Zeitung Heute : Der fremde Krieg

Ein Prozent: So gering ist die Wahrscheinlichkeit, dass Saddam Israel angreift, sagt Premierminister Scharon im Fernsehen. Trotzdem verlassen die Menschen Tel Aviv – im letzten Golfkrieg die gefährlichste Stadt. Die Geschichte einer Flucht.

Patrick Goldfein

Das muss jetzt noch sein. „Jungs, ein letztes Weißbier vor dem Krieg!“, hat Micki gesagt. Fünf Minuten später sitzt er mit seinen beiden Freunden Jaron und Imanuel im „Mona“, einer rustikalen Jerusalemer Kneipe mit Holztischen, arabischen Sesseln und bayerischem Bier vom Fass. Aus den Lautsprechern erklingt sanfter Jazz. Hinter der Bar läuft lautlos ein Fernseher. Bilder von den ersten Luftangriffen auf Bagdad fliegen über den Bildschirm. Die Kneipe ist leer. Die drei 24-jährigen Studenten sind die einzigen Gäste an diesem Donnerstagabend. Sie sind in München aufgewachsen und zum Studium nach Israel gegangen. Sie sind jüdischer Herkunft und haben sich dem Land schon immer verbunden gefühlt. Kurz vor der ersten amerikanischen Großoffensive ist Israel in Alarmbereitschaft versetzt worden. Während die meisten Israelis schon zu Hause gleich neben ihren isolierten Bunkerzimmern sitzen, diskutieren die drei gebürtigen Münchner noch einmal alle möglichen Szenarien für die kommende Nacht durch: Wird Saddam heute angreifen? Mit Giftgas? Oder mit Bio-Waffen? Was machen wir, wenn später wirklich die Sirenen angehen? Keiner hat eine Antwort auf die Fragen. „Auf die bayerische Heimat“, sagt Imanuel und hebt das bis zum Rand gefüllte Weißbierglas in die Höhe. „Nein, auf die israelische Heimat“, sagt Micki. Dann stoßen die Gläser klirrend zusammen.

Das Ende der Seelenruhe

Dass wir diesmal von Saddam angegriffen werden, ist unwahrscheinlich, haben die Menschen wochenlang in Israel gesagt. Er hat weniger Waffen als vor zwölf Jahren, als insgesamt 39 Scud-Raketen auf Israel niedergingen. Und wir haben jetzt den „Arrow“, ein von der eigenen Armee entwickeltes Raketenabwehrsystem, dass die Scuds früher abfangen soll, als es die amerikanischen „Patriot“-Batterien im Golfkrieg 1991 taten. Auch Micki hat sich lange nicht sonderlich für den bevorstehenden Golfkrieg interessiert. Während man in Europa erregt über die Legitimation des Krieges gestritten hat, ist er in Tel Aviv in die Vorlesungen seiner Filmschule gegangen, hat sich mit seinen Freunden getroffen und hat abends in Tel Aviver Clubs als DJ aufgelegt.

Seit fünf Jahren lebt er in der Mittelmeerstadt, er fühlt sich hier zu Hause. Wie den meisten krisenerprobten Israelis ist es Micki erst, nachdem George Bush ein Ultimatum an Saddam Hussein gestellt hat, langsam mulmig zumute geworden. Um ihn herum haben die Menschen plötzlich begonnen sich vorzubereiten: Haben Isolierband gekauft und ihre Häuser gegen einen Gasangriff gesichert. Ihren Kindern erklärt, wie sie die Gasmasken anzulegen haben. Und wer es sich leisten konnte, hat einen Flug gebucht und ist ganz einfach weggeflogen vor der Gefahr. Nach Zypern, in die Karibik oder nach Eilat, den israelischen Badeort am Roten Meer.

