Zeitung Heute : Der Geist von Davos

Der Ökonomieprofessor Klaus Schwab hat das jährliche Weltwirtschaftstreffen in den Schweizer Bergen erfunden – ab heute muss er zeigen, dass es auch Krisenzeiten übersteht

Dieter Fockenbrock

Einmal im Jahr pflegte Klaus Schwab Hof zu halten. Immer samstags, zur Halbzeit des World Economic Forum im Schweizer Ferienort Davos. Dann wurde gefeiert. Doch bevor der Kongress tanzen durfte, musste er Schlange stehen auf der langen Betontreppe, die tief in den Bauch des fensterlosen Tagungszentrums hinabführt. An der letzten Stufe stand Schwab und empfing seine 2000 Gäste – jeden persönlich mit Handschlag und ein paar freundlichen Worten. An dem Erfinder und Spiritus Rector des World Economic Forum, dem bekanntesten und wohl umstrittensten Managementforum der Welt, kam niemand vorbei. Weder Bill Gates noch Bill Clinton. Vor dem umtriebigen Wirtschaftsprofessor waren sie alle gleich.

An diesem Samstag wird Klaus Schwab keine Hände schütteln. Den Gala-Abend hat er aus dem Programm gestrichen. Stattdessen spielt ein Jugendorchester auf. Klassik statt Samba. Keiner der Herren im schwarzen Anzug, keine der Damen in Abendrobe oder Nationaltracht wird diesmal im schwülheißen Schwimmbad des Kongresszentrums schwitzen. Hier trafen sich immer die wildesten Tänzer des Abends, hier heizten die lateinamerikanischen Combos ein. Schwab wird das Treiben nicht vermissen, er ist 64 Jahre alt und ein Partygänger war er nie. Und wie sähe das auch aus? Die Weltwirtschaft schleppt sich dahin, im Irak droht Krieg, und die „Leader of the World“ feiern ausgelassen als wäre nichts geschehen.

Skifahren sollen sie in diesem Jahr auch nicht mehr, die Vorstandsvorsitzenden, Präsidenten und Generaldirektoren – jedenfalls nicht nach Programm. Der freie Samstag, an dem sich zum Beispiel Siemens-Chef Heinrich von Pierer mit seinen Kollegen auf den Hängen und in den Loipen messen konnte, ist jetzt vollgepackt mit Terminen. Dabei war es gerade die Mischung aus Kontaktbörse, Insider-Information und Skifahren, die das Treffen in den Bündner Bergen unter den Managern der Welt so beliebt gemacht hat.

Jetzt steht das World Economic Forum wohl vor der größten Bewährungsprobe in seiner 33-jährigen Geschichte. Schwab hat das erkannt, die Krise der Wirtschaft ist auch die Krise seines Forums. „Der Geist von Davos muss zurück in seine Flasche“, sagte er jüngst in einem Interview. Doch was ist der Geist von Davos? Vor zehn Jahren war die Antwort einfach. Der Kongress war Inbegriff eines selbstbewussten, globalen Kapitalismus. Hier trafen sich die Top-Manager, die führenden Politiker, Wissenschaftler und Gewerkschafter zum Diskutieren und zum Meinungsaustausch. Nirgends konnte man in so kurzer Zeit so viele von ihnen treffen. Moderator Schwab brachte immer die gemeinsame Mission mit: „Den Zustand der Welt verbessern.“

Doch die Glaubwürdigkeit der Weltverbesserer hat schwer gelitten, der Zustand der Welt ist derzeit eher Besorgnis erregend. Bilanzskandale und raffgierige Manager haben das Vertrauen in das Funktionieren der freien Wirtschaftssysteme tief erschüttert. Ein enger Vertrauter Schwabs, Percy Barnevik, ehemaliger Chef des schwedisch-schweizerischen Vorzeigekonzerns ABB, ist Symbol für den tiefen Sturz der Managementstars aus den neunziger Jahren. ABB ist ein Sanierungsfall und Barnevik wurde dazu gezwungen, über die Hälfte seiner Millionenabfindung wieder zurückzuzahlen.

Selbst den Kontrolleuren und Beratern ist nicht mehr zu trauen. Wirtschaftsprüfer haben Pfusch und Tricksereien gedeckt. Und die Unternehmensberater sind kleinlaut geworden und seit dem Ende des InternetBooms regelrecht ratlos. Dabei waren sie eine der Säulen des Schwabschen Konzeptes. Ohne McKinsey, Pricewaterhouse Coopers und Co. lief nichts in Davos. Sie zählten zu den wichtigen Förderern, bewirteten und berieten um die Wette in den Fünf-SterneHotels des Dorfes. Denn wo auf der Welt trifft man seine Kunden auf so wenigen Quadratmetern? Nur in Davos.

