Zeitung Heute : Der Glöckner vom Untermain

Gewitzt oder undemokratisch? Ein bayerischer Pfarrer und eine ungewöhnliche Maßnahme gegen die NPD

Sven Goldmann[Miltenberg am Main]

Ulrich Boom ist ein zierlicher Mann. Mit weicher Stimme singt er in der Messe „Kyrie Eleison“, Herr, erbarme Dich. „Schauen Sie sich meine Hand an“, sagt der Pfarrer, es ist eine kleine Hand mit feingliedrigen Fingern. Doch diese Finger können eine große Wirkung erzielen. Zum Beispiel, wenn sie jene sechs Knöpfe drücken, die das Geläut der Pfarrkirche von Miltenberg in Gang setzen. Knöpfe, die weiß und etwa so groß sind wie Manschettenknöpfe. Einen nach dem anderen drückt der Pfarrer. Zuerst den für die Mutter Gottes, die größte Glocke, 4415 Kilogramm schwer. Dann für die kleineren Jakobus, Johannes Nepomuk, Bonifatius, Pius und Kilian. Und draußen auf dem Marktplatz wird es immer lauter. Das ist an jenem Tag ärgerlich für die Nachwuchsorganisation der NPD, denn die will demonstrieren, doch die jungen Rechten verstehen ihr eigenes Wort nicht. Nach zwanzig Minuten ziehen sie ab.

Die Diskussionen darüber, wie dieses Land mit der NPD umgehen soll, sind ja gerade wieder voll im Gange.Verbieten, ignorieren, mit ihr diskutieren? Die Politik verlangt nach Zivilcourage, alle paar Wochen ruft sie einen Aufstand der Anständigen aus. Und ein katholischer Pfarrer aus einer kleinen Stadt im konservativen Bayern hat gezeigt, wie es funktionieren könnte. Mit Witz, Spontaneität, Chuzpe. Im Kleinen, aber mit großer Wirkung. Die Miltenberger feiern die Vertreibung der Rechten von ihrem Marktplatz als einen Sieg des Anstands. Aus dem fernen München lobt der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber das Geläut des Ulrich Boom als „ein Zeichen der Zivilcourage eines mutigen Pfarrers“. Und gerade eben, am Wochenende, hat Boom für sein Geläut den Mutig-Preis 2006 bekommen. Ohne Rücksicht auf nachteilige Folgen habe Boom „zur richtigen Zeit am richtigen Ort ein Zeichen mit positiver Wirkung gesetzt“, befanden die Juroren.

Und doch ist es nicht so, dass nun alle begeistert wären von diesem Pfarrer. Es gibt Menschen, die sehen durch dessen Tun sogar ein wichtiges Grundprinzip der Demokratie gefährdet. Die NPD natürlich auch. Sie hatte wegen Störung einer genehmigten Versammlung ein Gerichtsverfahren in Gang gesetzt.

Seit Ulrich Boom, 58 Jahre alt, am 22. Juli 2006 mit seinen Glocken die Rechten vom Miltenberger Marktplatz vertrieb, wird er als deutscher Don Camillo gefeiert. Don Camillo ist eine Fantasiefigur des italienischen Romanciers Giovanni Guareschi. Don Camillo ist Katholik, er schlägt sich herum mit dem Kommunisten Peppone. Doch Don Camillo empfindet eine gar nicht so heimliche Sympathie für Peppone, denn beide haben sie im Krieg gegen Mussolini gekämpft. Ulrich Boom aber würde einem den Rechtsstaat auf den Hals hetzen, sagte man ihm Sympathie nach für seinen Gegner. Diesen Gegner.

In der Auseinandersetzung mit den Rechten sieht sich der Pfarrer mit einem Gesetz konfrontiert, das dem Rechtsstaat heilig ist. Es ist das Recht auf Versammlungsfreiheit. Im Paragraphen 21 des Versammlungsgesetzes heißt es: „Wer in der Absicht, nichtverbotene Versammlungen oder Aufzüge zu verhindern oder zu sprengen oder sonst ihre Durchführung zu vereiteln, Gewalttätigkeiten vornimmt oder androht oder grobe Störungen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Ist ein Glockengeläut eine grobe Störung?

Miltenberg liegt, wo Franken am katholischsten ist, im nordwestlichen Zipfel des Freistaates Bayern. Hier regiert die CSU. Bürgermeister Joachim Bieber ist ein großer, ernster Mann mit dunklem Vollbart. Er sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm ein Dossier, das der Stadtarchivar für ihn zusammengestellt hat: alle Wahlergebnisse seit Weimar. „Schauen Sie mal hier“, der Bürgermeister zupft ein Blatt hervor, „bei der Bundestagswahl vor einem Jahr hat die NPD hier 39 Stimmen bekommen, 0,73 Prozent“. Warum, fragt er sich, sind die Rechten nach Miltenberg gekommen? Pfarrer Boom glaubt, die Stadt habe ihnen gefallen. Auf eine typisch deutsche Art schön. Viel Fachwerk, enge Gassen, die Altstadt schmiegt sich an den Main. So viel Deutsches zieht auch ungebetene Besucher an.

Durch drei Instanzen hat die NPD ihr Recht auf eine Demonstration in Miltenberg verfochten. Die Stadt war dagegen, der Landkreis auch, aber die NPD ist bis vors Verwaltungsgericht gezogen, und dort bekam sie Recht.

