Zeitung Heute : Der Geist des Geldes

„Wir locken die Schlauesten der Welt an“: In Deutschland wird über Elite-Unis diskutiert, in den USA gibt es sie seit 1636 – zum Beispiel Harvard. Aber lehren im Luxus kostet: Deshalb sind die wichtigsten Leute an dieser Hochschule die Investmentbanker und Spendensammler.

Gregor Schmitz

Andy Tiedemanns Jagdinstinkt kann einem fast Angst machen. „Wir speichern die Kontaktdaten der Studenten gleich nach ihrem Diplom“, ruft er begeistert, „und versuchen sie dreimal im Jahr zu aktualisieren. Briefe. Anrufe.“ In Tiedemanns Visier: Ehemalige von Harvard, der amerikanischen Elite-Hochschule schlechthin. Auf Tiedemanns Schreibtisch stapeln sich die Einladungslisten für Klassentreffen und ein Verzeichnis der 160 Harvardclubs weltweit, von denen er so verschwörerisch raunt, als handelte es sich um ein Agentennetz. Tiedemanns Anliegen in all den Briefen und Anrufen ist relativ simpel: Geld. Für die liebe alte Hochschule. In einem kleinen Prospekt, den er meistens mitschickt, sind bequemerweise gleich die Preise aufgelistet: 500 Dollar kostet eine Bücherspende, fünf Millionen Dollar eine Universitätsprofessur. 683 Millionen Dollar haben Tiedemann und die anderen rund 200 fest angestellten Spendensammler für Harvard im vorigen Jahr zusammengetragen. Ein Rekord. Aber zufrieden ist Tiedemann noch nicht. „Wir müssen uns auf dem Markt für die nächsten 50 Jahre aufstellen.“

19,3 Milliarden Vermögen

Markt. Marketing. Spenden. Begriffe, die in der deutschen Diskussion um Eliteunis selten gefallen sind. Dabei kann Harvard niemand verstehen, der nicht auch die weltweite Bildungslandschaft als einen großen Markt definiert. Mit der 1636 gegründeten Ostküsten-Uni bei Boston als Marktführer. Keine andere Hochschule hat mehr Geld gesammelt (19,3 Milliarden Dollar Stiftungsvermögen für 18000 Studenten), mehr US-Präsidenten hervorgebracht (sieben), mehr Bücher in einer Bibliothek zusammengerafft. Deren säulengeschmücktes Gebäude ist übrigens auch eine Stiftung: Die Mutter eines Ehemaligen ließ sie für ihren auf der „Titanic“ ertrunkenen Nichtschwimmersohn bauen – unter der (jahrzehntelang beachteten) Auflage, jeder Harvard-Absolvent müsse vor dem Diplom einen Schwimmtest bestehen.

Kein Wunder, dass der Zugang zum Bildungs-Marktführer beinahe besser gehütet wird als das Coca-Cola-Rezept. Robert Clagett wühlt sich im Zulassungsbüro derzeit durch die Unterlagen der mehr als 20000 Bewerber, die im kommenden September ihren amerikanischen Traum beginnen wollen. 1650 müssen er und seine 30 Kollegen herausfiltern, durch sorgfältiges Lesen der Bewerbungsessays, der Schulnoten, der Lebensläufe, der Testresultate – und durch Interviews. „Es ist ein subjektiver Prozess“, gibt Clagett zu, und es klingt wie eine Entschuldigung an alle Wunderkinder der Erde, als er hinzufügt: „Wir locken die Schlauesten der Welt an, aber die kommen nicht unbedingt rein.“ Denn eine große Hochschule wie Harvard will eine vielfältige Campusgemeinschaft, nicht bloß sture Streber. Die meisten Bewerber schicken deshalb bunte Lebensläufe ein, die über viele Seiten gehen und in denen der Tag mehr als 24 Stunden zu haben scheint – jedenfalls genug, um Klassenbeste, Schulsprecherin, Cheerleader, Hockeykapitänin, Konzertpianistin und Kleidersammlerin für die Armen zu sein.

In den Monaten der Auswahl klingelt bei Clagett oft das Telefon: besorgte Eltern, von denen ganz kühne auch nachfragen, ob Clagett mal essen gehen wolle, ob eine kleine Spende der Bewerbung vielleicht helfe… Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass ein bekannter Name wie Kennedy oder Gore bisweilen hilft, weil Spenden von einflussreichen Familien Stipendien für arme Superhirne finanzieren. Aber in aller Regel – und hier beginnt der Vergleich vom reinen Bildungsmarkt zu wackeln – ist Harvardausbildung nicht käuflich. Im Gegenteil, sagt Clagett, „70 Prozent unserer Studenten bekommen finanzielle Hilfe von der Uni, wirklich Bedürftige die ganzen 38000 Dollar pro Jahr für Unterkunft, Verpflegung und Studium.“ Geklärt wird das Finanzielle aber erst nach der Zulassung, es hat also keinen Einfluss auf die Entscheidung. Dennoch stammt nach wie vor nur jeder zehnte Studienanfänger aus sozial schwachen Familien.

