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Zeitung Heute : Der Fortschritt kommt mit 130 Sachen – aber zu kurz

21.05.2012 00:00 Uhrvon

Weite Wege führen so schnell nicht zum Ziel: Der Renault Kangoo Z.E. im Praxistest auf der Kurzstrecke.

Eine Reichweite von 160 Kilometern ist ja nicht die Welt. Wenn man zum Beispiel von Berlin nach München fahren will, sind das laut Routenplaner 589 Kilometer. Ladezeiten eingerechnet braucht man dafür mit einem elektrischen Renault Kangoo Z.E. 24 Stunden. Wenn es gut läuft. Wenn es nicht so gut läuft, 30 Stunden.

Und zwar ungefähr so: Man fährt, sagen wir am ICC, auf die Avus. Man fährt 160 Kilometer weit, dazu braucht man mit dem Renault Kangoo Z.E. – das Z.E. steht für Zero Emission – ohne Staus etwa eineinhalb Stunden. Wenn man nach 160 Kilometern einen Starkstromanschluss hat, hat man nur sechs Stunden Pause. Bei normalem Wechselstrom darf man gut und gerne zwei Stunden länger schlafen.

Aber weiter auf der Reise. Wenn der Akku voll ist, kann man wieder 160 Kilometer fahren, da ist man dann schon tief in Thüringen, muss aber wieder sechs bis acht Stunden pausieren. Kurz und gut: Nach drei Teilabschnitten und zwei Ladevorgängen ist man gut hinter Nürnberg, mit ein bisschen Glück auch schon im schönen Altmühltal. Dann geht es ruckzuck, eine läppische Ladezeit und dann kommt man mit der neuen Reichweite leicht bis München rein, sogar bis Schwabing, vielleicht auch bis zum Stachus, da findet sich bestimmt eine Steckdose.

E-Mobility, Elektroautos, sie sind in aller Munde, a) weil die Sensibilität für die Umwelt gewachsen ist (ein ideologischer Grund, vielleicht sogar ein ideeller), b) weil das mit unseren Benzinpreisen so nicht mehr weitergehen kann (ein pekuniärer Grund) und c) weil die Kanzlerin für das Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf unseren Straßen anpeilt (ein politischer Grund). Eine Million. In nur noch acht Jahren. Ein ehrgeiziges Ziel, im Jahr 2011 wurden etwa 2000 Elektroautos in Deutschland angemeldet. Es ist noch ein weiter Weg.

Wir haben ihn also getestet, diesen Renault Kangoo Z.E. Getestet ist etwas übertrieben, der Fahrer ist technisch eher unbedarft, teilt aber die umweltpolitische Motivation und ist ansonsten Fahrradfahrer.

Der erste Eindruck vom Fahrzeug: Es geht nicht um die Ästhetik, wenn es um die Umwelt geht. Der zweite Eindruck bei der Umrundung des weißen Kastenwagens: Hey, der hat ja wirklich keinen Auspuff. Mit der Erkenntnis einher geht ein gewisses Anwachsen der Erhabenheit des Fahrers: Wow, ich bin ein Umweltaktivist, vorbildlich, beispielgebend. Na ja, wir werden sehen.

„Gentlemen, start your engines!“ Dazu dreht man einen Schlüssel, ganz wie im herkömmlichen Benziner. Doch es passiert nichts. Man dreht noch einmal, nichts! Ein drittes Mal. Ruhe unter der Haube. Kurz mal im Leerlauf den Motor aufheulen lassen. Aber da heult nichts, bis die Erkenntnis reift, dass ein Elektroauto nicht aufheult. Der Wagen ist längst an, und hätte man schon den Gang eingelegt gehabt, hätte der Wagen einen gewaltigen Satz gemacht und die Schranke zum Hof wäre jetzt kaputt.

