Zeitung Heute : Der geöffnete Saal hinter der Front

Über den Generationswechsel im Feuilleton anläßlich eines Vortrages in der Humboldt-UniversitätIm Gebäude-Komplex der Humboldt-Universität in der Schützenstraße gibt es ein Foyer, in dem die Vortragsreihe der "Mosse-Lectures" stattfindet.Das Foyer ist ein marmorisiertes, verchromtes und sich in weitere Stockwerke hochschwingendes Gebilde, in das immer von oben nach unten gläserne Fahrstühle fahren mit Männern und Aktenkoffern, die dann zu sanfter Kaufhaus-Musik auf elektronische Stechuhren zusteuern und danach Feierabend haben.Rechts ist ein Informationsschalter der Tankstellenkette "elf", die unter dem Dach der Humboldt-Universität ihre Hauptzentrale hat.In der Mitte steht ein Rednerpult mit dem Tankstellenemblem, genau dahinter Barbara Sichtermann, die freie Publizistin, die vorwiegend über das Thema "Weiblichkeit" Bekanntheit erlangte.Sie spricht jetzt über: "Kulturchronisten oder Gesellschaftskritiker.Generationswechsel im Feuilleton". Der Vortrag ist sofort hochinteressant.Zuerst stört nur, daß man nie das Gesicht von Sichtermann sehen kann, sondern immer nur das Emblem der Tankstellenkette.Später aber, als sie viel vom neuen, profanisierten Ton des Feuilletons spricht, der Öffnung des Kulturbegriffs und der marktorientierten Haltung der Kulturträger: da plötzlich stört das Tankstellenemblem schon nicht mehr so sehr und wird eher zur semiotischen Stütze.Es geht im Vortrag nämlich viel um die Verabschiedung des alten und puristischen Kritik-Begriffs der siebziger Jahre, der sich ja nicht damit begnügte, Kritik als solche trotz Adenauer-Geist geltend gemacht zu haben, sondern der auch noch immer mit großer Pose die Umkehr des Ganzen avisierte, sich also an der Abschaffung des Kapitalismus abarbeitete.Sichtermann findet noch ein paar dankende Worte an die Väter (Enzensberger, Böll, Grass etc.) - und dann springt die Alarmanlage der Tankstellenkette an.Gerade als sie den neuen Ton des Feuilletons begrüßen wollte, der die Welt erst einmal annimmt, wie sie ist, seit 1989 auch mehr denn je ohne ideologisierten Gegenmodell-Enwurf, aber auch ohne die zynische Vernunft des Resignativen - genau da springt die Alarmanlage an. Nach fünf Minuten Alarmläuten kommt der Pförtner, denn nur er kennt den Knopf.Sichtermann setzt fort: "Was also ist der neue Ton des Feuilletons?" Sprachlich: Er sei volksnäher, unfeiner, demokratischer, er singe und orgele nicht mehr, sondern er trommele.Ästhetisch: Kunst, die kommerziell sei, müsse heute nicht gleich schlecht sein, ein Publikum nicht unrecht haben, nur weil es groß sei.Politisch: Nehme man die Geschichte als Folie für die Gegenwart, so stehe die Gegenwart heute relativ glänzend da.Also: Wo seien die klar umrissenen Feinde, an denen man den Kritik-Begriff ausleben kann? Und ist deshalb Kritik heute etwas Kompromißlerisches: halb Affirmation und halb Negation aus Tradition? Große Fragezeichen. Es wurde im Vortrag sehr viel über die politischen Befindlichkeiten des Feuilletonisten geredet und darüber, daß er sich der Kommerzialisierung von Kultur im Sinne einer demokratischeren Haltung öffnet.Ich finde, daß dies nur in eine Richtung gedacht ist; daß hier nämlich der Feuilletonist, von außen betrachtend, die Setzungen selbst vornimmt, wo für ihn die Kunst im Kommerz seinem Anspruch von Qualität noch standhalten kann.So etwas geht vielleicht noch bei der "Zeit" oder der "FAZ", aber schon in Berlin ist der Feuilletonist längst Teil der Maschinerie, die sich der Sichtermann-Feuilletonist noch von außen angucken kann.Der Sichtermann-Feuilletonist muß sich überlegen, wie er die alten Freiräume jetzt neu füllt, also welche neue Haltung er in die alten Freiräume hineintragen will. Dem Berlin-Feuilletonisten aber werden die Freiräume immer mehr verbaut.Der erbitterte Markt, der sich in Berlin auf das Feuilleton draufgesetzt hat, überlegt, wie er das Feuilleton endlich breiter verkaufen kann, und da schlägt eben die schöne demokratische Profanisierung-Idee (siehe oben) aus der anderen Richtung zurück.Als Volontär hieß es auf den berlinspezifischen Lehrgängen: Schreibt sofort auf den Punkt kommend! Seid sachlich! Informativ! Der Leser hat keine Zeit! Keine Pirouetten bitte! Die Ära der Bleiwüsten ist vorbei! Hebt die Hauptfakten jetzt in einem Einblocker noch mal hervor! Und vor allem: Seid SCHNELL! Wenn man über den Generationswechsel im Feuilleton spricht, dann muß man auch über veränderte Produktionsbedingungen sprechen, denn der "demokratische Kulturbegriff" ist unter den neuen Marktgesetzen etwas, das mehr und mehr verarmt, weil man den Publikumsbedarf vielleicht an Verkaufszahlen von "Focus" abliest, auf jeden an etwas, das dem Publikum unterstellt, es ließe sich nicht mehr von Texten tragen und verführen.Darf denn etwas, das Breite erlangen soll, keine Pirouetten mehr schlagen und keine zehn Minuten mehr beanspruchen? Wie ist das mit dem Atem eines Textes: Einleitung, These, Fazit, Einblocker? Sehr schwierig. Sichtermann bezeichnete das "Trommeln des Feuilletons" als etwas sich Öffnendes.Das könnte aber auch heißen: In Zukunft soll mit dumpfen Pauken getrommelt werden. Wenn die Alten heute über ihr Feuilleton reden und beklagen, es gebe keine Namen mehr, das Feuilleton sei eine städtische Dienststelle mit Weder-Noch-Kritik, dann muß man sich nicht wundern.Generationswechsel bedeutet auch Subjektivitätsschwund.Bernard Shaw sagte, ihn interessiere nicht, was im Feuilleton steht, sondern wie und von wem es dort steht.Früher stellte ich mir das Feuilleton immer vor als eine Art geöffneter Saal hinter der täglichen Front der Nachrichten, in dem die Herren Kerr und Kisch und Polgar mit Wörtern Billard spielen, aber heute gibt es sie nur noch als wohlklingende Namen für Preisausschreiben, und an das, was sie schrieben, wird bald kein Zeitungs-Unternehmen mehr glauben.Stattdessen wird die Schnelligkeit regieren, ohne daß irgend jemand auf die Idee kommt, daß es im Hinblick auf das Feuilleton nichts Vergreisteres gibt als die Schnelligkeit.Es ist schon oft schwierig genug, sich im Feuilleton um die Gedanken anderer zu schlängeln und im Geschlängel allein seiner Besonderheit zu suchen, aber dies auch noch schnell, sachlich, informativ? Da fällt mir der gläserne, von oben nach unten fahrende Fahrstuhl der Tankstellenkette wieder ein (Pirouette! Pirouette!).Das Berliner Feuilleton hat ein bißchen etwas von diesem Fahrstuhl.Zu leichter Kaufhausmusik gleitet man die Spalten hinab und schon ist man unten.Und weiß gar nicht, wie man so merklos hinunter kam. 

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