Zeitung Heute : Der Geist namens Ronaldo

HARTMUT SCHERZER

PARIS .Wo war Ronaldo? Dieser lethargische junge Mann im gelben Trikot mit der Nummer 9 auf dem Rücken? Nein, das kann er nicht gewesen sein, der anerkannt beste Spieler der Welt.Allenfalls ein Geist gleichen Namens war in den 90 Minuten des WM-Finales von St.Denis auf dem Platz auszumachen.Und das ist eine höchst mysteriöse Geschichte.

In der ersten Aufstellung, 75 Minuten vor dem Spiel der FIFA überreicht, fehlte sein Name.Es war bekannt, daß der Superstar wegen eines verletzten linken Knöchels zwei Tage lang nicht trainiert hatte.Am Nachmittag wurde Ronaldo im Krankehaus untersucht.45 Minuten vor Spielbeginn, als Ronaldo mit dem Mannschaftsbus im Stadion eintraf, änderte Trainer Mario Zagallo die Aufstellung.Mit Ronaldo.

Das wiederum sorgte für heillose Verwirrung im Stade de France und für einen Krach im Team: Ein Teil der Mannschaft war gegen die Aufstellung eines angeschlagenen Ronaldo."Ronaldo hat höchstens 50 Prozent seines Leistungsvermögens gezeigt", brummte Kapitän Dunga später.

In der Tat stand Ronaldo auf dem Platz nur herum, die Hände in die Hüften gestemmt, forderte keinen Ball, löste sich nie mit seinem schnellen Antritt aus dem Schatten Desaillys und Leb¥fs.Ronaldo war nur in zwei Szenen zu sehen.In der zweiten, allein drei Meter vor dem Tor, hätte er das 1:2 schießen müssen, schoß aber dem großartigen Fabien Barthez den Ball in die Arme.Später jammerte Mario Zagallo über den "psychologischen Schock", den Ronaldos Verletzung ausgelöst und die ganze Mannschaft "traumatisiert" habe."Ronaldo war nicht fit." Aber der medizinische Stab habe ihn für gesund erklärt.Die daher legitime Zwischenfrage des brasilianischen Journalisten Mauro Leao von "O Dia" führte zum Eklat."Warum hat Ronaldo überhaupt gespielt, wenn er nicht fit war?" Zagallo bekam einen hochroten Kopf, keifte, kreischte mit sich überschlagender Stimme, drohte dem Frager mit dem Zeigefinger, der "meine Autorität" anzweifle und verließ, völlig aufgeregt und einem Herzinfarkt nahe, das Podium.Dort gab anschließend der brasilianische Chefarzt Lidio Toledo eine Erklärung ab, kurz und bündig, die die Verwirrung um Ronaldo erst total machte.Ronaldo habe sich am Nachmittag schlecht gefühlt, sich übergeben, aber nach einer Ruhepause wieder erholt.

Das Millionenunternehmen Ronaldo war wieder Ronaldinho, ein ganz natürlicher Junge von 21 Jahren, der dem Streß und den hohen Erwartungen nervlich nicht mehr gewachsen war.Brasilien aber ist am ganz auf Ronaldo ausgerichteten Konzept gescheitert.Die "Selecao" wirkte mit dem indisponierten Superstar in ihrer Mitte völlig hilf- und einfallslos.Der Kampfgeist ihres Kapitäns Dunga konnte die Spielkunst Ronaldos nicht ausgleichen.

Mario Zagallo, zweimal Weltmeister als Spieler, zweimal Weltmeister als Trainer und Assistent, am Ende? In Brasilien mögen sie ihn nun zum Teufel jagen, in Frankreich hat der alte Herr seinen größten Verehrer.Aimé Jacquet, der neue Weltmeister, legte den Arm um Mario Zagallo, den er stets bewundert habe: "Ich brauche zwei Leben, um das zu erreichen, was dieser Mann erreicht hat."

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