Zeitung Heute : Der Geschichte-Erzähler

Seit Justin Sonder in Auschwitz war, glaubt er nicht mehr an Gott. Jetzt glaubt er daran, dass er reden muss

Nadja Klinger[Chemnitz]

In der Lokalzeitung steht in diesem Winter eine Geschichte. Sie ist wahr, und sie ist lang. Sie handelt von der Stadt. Davon, was passiert ist, seit die Nazis im November 1938 die Synagoge am Stephanplatz angezündet haben. Seit die Glasfassade an der Brückenstraße zerbarst und das riesige Kaufhaus Schocken in Flammen stand. Seit Justin Sonders Vater aus dem Bett sprang und in die Nacht lief, um zu sehen, was los war. Seit er mit dem blanken Entsetzen in den Augen zurückkam und sagte: „In Chemnitz ist der Teufel los.“

Die Geschichte erscheint in Fortsetzungen, es ist der Abdruck eines Buches. Eine Jüdin, die früher einmal in Chemnitz lebte, hat es geschrieben. Heute lebt sie in Amerika. Stück für Stück lesen die Chemnitzer über sich selbst. Sie erkennen die Kulisse wieder, erinnern sich an Begebenheiten, an Menschen. In Straßenbahnen, Geschäften, im Gedränge zwischen den Buden am Markt reden sie. Über das, was sie vergessen hatten. Darüber, dass sie vieles nicht gewusst haben. Dass sie manches besser wissen. Sie streiten. Wer kennt sich wirklich in seiner Geschichte aus?

Justin Sonder hat das mit den Fortsetzungen zu lange gedauert. Er ist zum Zeitungsverlag gegangen, hat sich das ganze Buch von Gabriella Mautner besorgt. Sonder blätterte, suchte Namen, die er kennt. Einen hat er gefunden: seinen eigenen. Er war ziemlich überrascht. Wie im Flug ist er über die Seiten hinweg und hat gelesen, was über ihn geschrieben stand. Dann hat er sich ins Sofa fallen lassen. Wie verrückt hämmerte sein Puls auf jedem nüchternen Gedanken herum. Sonder war aufgebracht. Es war seine Geschichte, er wollte sie selbst erzählen. Er fühlte sich bestohlen. Man hatte sein Leben genommen und das zwölfte Kapitel eines Buches draus gemacht. Im Buch steht: Justin Sonder hat Auschwitz überlebt. Das ist der Satz, der in seinem Lebenslauf hängt wie ein Webfehler im Gewand. Hat man ihn einmal entdeckt, sieht alles Drumherum auch nicht mehr schön aus.

In Sonders Leben gab es viele Menschen, die plötzlich nicht mehr da waren. Er hat sie in ihren letzen Minuten an der Rampe und am Galgen stehen sehen. Er sagt nicht, dass man sie vernichtet hat. Er kann das nicht sagen. Er sagt: „Sie sind kaputtgegangen.“ Er kann auch kein Jiddisch mehr sprechen. Die polnischen Worte hingegen, mit denen er den KZ-Arzt anflehte, ihn vor der Selektion aus dem Krankentrakt zu lassen, betet er im Schlaf her.

Schon nach Minuten sind Sonders Füße kalt, wenn er jedes Jahr am 9. November auf dem Stephanplatz steht, wo sich einst die Synagoge befand. In seiner Tasche sind belegte Brote. Er ist ein kleiner Mann mit schmalen Schultern. Im Buch steht, er sei ein stattlicher Typ. Darüber lacht er so heftig, dass die große Brille in seinem Gesicht hin- und herschaukelt. Trotz seiner Vergangenheit, das steht auch im Buch, sei er ein fröhlicher Mensch.

Sein Leben ist eine Zwiebel. Jahrzehntelang hat er die Zwiebel nicht angerührt. Dann hat er sich überwunden und geübt. Er hat eine Haut abgehoben. Noch eine und noch eine. Schon kamen die Tränen. Die Bilder von Auschwitz verschwinden nie. Es ist eng in Justin Sonders Kopf. An den Bildern kommt er nicht leicht vorbei.

Als seine Kinder gefragt haben, warum auf seinem Unterarm die Zahl 105027 steht, hat er gar nicht erst versucht, es mit den Bildern aufzunehmen. Auch die sechs Enkel haben Jahre später die Erklärung mit der Telefonnummer, die er sich nicht habe merken können, bekommen. Es war ein schönes Märchen. Seine Enkelin ist ihm auf die Schliche gekommen. Allzu lange ist das nicht her. „Mensch, Opa!“, hat sie gesagt.

