Zeitung Heute : Der geläuterte Zuhälter

Als Kind hat ihn die Mutter missbraucht, später wurde er reich im Rotlichtmilieu, dann kam der Knast. Wie der Karatelehrer Andreas Marquardt eine schlimme Vergangenheit bezwingt.

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Von Ariane Bemmer Der Gedanke kam ihm in der Zelle, acht Quadratmeter, Tisch, Stuhl, Bett, Klo, Fenster, vielleicht vor, vielleicht nach den 300 Liegestützen, vielleicht vor, vielleicht nach einem Wutanfall. Acht Quadratmeter, zwei mal vier Meter, man stößt da schnell an Grenzen.

Wenn du so weitermachst, hat er gedacht, kommst du hier nicht mehr raus. Aus diesen acht Quadratmetern nicht. Aber auch aus dem Angst- und Hassgefängnis nicht, das du vor Jahren schon in deinem Innern errichtet hast.

Von da an gab es für ihn nur noch eins: Aufbruch. Der Böse wollte gut werden.

Die Jungs und Mädchen schreien „Ki-Ai“ und schleudern ihre nackten Kinderfüße gegen die kleine Gummimatte, was ein knallendes Geräusch macht. Manche treten auch erst und schreien dann, manche japsen nur. Andreas Marquardt hält die Matte mit beiden Händen, er lobt jedes Kind. Gut gemacht, ja, richtig, sehr gut. Die Kinder lernen Karate, sie sollen ihren Geist stärken und sich mal verteidigen können. Marquardt ist ihr Meister.

Ob sie das Schlimme von ihm wissen? Marquardt zuckt die Achseln. Aber ein Junge aus dem Kurs hat tatsächlich das Buch dabei, in dem alles steht. „Schreibst du was rein, Meister?“, fragt er. Der Junge hat das Buch nicht gelesen, es gehört seinen Eltern.

Draußen verschwindet der Hinterhof in der kalten Berliner Dämmerung, durch eine Baulücke leuchten Neonschilder herüber. Die Kinder tragen weiße Karateanzüge aus grobem Stoff, deren Jacken sie mit einem steifen Gürtel zusammengebunden haben, aber bei den meisten geht der Knoten immer wieder auf.

Andreas Marquardt, 51, klein, breit, muskulös, war Schläger, Geldeintreiber und Zuhälter, zwei Mal verurteilt, insgesamt acht Jahre in Haft. Über sein Leben hat er mit seinem Therapeuten ein Buch geschrieben.

Er sagt: „Ich will aufmerksam machen auf leidende Kinder.“ Er denkt, dass er das kann, denn er war selber eins.

Vor 45 Jahren musste in Neukölln der kleine Andy dem Vater, der von der Mutter schon getrennt war, die Hand reichen, und der hat dann so lange und fest zugedrückt, bis die Knochen sich verdrehten. Der Sohn musste ein halbes Jahr lang regelmäßig zum Arzt gehen, der ihm die Hand wieder richtete. Zwei Jahre später hat die Mutter desselben Jungen angefangen, an ihm herumzufummeln. Im Bett und unter der Gürtellinie. Sie wolle, dass aus ihm ein guter Liebhaber wird, hat sie gesagt. Da hat sich auch etwas verdreht, aber da schickte keiner den Jungen zum Arzt.

Der Junge hat das verdrängt. Aber los war er es damit nicht. Er lernte Karate, trainierte immer etwas länger als die anderen, gewann die härtesten Turniere und fiel auf. Auch den Zwielichtigen. Man heuerte ihn an, um säumige Schuldner einzuschüchtern. Man wettete auf ihn. Man zeigte ihm, wie man mit Frauen Geld verdient, und Marquardt stieg ein.

Das war Anfang der 80er. In Diskotheken sprach er sie an, die Schwachen, die Unsicheren, die Suchenden. Die meisten Frauen auf dem Strich kämen aus kaputten Elternhäusern, sagt Marquardt. Opfer wie er, misshandelt oder missbraucht, die einen Beschützer suchten, die Opfer blieben. „Sie ließen sich leicht einfangen“, steht im Buch. Er hofierte sie, bis sie in ihn verliebt waren, schwor ihnen Treue, malte die gemeinsame Zukunft rosarot, dann schminkte er sie wie Huren und brachte sie zum Straßenstrich, und wenn Widerworte kamen, schlug er sie zusammen, bis sie parierten.

