Zeitung Heute : Der Geiger als Komponist

ALBRECHT DÜMLING

Historisches Programm des Busch-Quartetts mit den MandelringsZu den Deutschen, die dem Nazi-Terror offen entgegentraten, gehörten die Musiker Adolf und Fritz Busch.Antisemitische Ausschreitungen gegen seinen Klavierpartner Rudolf Serkin im Frühjahr 1933 in Düsseldorf bewogen Adolf Busch, nie wieder in Deutschland aufzutreten.Für ihn war dies eine schwerwiegende Entscheidung, galt er doch als beste deutsche Geiger seiner Zeit.In der Besetzung mit Adolf und Hermann Busch, Hugo Gottesmann und Karl Doktor war das Busch-Quartett der legitime Nachfolger des Joachim-Quartetts.Seine Konzerte waren klingende Plädoyers für die in der Musik besonders fruchtbare deutsch-jüdische Symbiose. Unter diesen Umständen besaß das Züricher Konzert des Busch-Quartetts vom 26.November 1936 auch Bekenntnischarakter.Dies historische Programm wurde nun im Kleinen Saal des Schauspielhauses als Teil der Reihe "Verklungene Feste" wie des Faustus-Projekts vom Mandelring-Quartett nachgespielt, das durch seine enge Zusammenarbeit mit Berthold Goldschmidt und seine ebenfalls geschwisterliche Zusammensetzung mit dem Busch-Quartett verwandt ist. An jenem Novemberabend 1936 war Thomas Mann von den Darbietungen nicht restlos befriedigt - nun fiel, wie damals, ausgerechnet das einleitende F-Dur-Quartett KV 590 von Mozart schwächer aus.Mit Ausnahme des Finales fehlte jene dynamische oder gliedernde Pointierung, die aufhorchen läßt.Stärker engagiert waren die durch Michael Scheitzbach (Viola) zum Quartett ergänzten Geschwister Sebastian, Nanette und Bernhard Schmidt dagegen bei Schuberts letzter Komposition für diese Besetzung.Trotz der G-Dur-Tonart durchziehen düstere Konflikte das großformatige Werk.Die durchweg durchsichtig und sauber gespielte Wiedergabe des mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Ensembles wahrte auch bei dynamisch extremen Partien die Spezifik des Quartettklangs. Wichtigstes Ereignis des Abends war aber die Entdeckung des Komponisten Adolf Busch.Der einstige Berliner Hochschulprofessorhat ein umfangreiches kompositorisches Oeuvre vom Lied bis zur Sinfonik hinterlassen.Seine Neun Stücke für Streichquartett op.45 lassen in Formbewußtsein, Kontrapunktik und Harmonik den Einfluß Max Regers spüren.Das Mandelring-Quartett spielte die anspruchsvollen Stücke mit leidenschaftlichen Spannungsbögen.Heute ist die Zeit gekommen, solche durch die Zeitumstände verdrängte Musik trotz ihres Konservativismus wiederzuentdecken.ALBRECHT DÜMLING

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