In kurzärmeligen Sommermonaten trifft der Opa manchmal noch überraschend einen Menschen, dem er sich auf ganz besondere Weise verbunden fühlt. Zum Beispiel in einem Gastgarten in Bayern. Da springt er plötzlich vom Essen auf, geht an einen anderen Tisch. „Ich habe ihre Nummer gesehen“, sagt er zu dem alten Mann, der dort speist. „Es ist mir ein Bedürfnis, Sie zu begrüßen!“

Kaum sind ein paar Häute runter, kaum ein paar Details von Justin Sonders Vergangenheit zu sehen, gehört sein Zwiebel-Leben nicht mehr ihm allein. Es steht für etwas. Nicht dass die Leute es ihm wie ein Schnäppchen aus der Hand reißen. Sie bedienen sich eher still und leise. Eigentlich muss seine Geschichte nicht beweisen, dass die Nationalsozialisten sechs Millionen Juden auf dem Gewissen haben. Eigentlich braucht man keinen Überlebenden anzuschauen, um zu wissen, dass die Hitlerzeit nicht weit zurück liegt. Aber im sächsischen Landtag machen Neonazis Politik. Es sieht dort aus, als erledige sich Geschichte schneller als der Mensch denkt. Als könne man auf Justin Sonder noch längst nicht verzichten.

Vor gut einem Jahr hat sich Verona Schinkitz seiner angenommen. Sie leitet einen Chemnitzer Jugendklub. Mit Geldern, die die Bundesregierung über die „Jugendvereinigung Civitas“ zur Stärkung der demokratischen Kultur und zur Bekämpfung des Rechtsextremismus in den ostdeutschen Ländern zur Verfügung stellt, bringt sie Kinder auf die Spuren der Chemnitzer Geschichte. Sie führt sie an Orte, wo einst jüdisches Leben war. Sie hat Zeitzeugen aufgetrieben, die sie in die Schulen der Stadt und ins Umland fährt. „Ressourcen“, nennt sie die alten Männer. Und hütet sie wie Schätze. Die Ressourcen werden knapp.

Verona Schinkitz ruft Justin Sonder an. Sie nennt Termine und er notiert sie im Kalender. In der Nacht bevor ihr Auto vorfährt, schläft er unruhig. Morgens hält er am Fenster Ausschau. „Sie ist blond wie ein Engel“, sagt er.

Wie ein Engel hat sie ihn zum Reden gebracht. Sie begleitet ihn in die Klassen. Schreibt seinen Namen an die Tafel. Er erzählt, dass seinen Eltern alles weggenommen wurde, was sie besaßen. Er erzählt, wie ihm die Eltern weggenommen wurden. Er zeigt den gelben Stern, den er tragen musste. Neben seinen Namen schreibt Verona Schinkitz das Wort Holocaust. Seine Geschichte hat jetzt einen Sinn: Die Schüler müssen sie verstehen. Je nachdem, ob sie in einer neunten oder zehnten Klasse sind, sortiert Justin Sonder die Erlebnisse neu. „Ich muss weglassen, hier und da. Ob ich das Richtige weglasse, weiß ich nie“, sagt er. Er erzählt, dass ihm der Fleischer und der Butterhändler heimlich Essen verkauft haben. „Nicht alle in der NSDAP waren Verbrecher“, sagt er. Ein Sinn ist mehr als ein trauriger Inhalt. Seine Geschichte fordert ihn heraus. „Bis jetzt ist alles nur Vorbereitung auf Auschwitz gewesen“, sagt er nach etwa einer Stunde zu den Schülern. Die Abtransporte beginnen. Die Zeit rennt. Nach zwei Schulstunden ist der Krieg zu Ende. „In Ihren Gesichtern habe ich Interesse gesehen“, sagt Justin Sonder. „Aber ich könnte mehr von Ihnen verlangen: Machen Sie keine Witze! Handeln Sie, haben Sie Mut!“

Im Februar 1943 ist er nach Auschwitz gebracht worden. Von den 2500 Menschen im Eisenbahnzug wurden in einer weißen Winternacht an der Rampe Birkenau 680 aussortiert. Der Rest hatte noch zwei Stunden zu leben. Sonder hat 16 Selektionen überstanden. Daumen nach unten, das hieß Gas. Die Schüler kennen das Zeichen, sie verwenden es oft.