In sieben von zehn Fällen sei er mit seiner Masche erfolgreich gewesen, sagt Marquardt. Er strahlt Ordnung aus und Disziplin. Die grauen Haare trägt er kurz gescheitelt auf dem kantigen Schädel, die Augen leuchten hellblau, die Zähne weiß, der Teint ist dunkelbraun gebrannt im künstlichen Licht der Sonnenbänke. Das ist einer, der sich formt. Keiner, der Dinge dem Zufall überlässt.

Seine Kindheit solle keine Entschuldigung dafür sein, dass er zum Verbrecher wurde, sagt Marquardt, im Flur vor den Kinderumkleidekabinen der Karateschule auf einem Plastikklappstuhl sitzend. „Es tut mir alles wahnsinnig leid.“

Er erzählt auch von dem Ungeheuerlichen, das seine Mutter getan hat, aber vorsichtig. „Wie mit einem Mann“ sei sie mit ihm umgegangen. Und wenn er über das spricht, was das mit ihm gemacht hat, die Mitschuld, die er sich gegeben hat, die Chancenlosigkeit eines Kindes gegen die Mutter, nimmt er Sätze aus dem Buch. Als seien sie der einzige Pfad in die Vergangenheit, den zu beschreiten er sich traut. Denn wenn er den verlässt, fängt er an zu beben, und die Stimme wird unkontrollierter. „Ich hasse meine Mutter bis heute“, sagt er, und Brutalität ist plötzlich möglich, seine neue bürgerliche Existenz mit versteuertem Einkommen, Kleinwagen und Spaziergängen in Gefahr. Er ballt die Hand zu der Faust, die schon so viele Fressen polierte.

Dass die Mutter inzwischen tot ist, ist sicher das Beste. Er will gar nicht wissen, wo sie liegt.

Als Marquardt zum zweiten Mal im Gefängnis saß, rief er nach Hilfe und wurde zum Psychiater geschickt. Es begann der Weg zurück in die Erinnerung.

Nach Haftende, 2001, ging er draußen weiter zur Therapie, zwei Mal die Woche, über Jahre, keine einzige Sitzung fiel aus. Dem Therapeuten hat er, als er ihm gegenüber saß im schwarz-metallenen Lederschwinger, auf Parkettboden, die helle Wand im Nacken, eine Palme vorm Fenster, ein Wort für sein altes Leben gesagt: Hassprogramm. Das findet Jürgen Lemke, der Therapeut, ein gutes Wort.

Lemke, ein großer, schwerer Mann mit gemustertem Strickpullover, vom Auftreten her mehr Sozialarbeiter als Psychologe, arbeitet schon lange mit Opfern sexuellen Missbrauchs, und das, was Marquardt ihm erzählt hat, nennt er „extrem“. Daran, dass der die Wahrheit sagt, hatte er nie Zweifel. Wie das aus dem rausbrach, sei authentisch gewesen. Wie auch die Allmachtsfantasien, die sich abwechselten mit dem Gefühl, das Letzte zu sein. Diese gewisse Besessenheit. Diese gewisse Beschränktheit: Das Zuhälter-Milieu, sagt Lemke, sei sehr einfach und sehr klar strukturiert, das mache es für orientierungslose Menschen attraktiv.

Man darf, sagt Lemke, nicht vergessen, dass der Übergang von der liebevollen Berührung zur missbräuchlichen fließend ist. Auch der Übergriff werde anfangs als Zuwendung empfunden. Ein Punkt, der später den Selbstekel ausmacht. Außerdem: „Demütigungen lassen Menschen nicht erwachsen werden.“

Als sie Mitte Dezember bei einer Buchvorstellung in einem Bierlokal in Mitte waren und Lemke vorlas, fing Marquardt an zu heulen. Flashback, sagt der Therapeut. Es seien „Tränchen gerollt“, sagte Marquardt.

