Zeitung Heute : Der frühere Spiegel-Chefredakteur feiert heute als n-tv-Talker seinen 70.

Adolf Theobald

Zugegeben - auf der Elbe wandelt er noch nicht, mit 70 vielleicht auch nicht empfehlenswert, aber "Ecce Böhme" möchte man schon aus diesem runden Anlass rufen. Denn: Unter all den Chefredakteuren, die ich kenne (und das sind einige), ragt Erich Böhme heraus: ein Mensch.

Mensch Böhme wird heute 70. Haken wir kurz seine Stationen ab: Frankfurter, diplomierter Volkswirt, Journalist, Chefredakteur des Spiegel, Herausgeber der Berliner Zeitung, politischer Kopf beim Fernsehen. Was will man mehr? Ich hatte das Glück, ihm einige Jahre zuzusehen, beim Spiegel. Das einst ehrfürchtig diffamierte Strafbataillon des deutschen Journalismus hatte während seiner zwölfjährigen guten Führung sogar Marscherleichterung erfahren. Nun gut, über dem Sturmgeschütz der Demokratie wachten immer noch der unerbittliche Herausgeber Rudolf Augstein und Böhmes scharfer Co-Partner Werner Funk. Die Performance des Spiegel damals, in den Achtzigern, war wohl die beste, die das Magazin je hatte, was Auflage und Gewinn betraf.

Böhme - ein Journalist. Immer dabei, nie dafür, im Zweifel dagegen. Mit Franz Josef Strauß war er (fast) befreundet und schenkte ihm nichts. Den Fall Barschel begleitete er fair und unerbittlich, trotz mancher Ängste in der Redaktion. Kohls Ende schrieb er damals vergeblich herbei. Und die Wiedervereinigung hielt er für einen Fehler. Das führte zum Zerwürfnis mit Freund Augstein. Hier kämpfte der deutschnational gesinnte Augstein mit dem hessisch, rheinisch geprägten Papa Böhme. Das ging nicht gut. Und als Böhme auf dem sonst für Augstein reservierten Kolumnenplatz schrieb: "Ich will nicht wiedervereinigt werden", kam es zum Bruch. Augstein fand die Worte deplatziert, wohl auch den Ort. Kommentare sind seine Sache, nicht die der Chefredakteure (das weiß der kluge Aust). Man trennte sich und feierte ein großes Fest. Augstein schenkte dem barocken Böhme einen kostbaren Botero. Man schied friedlich. Augstein: "Erich, wenn Du bleibst, wärst Du der Chefredakteur der 60er Jahre." Böhme war gerade 60 geworden.

Und er begann eine neue Karriere. Der Chef von Gruner + Jahr, Gerd Schulte-Hillen, wollte schon immer den politischen Kopf um sich haben. Eine Berufung in den Aufsichtsrat scheiterte am Veto Augsteins. Als dann die Berliner Zeitung zu Gruner + Jahr kam, wurde Böhme ihr Herausgeber. Ironie der Geschichte: Der nicht wiedervereinigt werden wollte, wurde zu einer Stimme des wiedervereinigten Berlins. Nicht lange. Nach vier Jahren fand Böhme, er habe andere Verpflichtungen. Und bei einer dieser Pflichten kann man ihn wöchentlich besichtigen. Andere hören mit 60 auf, er begann eine neue Karriere. Felix Schmidt, damals TV-Beauftragter des Holtzbrinck-Konzerns, suchte für eine anspruchsvolle politische Gesprächsrunde einen seriösen Menschen. Er fragte Monica Böhme, Erichs Zweite, ob ihr Mann ihm jemand empfehlen könne. Frau Monica empfahl selbst: ihren Erich. Das war der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit Sat 1. Bis deren nicht mehr so ganz jugendlicher Chef dem Jugendwahn verfiel und Böhme ausmusterte, trotz guter Quote. Eine wahre Jugendsünde. Böhme wanderte weiter zu n-tv, und macht dort eine Salonnummer, mit dem Ex-Minister Eggert als Komparse. Seit Sonntag ist Böhme wieder allein auf Sendung. Und das mit 70. Und das ist gut so. Wie gut - siehe vorgestern.

Ecce Böhme. Er liebt seinen Beruf, schöne Frauen, guten Bordeaux. Seine zweite (sehr glückliche) Ehe begann im Spiegel. Redakteurin Monica Vogelsang verriet einem Kollegen, sie werde demnächst in die höchste Spiegel-Hierarchie einheiraten. Der Kollege: "Lass mich raten. Sein Name fängt mit A an." Sie erwiderte: "Nein, mit B." Frau Böhme starb im gleichen Jahr, in dem ihr Mann den Spiegel verließ. Drei Jahre später heiratete er erneut, Monicas Nichte.

Zum 60. schenkte ich Erich Böhme einen 61er Bordeaux aus dem Grave. Bordeaux-Papst Parker lobte an diesem Wein besonders den Abgang. Dass ein reichhaltiger Abgang so lange anhalten kann, hätte ich nicht gedacht. Santé!Adolf Theobald war Chefredakteur der Zeitschriften "twen", "Capital", "natur" und "Geo", Vorstandsmitglied der Verlage Gruner + Jahr und Ringier sowie Geschäftsführer des Spiegel-Verlages.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben