Zeitung Heute : Der gesungene Hüftschwung

BAR JEDER VERNUNFT Vom frühen Elvis lernen: Maren Kroymann singt noch einmal „Gebrauchte Lieder“

SANDRA LUZINA

Die Symptome waren eindeutig: „Der Atem ging schneller, Gänsehaut, nicht schlafen können.“ Maren Kroymann erinnert sich noch sehr genau, welch einen Aufruhr die Songs von Elvis Presley in ihr hervorgerufen haben. Zarte sieben Jahre war sie alt, als sie diese aufwühlende Erfahrung machte. Abends, wenn sie ins Bett ging, lauschte sie immer der Musik aus dem Zimmer ihres Bruders, der AFN-Sendungen auf Tonband aufgenommen hatte. Und da war auf einmal diese unglaubliche Stimme des King, der schmachtete, jodelte – und weinte. „Das war ein Fortsetzungsroman für mich, das hat meine Fantasien in Gang gesetzt – und die Bebilderung war der Quelle-Katalog. Diese schicken Frauen mit den spitzen Büstenhaltern.“

Die Schwärmerei für Elvis kann Maren Kroymann nun noch einmal lustvoll ausleben. Denn zum letzten Mal zeigt die Schauspielerin und Sängerin ihr hochgelobtes musikalisches Programm „Gebrauchte Lieder“ – und da kommt Elvis unangefochten die Favoriten- und Herzensbrecher-Rolle zu. Gleich sechs Lieder von ihrem Idol interpretiert sie und ahmt dabei gekonnt dessen Rock’n’Roll-Schmalz nach.

Es ist ein Vergnügen, mit Maren Kroymann über die Songs ihres Lebens zu sprechen. Denn man spürt ihre musikalische Leidenschaft, zudem wagt sie den Versuch, mit einem Song die Gesellschaft zu deuten. Die zweideutige Ausstrahlung des King wurde ihr natürlich erst später bewusst. „Beide Geschlechter kommen in Elvis vor. Damals waren es ja Männer, die die Gender-Grenzen erweitert haben“. Und besonders hatte es ihr dieses Nuscheln in „Treat me nice“ angetan. „Das war ein Aufbegehren! Bei mir im Chor musste dagegen ganz deutlich artikuliert werden.“ Die in Tübingen mit vier Brüdern aufgewachsene Schauspielerin kann auf eine ordentliche Chorsozialisation zurückblicken. 13 Jahre sang sie daheim im Kirchenchor, später in Berlin trat sie mit dem Hanns-Eisler-Chor auf. Sie brachte also beste Voraussetzungen mit, als sie vor zehn Jahren „Gebrauchte Lieder“ vorstellte. Der Schauspielerin und Sängerin gelingt beides: Sie eignet sich die unterschiedlichen Gesangsstile perfekt an, zugleich ist ihre Interpretation immer auch ein augenzwinkerndes Kommentieren.

„Ich will die Lieder nicht verraten; ich habe die ja geliebt. Aber ich möchte sie auch – ein bisschen wie die Brecht’sche Moritat mit dem Zeigestock – ausstellen, damit man darüber nachdenkt.“ In ihren wunderbar witzigen Moderationen erzählt Kroymann dann Biografisches, sie überlegt, was uns diese Songs über Männer und Frauen lehren, und trifft dann noch eine wichtige Unterscheidung: Schlagern, die von der erotischen Vision her machbar waren, stellt sie kühnere Entwürfe gegenüber in einem „Pädophilieblock“, wo auf „Non ho l’età“ von Gigliola Cinquetti „Merci chérie“ von Udo Jürgens folgt. Dabei geht es Kroymann nicht um moralische Entrüstung: „Wenn man so jung ist wie ich damals, denkt man nur: Oh, interessant – komme ich da auch infrage?“

Nach den Auftritten in der Bar jeder Vernunft schaut Kroymann gleich mal bei der Berlinale vorbei – überhaupt scheint dies ein gutes Jahr für sie zu werden. In Doris Dörries neuem Film „Die Friseuse“ ist sie die giftige Gegenspielerin von Gabriele Maria Schmeide. Mit Dörrie hat sie zudem eine sechsteilige TV-Serie abgedreht, „Klimawechsel“ ist eine Art „Sex and the City“ über Frauen in den Wechseljahren. „Gnadenlos, schwarz und böse, aber auch menschlich“, so charakterisierte sie den Humor der Serie, der hierzulande neue Maßstäbe setzen könnte. „Wir Frauen müssen unsere Sicht auf uns selbst und die Welt präsentieren, wir müssen uns selbst verarschen“, fordert sie. Ihre kabarettistische Sendung „Nachtschwester Kroymann“ wurde wohl abgesetzt, weil ihr Humorkonzept damals zu gewagt war. Bleibt zu hoffen, dass die Zeit nun reif ist für den souveränen und intelligenten Witz von Frauen wie Maren Kroymann. SANDRA LUZINA

Bar jeder Vernunft, 2.-7.2., Di-Sa 20 Uhr,

So 19 Uhr

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