Und dann New York 2002. Ein einziges Mal hat Klaus Schwab das Forum verlegt – aus Solidarität mit der von Terror erschütterten Stadt. Doch New York ist ihm aus den Händen geglitten. Zu groß, zu amerikanisch. Über 3000 Teilnehmer drängten sich im Hotel „Waldorf-Astoria“, aber nur wenige waren aus Europa gekommen. Die alten Strategen suchten verzweifelt den Geist von Davos.

Schwab versucht das Beste aus der Not zu machen und erhebt die Krise zum Motto: „Building Trust“ – Vertrauen schaffen – lautet ab heute die Vorgabe für seine Gäste. Das klingt ein wenig nach „sollen die doch selbst sehen, wie sie den Kopf wieder aus der Schlinge ziehen“. Ganz so hat es der Professor sicher nicht gemeint, aber ein bisschen schon. Denn das Geschäftsprinzip des aus Deutschland stammenden Wahlschweizers lautet, andere reden zu lassen. Er selbst hält sich im Hintergrund. Schwab ist kein Star, eher Typ Biedermann. Hölzern und professoral klingen Formulierungen wie diese: „Das Forum ist eine Organisation, die zu allen Herausforderungen dieser Welt Verknüpfungen herstellt.“

Schwab startete seine Karriere als Konferenzveranstalter 1971 mit einem Europäischen ManagementSymposium. Im Genfer Nobelvorort Cologny mietete er ein Büro, gemeinsam mit zwei Mitarbeitern verschickte er Briefe an Spitzenmanager. Er lud sie ein, in der Abgeschiedenheit des Kurortes Davos über die Zukunft ihrer Firmen und über die der Welt zu debattieren. Schwab setzte auf ihre Eitelkeit. Seine Gäste sprach er immer als die wichtigsten Adressen in der Welt an. Das funktionierte. Später kamen Politiker und Wissenschaftler hinzu. Heute dirigiert Schwab eine internationale Kongressmaschinerie, das World Economic Forum hat heute Ableger in aller Herren Länder – wenn auch nur kleine. Seine inzwischen aufgegebene Professur an der Universität Genf war ohnehin eher Nebensache.

Die Manager mögen Schwab. Weil er sich mit der Rolle des fleißigen Händeschüttlers und Gastgebers begnügt, weil Schulterklopfen und anbiedernde Gesten nicht seine Sache sind. Den Ruhm überlässt er anderen. Schimon Peres und Jassir Arafat etwa, die in Davos 1994 eine Teilautonomie Palästinas vereinbarten. Auch in diesem Jahr werden ihm wieder seine Gäste die Schau stehlen: Microsoft-Gründer Bill Gates etwa oder US-Außenminister Colin Powell.

Schwab umgibt sich lieber mit der Aura des Idealisten. „Mit der jetzigen Ausgrenzung von Milliarden Menschen ist die Globalisierung nicht aufrechtzuerhalten“, sagt er beispielsweise. Oder: „Das größte Problem des 21. Jahrhunderts ist die Überwindung der Armut.“ Sätze wie aus dem Lehrbuch der Globalisierungsgegner. Von denen, meint Schwab, trenne ihn nur „die Wahl der Mittel“. Doch die Kritiker des Kapitalismus tun sich schwer mit dem Professor, trauen ihm und seinem Forum nicht über den Weg. Zaghafte Versuche, Nicht-Regierungsorganisationen in die Debatten von Davos einzubinden, statt sie draußen vor den Türen mit der Schweizer Nationalgarde abzuwehren, sind fehlgeschlagen.

Die Gegner des Treffens argwöhnen, dass unter Ausschluss der Öffentlichkeit Entscheidungen von weit reichender Bedeutung gefällt, zumindest aber vorbereitet werden. Schwab wehrt ab: „Wir schaffen ein Höchstmaß an Transparenz“, behauptet er und weist auf das neu geschaffene Open Forum hin. Die neue Offenheit in Davos. Was er nicht sagt: Das offene Forum hat mit dem eigentlichen Treffen der Insider nichts zu tun.

Erst drei Jahre ist es her, da sollte Davos nach Schwabs Vorgabe „neue Konzepte für die globale Welt“ entwerfen. Der große Wurf war gefragt. Jetzt geht es ums Detail. Schwab selbst ist auf der Suche nach einem neuen Konzept für sein Forum. Und dazu zählt die neue Bescheidenheit. Keine Gala, weniger Teilnehmer. Er hat nur noch 2000 Gäste zugelassen. Das Forum soll wieder überschaubar werden. Selbst mehr als 20000 Franken Jahresbeitrag konnten die Exklusivität des Davoser Klubs nicht mehr garantieren.

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