Bevor die Lesung anfing, hat ihm seine Freundin Marion, die früher seine Prostituierte war, den Kragen des Anzugs glatt gezupft. Als er die Fassung verlor, setzte sie sich zu ihm ans Podium und streichelte ihm die Hand. Lemke, der Therapeut, sagt, sie sei mehr als eine Geliebte.

Marquardt hat die Kinderkarateschule im ersten Stock des Hinterhofhauses verschlossen. Zwei Etagen weiter oben zieht er aus einem Regal Ordner. Hier ist das Gym 80, Marquardt spricht das G weich, wie James, wo die Pumper trainieren. Männer, die 200 Kilogramm und mehr mit den Armen drücken und 500 Kilogramm mit den Beinen. Die brüllen, wenn sie sich anstrengen, und manchmal, wenn sie sehr hart trainiert haben, im Treppenhaus steifgliedrig von Stufe zu Stufe fallen, weil zu viel Blut in den Muskeln ist.

Das Gym 80 gehört Marquardt und Marion. Sie hat das Studio geführt, als er im Gefängnis saß. Sie hat Zuhältern die Mitgliedschaft gekündigt, weil die keinen Respekt vor ihr, der Hure, hatten. Sie sagt, in die Sache mit dem Buch habe sie sich nicht eingemischt. Das sei Marquardts Sache, seine Geschichte.

Einmal hat sie versucht, ihn für ihre Geschichte zu gewinnen, da hat er sie sitzen lassen. Als sie ein Teenager war, hat sich einer über sie hergemacht und nicht locker gelassen. Sie hat ihn angezeigt und es kam zum Prozess. Im Gerichtssaal hat der Mann sie verspottet, er bekam eine Bewährungsstrafe. Marion war nervlich am Boden und eine Ärztin empfahl, sie solle ein paar Tage in eine Klinik. Da bat sie ihren Freund Andy um Begleitung. Er sagte zu, war aber zur verabredeten Zeit nicht da. Hat den Menschen verraten, der es von allen am besten mit ihm meinte. Das belaste ihn bis heute. Auch im Gespräch hebt er die Episode hervor, die er sich nicht verzeihen könne.

Kennengelernt hat er Marion vor vielen Jahren schon, 1982, in einem Neuköllner Freibad. Sie war kokett und fraulich, steht im Buch, großer Busen. Sie fiel Marquardt auf, der dort mit anderen Zuhältern die Tage verbrachte. Tiefbraun sie alle, gut in Schuss, mit Rolex und Goldkette, und die Frauen, die sie um sich versammelten: optisch erste Wahl.

Auch ihr hat Marquardt gleich gefallen, attraktiv wie er war, und so unnahbar. Sie sagt, sie habe etwas Gutes in ihm gesehen. Deshalb sei sie trotz allem geblieben.

Marquardt blättert durch die Ordner. Berichte über seine sportlichen Erfolge und über Benefiz-Veranstaltungen von ihm und den Karate-Kindern, die er eifrig aufzählt: für Behinderten-Kitas, die Aktion Mensch, Kinderheime. Vor Weihnachten hat Marquardt Spielzeug gesammelt, in den nächsten Wochen wird er in einem Krankenhaus auftreten.

Kinder seien die schwächsten Geschöpfe, sagt Marquardt. Wenn man eines beobachte, das keinen Appetit habe oder blaue Flecke, dann müsse man fragen, helfen, aufpassen. Er erinnert an Jessica, das verhungerte Mädchen aus Hamburg, er sagt, diese Eltern seien doch das Letzte, Abschaum.

Marquardt hat mit seinem Buch etwas Neues gewagt. Die Reaktionen darauf sind nicht absehbar. Vielleicht werden noch Eltern ihre Kinder aus den Karatekursen abmelden, vielleicht wollen die Pumper nicht bei einem trainieren, der sich von der Mutter betatschen ließ. Vielleicht passiert auch gar nichts. Marquardt hat es nicht in der Hand. Er hat sich ausgeliefert. Das kann er wieder.

Andreas Marquardt, Jürgen Lemke, „Härte“, Ullstein Verlag, 8,95 Euro

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