Er erzählt, wie Ärzte ihn im Krankentrakt versteckten. Dass abends Häftlinge gehenkt wurden. Bevor sie starben, haben sie etwas gerufen: „Haltet durch!“ oder „Nieder mit Hitler!“ Einmal stand ein gerade 16-Jähriger am Galgen. Er hatte während des Fliegeralarms Brot geklaut. Vor Todesangst konnte er sich kaum aufrecht halten. Sie wussten, der würde nichts rufen. Sie hatten so viel Mitleid wie nie. Bevor er starb, hörten sie ihn doch noch etwas sagen. Ganz leise. „Mama“, wiederholt Justin Sonder. Seine Stimme vibriert.

Einmal fragt ihn eine Lehrerin: „Wie schaffen Sie das?“ Er erklärt die Sache mit der Zwiebel. Dass er nach ein paar Häuten nicht weiterkommt. Dass seine Mutter unerreichbar ist. Selbst Jahrzehnte nachdem sie „kaputtgegangen“ ist, bringt er nichts Persönliches über sie heraus. Bald wird er 80. Vielleicht wird es für immer sein Wunsch bleiben, es doch noch zu schaffen.

Nach Auschwitz ist Sonder Mitglied im VVN geworden. „Nie wieder Faschismus! – Nie wieder Krieg!“, das war der Schwur von Buchenwald, unter dem sie sich im „Verband der Verfolgten des Naziregimes“ vereinten. „Die ersten Jahre nach dem Krieg waren schöne Jahre“, sagt Sonder. Niemandem musste was erklärt werden. Der Schrecken saß, das Land wurde enttrümmert. Junge Leute schlossen sich dem Verband an. Doch weil sie sich für durch und durch antifaschistisch hielt, hat die DDR 1953 den VVN aufgelöst. In jeder Partei konnte man Antifaschist sein, im Sportbund, in der Konsumgenossenschaft.

Fortan fuhr Justin Sonder nach Berlin, wo sich die Lagergemeinschaft traf. Der Geist des Widerstands saß in einer immer kleiner werdenden Runde zusammen. Und so wie die DDR beschaffen war, setzte sie ihm Grenzen. „Jüstäng, wann kommst du mich endlich besuchen“, hat ein französischer Mithäftling immer wieder gefragt. Jedes Mal hat Sonder sich was ausgedacht, warum er nicht reisen konnte. Nach Jahren ist er zur SED-Kreisleitung gegangen. „Langsam wird’s peinlich“, hat er gesagt, „der glaubt mir meine Ausreden nicht mehr.“ Er durfte einmal kurz nach Frankreich fahren.

Er hat als Kriminalist in Chemnitz gearbeitet. Wenn die Kollegen sich über Krieg und Hunger unterhalten haben, hat Justin Sonder gesagt: „Ich hab nicht mal die Hälfte von dem gegessen, was Ihr hattet.“ Mehr nicht. Niemals. „Man hat es nicht so gern gehört, wenn einer als Jude im KZ war“, sagt er. „Kommunistischer Widerstand war gefragt.“ Als er Zeuge in einem Kriegsverbrecherprozess war, sind seine Kollegen aus allen Wolken gefallen. Gemeinsam haben sie den Mord am jüdischen Kaufhausbesitzer in der Chemnitzer Kristallnacht untersucht. Die Täter wurden in Stuttgart und München gefasst, ausgeliefert und verurteilt.

Nach dem Ende der DDR fanden sich die Antifaschisten, die auf beiden Seiten der Mauer überlebt hatten, neu zusammen. Seit Herbst 2002 gibt es den gesamtdeutschen VVN-BdA (Bund der Antifaschisten). Justin Sonder ist im Landesverband Sachsen. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei 83 Jahren.

In einigen Kreisen und Städten können die VVN-Kameraden nicht mehr zusammenkommen. Sie sind nicht mehr gut zu Fuß. Und müde. Ein Mitarbeiter der Landesgeschäftsstelle kommt mit dem Auto, karrt sie ins Wirtshaus und erzählt ihnen, was im Verband los ist. Sie lauschen, reden. Machen keine Anstalten, sich voneinander zu trennen, aber ein paar Tage später kommt in Dresden die Nachricht an, dass sie doch aufgeben, dass sie nicht mehr zusammenkommen.

