Zeitung Heute : Der gläserne Kunde ist längst Realität

TILMAN STREIF

Der Computer weiß alles, zum Beispiel auch, ob Sie mehr Bier als Milch trinken oder mehr Kartoffelchips als Kartoffeln essen.Dieser Alptraum jedes Datenschützers ist in den USA längst Realität.Immer mehr Supermärkte führen genau darüber Buch, was ihre Kunden einkaufen.

"Wenn Sie jetzt sofort Geld sparen wollen, dann müssen Sie nur dieses Formular ausfüllen" sagt James, der freundliche Kassierer in einem Supermarkt der US-Kette Safeway in Seattle (Washington).Einzutragen sind Name, Adresse, Geburtsdatum und die Telefonnummer.Danach erhält der Kunde noch an der Kasse die "Safeway-Klubkarte" - und nur nach Vorlegen dieser Karte gelten bestimmte Sonderangebote des Ladens.

Der Anreiz zum Ausfüllen des Formulars ist also groß - und erst bei der Lektüre des Kleingedruckten erfährt der Safeway-Kunde dann die volle Wahrheit: "Einkäufe mit der Klubkarte werden automatisch aufgezeichnet." Safeway ist damit zum Teil eines landesweiten Trends unter Marktketten geworden, die detaillierte Konsumentenprofile herstellen.Die "gläsernen Kunden" können dann mit maßgeschneiderter Werbung bombardiert werden.Die im Vergleich mit europäischen Maßstäben äußerst schwachen US-Datenschutzgesetz lassen solche Datensammlungen zu, und sie erlauben die Weitergabe der detaillierten Kundendaten an Dritte.Prinzipiell ist es also möglich, daß sich zum Beispiel Arbeitgeber erst mal nach den Einkaufsgewohnheiten von Bewerbern erkundigen.

Safeway und andere Ketten beteuern zwar, daß sie die gesammelten Erkenntnisse nie weitergeben werden.Aber Filialen der Kette Giant Food wurden unlängst ertappt, als sie die Kundendaten an Direktwerber verkauften.Wie wichtig eine Sammlung genauester Kundendaten sein kann, demonstriert in den USA die Warenhauskette Wal-Mart aus Arkansas.Das interne Computersystem erstellt Profile für jede Filiale der Kette und führt genau darüber Buch, was die Kunden alles bei einem einzelnen Ladenbesuch in ihren Einkaufswagen laden.Das digitale System ist ein gutgehütetes Geheimnis.Der Konzern zog unlängst sogar vor Gericht und verklagte unter anderem den Internet-Buchhändler Amazon.com aus Seattle.Angeblich wurden leitende Angestellte Wal-Marts gezielt abgeworben, weil ihr Wissen um das Computersystem für die Konkurrenz Gold wert ist.

Marktbeobachter haben Amazon.com längst den Spitznamen "Wal-Mart des Internet" verpaßt, weil der Online-Händler sein Sortiment ständig erweitert und nun auch CDs, Videos anbietet.Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück; man habe sich lediglich bemüht, die besten Manager anzuheuern, beteuert ein Amazon-Sprecher.Beim Online-Handel stehen US-Datenschützer auf verlorenem Posten, der Einkauf im Internet findet grundsätzlich per Kreditkarte unter Angabe des Namens statt.In der nicht-virtuellen Welt aber bleiben den Kunden noch Freiräume.Auch James, der freundliche Safeway-Kassierer, hat einen guten Ratschlag.An die Klubkarte und die damit verbundenen Sondergebote komme schließlich jeder, der das Antragsformular ausfüllt - selbst wenn dort dann als Name "A.Nonym" steht.

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