Es ist eine Sache der Gewöhnung, nichts zu hören. Ganz leise, kaum vernehmlich, surrt der Renault, nur das Rollgeräusch der Reifen auf dem Asphalt hat ein gewisses Geräuschpotenzial.

Nichts zu hören, ist für den Fahrer das eine. Nicht gehört zu werden, ist für ihn und andere Verkehrsteilnehmer das andere. Auf dem Kurfürstendamm fahren zwei Radfahrer vorschriftsmäßig auf der Bus- und Taxi- und Radfahrerspur. Sie fahren zügig, aber der Renault fährt zügiger, der ist nämlich ganz schön spritzig, und überholt die beiden Radfahrer. Vorschriftsmäßig, mit angemessenem Abstand. Und trotzdem erschrecken die beiden Radler fast zum Umfallen, weil da plötzlich ein Auto neben ihnen ist. Ein anderes Mal überquert eine ältere Frau eine kleine Seitenstraße. Sie hat wohl im Laufe der vielen Jahre vergessen, was sie als Kind lernte, nämlich an der Straße nach links und nach rechts zu schauen. Das sollte nicht passieren, geschieht aber. Wir lernen: Als Fahrer eines geräuschlosen Elektroautos müssen wir noch wesentlich stärker die Reaktionen der anderen Verkehrsteilnehmer berücksichtigen. Die herstellende Industrie hat das Problem erkannt und arbeitet an einem Geräuschverstärker. Den haben wir aber noch nicht. Wir könnten die Scheibe öffnen, uns an unsere Zeit im Tretauto erinnern und laut zum Fenster hinaus „Brumm, brumm!“ rufen. Machen wir natürlich nicht.

Bei Regen und Kälte tauchen die nächsten Probleme auf. Täuscht das oder entleert sich der Akku noch schneller, wenn der Scheibenwischer wischt, wenn man den Fensterheber betätigt, gar die Heizung benutzt? Es war in den Tagen der Testfahrt mitunter empfindlich kalt. Bei Kälte scheint sich der Kangoo schneller als ohnehin zu entladen. Bei der Testfahrt wurden nicht einmal hundert Kilometer erreicht. Die angegebene Reichweite von 160 Kilometern erschien grundsätzlich als sehr geschönter Wert. Und jetzt?

Jetzt ist es ratsam, eine Garage zu haben, mit Stromanschluss, oder ein Häuschen, in das man das Kabel legt, um den Wagen über Nacht wieder fahrtüchtig zu machen. Zwar gibt es im Stadtgebiet zahlreiche Stromtankstellen, aber die stehen längst nicht vor jeder Haustür. Man hat also einen weiten Weg. Außerdem sind die Ladesäulen oft besetzt, auch von Benzinern, und, natürlich, unbeaufsichtigt. Vandalismus ist da wohl nicht auszuschließen.

Spätestens an der Ladesäule, also am Stromnetz, bekommt die Erhabenheit des wackeren Umweltaktivisten arge Risse. Woher kommt dieser Strom eigentlich? Aus der Steckdose! Und wie kommt er da hin? Und was für ein Strom ist das? Möglicherweise ist es noch Atomstrom. Schöne neue Welt!

Indes: Die Fahreigenschaften des Kangoo Z.E. sind nicht zu beanstanden. Er ist wendig, er ist flott, kraftvoll, er schafft auf der Autobahn leicht 130 km/h, das reicht. Er ist geräumig und im Fahrzeugraum technisch ausgereift. Man kommt nur leider nicht weit damit. Also kein Auto für die Landpartie, eher eins für die Stadt?

Ach, wie gerne hätte der Tester dem heutigen Elektroauto die Zukunft verheißen, es gepriesen gegen die Stinker und Lärmer und Dreckschleudern. Aber leider: Ingenieure, es gibt noch viel zu tun, um ein effizientes Elektroauto auf die Straßen zu bringen. 2020 ist nicht mehr weit, bis dahin fährt der Tester in der Stadt lieber Rad. Und das auch erhaben.

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