Es treffen in Dresden auch Anfragen von Schulen und Vereinen ein. Man will einen Zeitzeugen aus Buchenwald, Ravensbrück oder jemanden, der in Auschwitz war. Die Kandidaten lassen sich an zwei Händen abzählen. Jeder von denen kennt vielleicht einen weiteren. Manchmal springt die Ehefrau eines Verstorbenen ein. Das war’s dann aber wirklich.

Mitunter wird die Öffentlichkeit daran erinnert, dass es auch noch die Opfer, die alten Kämpfer gibt. Der VVN-BdA stand vorm Dresdner Landtag, als die NPD-Fraktion Einzug hielt. Ein Häufchen alter Kameraden. Daneben die Bilder der selbstsicheren Neonazis im Parlament.

Ein paar Wochen vor der Landtagswahl war Sonder in Chemnitz an einem Info-Stand der NPD vorbeigekommen. „Ich hab zwei Fragen“, hat er zu dem Mann gesagt, der dort Broschüren verteilte. „Die erste: Wie stehen Sie zur Gewalt?“ – „Lehnen wir ab!“, hat der Mann geantwortet. „Die zweite: Wie stehen Sie zum Faschismus?“ Es kam keine Antwort mehr. „Hab ich mich falsch ausgedrückt?“, hat Sonder nachgehakt. „Welchen Faschismus meinen Sie?“, hat der Mann gefragt. „Den von 1933 bis 45 oder den Nationalsozialismus von heute?“

Man muss die NPD, die von den Sachsen so viele Stimmen für den Landtag bekommen hat, bekämpfen. Man muss die bekämpfen, die sogar die Gedenkminute für die Opfer des Nationalsozialismus boykottieren. „Aber warum verschont man die Wähler? Haben sie was gelernt?“, fragt Sonder. Die Medien greifen immer nur die Partei an, nicht jene, die die Partei groß machen. „Im Grunde lernen die Menschen sehr wenig aus der Geschichte.“ Wie war das im vergangenen Jahr? Nicht einmal zusammen mit anderen Opferverbänden konnte sich der VVN gegen die CDU-Landesregierung durchsetzen. Sachsen hat ein Gedenkstätten-Gesetz verabschiedet, das die Verbrechen des Hitlerregimes quasi mit Menschenrechtsverletzungen der DDR gleichsetzt. Während in den Ausbau des Stasi-Knastes Bautzen Millionen vom Bund fließen, wurde das KZ Hohnstein geschlossen.

Wie jedes Jahr stand Justin Sonder auch an diesem 9.November mit kalten Füßen auf dem Chemnitzer Stephanplatz. Der Bürgermeister spricht, dasselbe wie immer. „Was soll er auch sagen“, sagt Sonder. Außer ihm sind etwa 100 Leute da. Die meisten gehörten zur Chemnitzer jüdischen Gemeinde, die erst nach der Wende wieder aufgelebt ist. Sie hat etwa 600 Mitglieder. Fast alle sind Russen. Nach Auschwitz hat er keinen Weg mehr zur Gemeinde gefunden. „Wer so viel Mord und Totschlag erlebt hat, glaubt nicht mehr an Gott“, sagt er.

Er glaubt jetzt daran, dass er reden muss. Einmal, gerade als er in einer Mittelschule bei Chemnitz erzählt, wie der Junge am Galgen „Mama“ sagte, kommt der Geschichtslehrer mit dem Blumenstrauß herein. Alle Schüler drehen sich um, niemand bemerkt das Vibrieren in Sonders Stimme.

Der Freistaat Sachsen hat jetzt einen neuen Lehrplan für die Mittelschule. Geschichtsunterricht wird nur bis Klasse neun Pflicht sein. Eigentlich müsste Verona Schinkitz nun noch engere Termine für Justin Sonder machen. Irgendwann wird sie ohne ihn auskommen müssen. Was er den Schülern erzählt, kennt sie auswendig. „Sie und auch Ihre Eltern haben an all dem keine Schuld“, sagt er stets am Schluss, „aber die Verantwortung müssen Sie tragen!“ Das ist auch die Meinung von Verona Schinkitz. Aber sie hat nicht Auschwitz erlebt. Sie ist nur der Engel.

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