.

„Natürlich haben wir auch bei dem aktuellen Hochwasser Messungen an der unteren Mittelelbe gemacht“, sagt Wirtz, doch hätte das FU-Team keine deutlich höhere Fließgeschwindigkeiten als während der jährlichen Winterhochwässer ausmachen können. Der Pegelstand lag allerdings im Raum Wittenberge um 1,5 Meter höher. Wir müssen die Flüsse zurückbauen und endlich die Lehre aus den Überschwemmungen von Elbe oder Oder der vergangenen Zeit berücksichtigen“, meint Ergenzinger. Hierzu sei es unabdingbar, solche Karten wie 1847 herzustellen, die den Verlauf des Hochwassers genau dokumentieren. Felicitas von Aretin

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