Die werden Mitglieder einer der exklusivsten Wohngemeinschaften der Welt. Die Häuser für Erstsemester schmiegen sich backsteinrot um den Harvard Yard, diagonal schneiden Laufwege durchs gepflegte Grün, tagtäglich klaubt ein Gärtnerheer die Blätter vom Rasen. Reisegruppen machen ganz entspannt Fotos von der Bronzestatue des puritanischen Uni-Mäzens John Harvard. Die Studenten dagegen, darunter viele Asiaten (20 Prozent des Collegejahrgangs kommen mittlerweile aus der asiatisch-amerikanischen Minderheit), rasen mit Bücherpaketen unterm Arm über den Campus – und scheinen beim schnellen Lunch in der Mensa gar nicht zu merken, dass im Deckengewölbe über ihren Burger-Tabletts prunkvolle Kronleuchter hängen.

Die meisten hier empfinden ihre Zulassung als intellektuellen Ritterschlag. Das lässt sich an dem Stolz spüren, mit denen Anna Kohanski über das Gelände führt, wo sie im Frühjahr ihr Studium beginnen wird. Sie zeigt eines der Häuser, in dem sie und ihre Kommilitonen wohnen werden und in denen sich seit den Studienjahren der Roosevelts und Kennedys gar nicht so viel verändert hat. „Meine drei Mitbewohnerinnen kenne ich noch nicht“, sagt Anna, aber in einem der unzähligen Studentenclubs hat sie sich schon umgeschaut. „Die organisierten gerade ein Treffen mit den demokratischen Präsidentschaftskandidaten.“ So umtriebig sind diese Gruppen in ihren Veranstaltungen, dass schon mal an ein und demselben Tag Hillary Clinton, der Dalai Lama und Martin Scorsese ums Interesse der Studenten buhlen.

Und das Pauken? „Es werden sicher nicht vier Partyjahre“, sagt Anna. Da sind ja nicht nur die Ansprüche der Harvard-Dozenten, die sich wundern, wenn ein Student am Samstagabend um halb zehn Uhr auf Mails zum jüngsten Essay nicht umgehend antwortet. Da ist auch der Konkurrenzkampf unter Studenten, die aus ihrer Schulzeit gewohnt sind, die Besten zu sein. Wie groß der Druck wird, ist in den bleichen Gesichtern der Studenten zu lesen, die in diesen Januartagen über den Campus eilen. Prüfungszeit. Jetzt haben viele Bibliotheken 24 Stunden lang geöffnet, „und ich habe schon gehört, dass manche da übernachten“, schaudert Anna ehrfürchtig. Die Uni-Zeitung hat gerade eine Umfrage veröffentlicht, nach der 80 Prozent der Studenten am College im vorigen Jahr an depressiven Störungen litten.

Jens Hainmüller kommt mit dem Druck gut klar. Der Politologe kam nach einem kurzen Gastspiel in Tübingen und einem Abschluss in London nach Harvard, und sein Urteil ist hart. „In Tübingen saßen Leute uninteressiert und unvorbereitet im Seminar, viele kamen mit den Freiheiten der deutschen Uniausbildung einfach nicht klar.“ In Harvard hingegen sei fast jeder Student stets perfekt präpariert, „viele lesen freiwillig sogar noch mehr, als wir aufgeben“. Und zu den Studienbedingungen fällt dem gern flapsigen Hainmüller nur noch die „abartig viel bessere“ Ausstattung in den USA ein. „Einem Medizinprofessor in München“, sagt er, „maile ich fast jede Woche die neuesten Forschungsberichte, weil der die in Deutschland nicht kriegt.“

Gigantische Gehälter

Um die Rahmenbedingungen zu sichern, vertraut Harvard immer mehr auf einen klein gewachsenen Mann, dessen Wolkenkratzerbüro im Bostoner Finanzdistrikt schon räumlich weit weg liegt vom akademischen Elfenbeinturm Harvard. Jack Meyer ist Präsident der Harvard Management Company, die allein im vorigen Jahr das Stiftungsvermögen der Uni um mehr als zwei Milliarden Dollar gesteigert hat. Stolz zeigt Meyer Charts, wie viel besser seine Investmentmanager abgeschnitten haben als der Rest des Marktes, zufrieden lacht er über den Scherz des Besuchers, Harvard könne mittlerweile Yale, Cambridge und Oxford aus der Portokasse kaufen. „2,4 Milliarden Dollar beiträgt das Harvardbudget pro Jahr, und 30 Prozent kommen von Ausschüttungen aus dem Stiftungsvermögen“, rechnet Meyer vor.

Und doch gesteht der robuste Geldmanager in einem schwachen Moment, „schon in einem sehr speziellen Umfeld“ zu arbeiten. Denn die völlige Kommerzialisierung der Hochschule verläuft auch in Harvard nicht ohne Blessuren. Studentengruppen protestieren regelmäßig gegen angeblich unethische Investitionen der Investmentbanker. Dozenten zetern über die gigantischen Gehälter der Geldmanager (bis zu 17 Millionen pro Jahr, 30 Mal mehr als der Unipräsident). Und im Dezember veröffentlichte eine Gruppe der „Class of 1969“ einen wütenden Brief, die Manager sollten für die Ehre arbeiten und mit dem Univermögen niedrigere Studiengebühren finanzieren. Sonst sähen sie auch keinen Anlass mehr, Geld zu spenden.

Das wirkte. Ehemalige! Potenzielle Spender! Mögliches Medienecho! Der Unipräsident versprach umgehend, sich des Briefes anzunehmen. Geld und Geist – das bleibt selbst in Harvard ein kniffliges Geschäft.

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