Am Mittwoch, dem Tag bevor das Ultimatum endet, ist es mit Mickis Seelenruhe vorbei. Er leiht sich eine Filmkamera aus. Jetzt beginnt eine aufregende Zeit. „Das möchte ich auf Band festhalten“, sagt er. „Für mich, meine Freunde, meine Eltern in Deutschland. Wer weiß, was passieren wird.“ Dann fährt er nach Nord-Tel Aviv. In einer ehemaligen Leichenhalle werden von der Armee Gasmasken ausgegeben. Als Micki eintritt, herrscht das totale Chaos. Die Halle ist mit Menschen überfüllt, alle drängeln, schreien wirr durcheinander. „Wo kriege ich meine Gasmaske?“, schreit auch Micki zu einer Soldatin, die versucht, die Wartenden zu ordnen. „Wir müssen erst einmal nachprüfen, ob dir eine zusteht. Stell dich dort drüben an“, schreit sie zurück. Mickis Lippen zittern jetzt. „Was ist, wenn ich keine mehr kriege?“, schießt es ihm durch den Kopf. Nach zehn Minuten bekommt er eine Wartenummer, ein Soldat beruhigt die Wartenden, die Aufregung in der Halle legt sich. Jetzt lachen die Menschen, machen Witze über Saddam Hussein. Keiner lässt sich seine Angst vor dem Krieg, vor der Ungewissheit anmerken. Auch Micki entspannt sich, geht nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Und lernt Judith kennen. Die Französin mit blond gefärbtem Haar und einem Schmetterlingstattoo auf dem Bauch ist mit ihrem Vater zur Ausgabestelle gekommen, einem groß gewachsen Mann, der aus seinem Flachmann Whisky an die Wartenden ausschenkt. Micki kommt schnell mit ihr ins Gespräch, erzählt ihr von seinen Filmen und seiner Musik. Dann wird seine Nummer aufgerufen, endlich bekommt er sein „Gasmasken-Kit“: einen braunen Karton mit einer schwarzen Gasmaske, einem Trinkschlauch und einer Atropinspritze. „Die musst du dir bei einem nichtkonventionellen Angriff in den Oberschenkel injizieren“, erklärt der Soldat, der die Kartons verteilt, mit ruhiger Stimme. Micki verzieht das Gesicht, er hat Angst vor Spritzen. Bevor er die Leichenhalle verlässt, verabredet er sich noch mit Judith für den Tag nach den Krieg.

Micki möchte jetzt die Stadt verlassen. Tel Aviv war im letzten Golfkrieg der unsicherste Ort in Israel. Immer wieder hat Saddam versucht, das Verteidigungsministerium in der Innenstadt zu treffen. Mickis Apartment liegt fünf Minuten Fußmarsch davon entfernt. In Eile packt er jetzt Klamotten, Waschzeug und seine CDs in eine Tasche. Mit Imanuel und dessen Schwester Rebecca biegt er um 20 Uhr Ortszeit, sieben Stunden bevor das Ultimatum abläuft, auf die Autobahn nach Jerusalem ein. Die Straßen in Tel Aviv sind leergefegt, fast alle fahren zu Freunden oder Verwandten in andere Städte. In Kiriat Gat, einer Stadt im Süden des Landes, wurden in Turnhallen Schlafplätze eingerichtet für alle, die privat nicht unterkommen.

Die Sirenen schweigen

Jerusalem gilt jetzt als einer der sichersten Plätze. Es scheint ausgeschlossen, dass Saddam die Stadt, die allen Moslems heilig ist, bombardieren lässt. 45 Minuten dauert die Fahrt, im Radio läuft Musik, und Micki hat das Gefühl, er würde in die Ferien fahren. „Ich habe für drei, vier Tage gepackt“, sagt er. „Nach dem Wochenende ist alles vorbei.“ Als das Ultimatum in der Nacht zum Donnerstag endet, bleiben in Israel die Sirenen stumm. Der Irak greift zunächst Kuwait an, Micki und seine Freunde fahren in einen Jerusalemer Großmarkt, um noch einmal das Wichtigste einzukaufen: Brot, Milch, Pasta und viel Wasser. Viele Menschen haben ihre Gasmasken dabei. Micki ist entspannt. „Frühestens heute Abend kann doch etwas passieren“, sagt er.

Als die drei Freunde nach dem Weißbier in Jarons Wohnung zurückkehren, laufen im Fernseher immer noch die gleichen Bilder von den Angriffen. Im israelischen Fernsehen wird nüchtern der bisherige Kriegsverlauf analysiert. Premierminister Ariel Scharon sagt, die Wahrscheinlichkeit für einen Angriff auf Israel betrage nur ein Prozent. Micki ist gelangweilt von den immer gleichen Bildern. Nach einer Weile schaltet er auf den Spielfilmsender um. Als Tony Blair später in der Nacht seine Rede zur Lage der Nation hält, ist Micki längst eingenickt. Auch in dieser Nacht ertönen keine Sirenen, die ihn wecken. Als er am nächsten Morgen aufwacht, ist ihm kalt. Er hat ohne Heizung geschlafen und sich erkältet. Schlecht gelaunt brummt er: „Lasst uns heute nach Tel Aviv zurückfahren. Ich will Judith sehen.“

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