Doch sie verschafft diesem Recht kein Gehör, an jenem Samstagnachmittag am Schnatterloch. So nennen die Miltenberger ihren Marktplatz. 100 Gegendemonstranten brüllen die 50 Rechten nieder. Es wird so laut, dass Ulrich Booms Anwalt meint, der Pfarrer habe die Versammlung gar nicht sprengen können. „Sie war längst gesprengt“, sagt Hermann Leeb. Er war früher bayerischer Justizminister.

Es ist kurz nach zwei, als Boom in die Sakristei geht. Zum Messwein und den Büchern, die er für seine Predigten braucht. Und zu den sechs Knöpfen. Fünf Finger einer zierlichen Hand wissen, was sie zu tun haben. Die Pfarrkirche liegt am Main, auf einer Anhöhe. Der Schall der Glocken prallt von den Hügeln des Odenwalds zurück auf den Marktplatz. Bei Altstadtfesten übertönen die Mutter Gottes und ihre fünf Geschwister mühelos ganze Blasorchester. Die jungen Rechten mit ihrem kleinen Megafon sind kein ebenbürtiger Gegner.

Die NPD fühlt sich blamiert und zeigt Pfarrer Boom bei der Staatsanwaltschaft Aschaffenburg wegen der Störung einer genehmigten Demonstration an. Sie nimmt die Vorzüge des Rechtsstaats gern in Anspruch. Der Staatsanwalt formuliert in schönstem Juristendeutsch: „Man kann Glockenschlägen nicht von vornherein die Eignung zu einer solchen Störung absprechen.“ Miltenbergs Bürgermeister bittet den Bischof in Würzburg: „Lasst den Pfarrer jetzt bloß nicht einknicken!“ Eine Berlinerin schreibt den Miltenbergern: „Seien Sie stolz auf diesen Mann!“ Es gibt aber auch andere, wie den Mann aus Nürnberg, der Boom wissen lässt: „Ich beurteile Ihr Verhalten als ein Verbrechen am deutschen Volk.“ Die NPD nennt Boom auf ihrer Internetseite einen „Krawallpfarrer“.

Wo endet Zivilcourage, wo beginnt Krawall?

Im vergangenen Jahr hat eine Berlinerin im Gerichtssaal den Mann geohrfeigt, der ihre Tochter vergewaltigt hatte. Der Vergewaltiger befand sich, geschützt vom Verständnis des Rechtsstaates, noch acht Jahre nach der Tat auf freiem Fuß. Die Ohrfeige der Mutter fand sofort einen Richter und eine Geldstrafe von 1000 Euro. Henryk M. Broder schreibt im Tagesspiegel, in Deutschland werde der Rechtsstaat „mit einer Radikalität exekutiert, die ans Dogmatische grenzt und der Gerechtigkeit den Garaus macht“.

Im Fall des Pfarrers Boom will die Politik zeigen, dass es auch anders geht. Die bayerische Justizministerin Beate Merk gibt am 17. November persönlich bekannt, dass das Verfahren gegen den Pfarrer eingestellt wird: „Glockenläuten ist ein Symbol für Friedlichkeit und religiöse Überzeugung und steht unter dem besonderen Schutz der Religionsfreiheit.“

Natürlich freut sich Boom über die netten Worte. Aber macht die Öffentlichkeit nicht ein bisschen zu viel aus einer kleinen Selbstverständlichkeit? Die Wände seines Wohnzimmers im Miltenberger Pfarrhaus sind mit Büchern voll gestellt. Kein Zeitungsartikel, kein Foto erinnern hier an den 22. Juli. Boom sitzt am Wohnzimmertisch und gestikuliert, er will es sich nicht einfach machen. Nein, von einem generellen Verbot der NPD halte er nichts. „Man muss sich mit diesen Leuten in der Sache auseinandersetzen.“ Und das Prinzip der Versammlungsfreiheit empfinde er als zu kostbar, als dass er mit einer nonchalanten Bemerkung darüber hinweggehen wolle. Hat er diese Versammlungsfreiheit beschnitten? „Ich habe denen nicht gesagt: Geht weg! Sie hätten sich schon versammeln dürfen, sie hätten nur ein bisschen warten müssen.“ Es wundert ihn selbst ein wenig, dass die Rechten so schnell aufgegeben haben.

Ulrich Boom entspricht nicht dem gängigen Bild eines bayerischen Gemeindepfarrers. Er ist im Münsterland aufgewachsen und wollte eigentlich Architekt werden. Seine Leidenschaft ist die Kunst, in seiner Bibliothek dominieren weltliche Werke die theologische Literatur. Gerade erst hat er Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ gelesen, eine Reportage über die Bewältigung des Jakobsweges nach Santiago de Compostela. „Faszinierend“, sagt Boom, „man wird diesem Menschen nicht gerecht, wenn man ihn nur als Spaßvogel sieht“, aber bevor er das weiter ausführen kann, klingelt schon wieder das Telefon. Ein Radiosender will ein Interview. Boom lässt ausrichten, dass er nichts sagen werde. „So geht das die ganze Zeit hier“, stöhnt er.

Zurück zum Grundsätzlichen. „Ich finde es schon interessant auszuloten: Was darf der Bürger Boom? Und was darf er nicht?“ Der Pfarrer Boom, sagt Boom, jedenfalls habe jedes Recht der Welt, die Glocken zu läuten, wann immer er wolle. Ich darf zum Gebet rufen, wann immer ich es für richtig halte.“ An diesem Samstag im Juli standen sich Demonstranten und Gegendemonstranten unversöhnlich gegenüber, es sei geradezu die Pflicht eines Pfarrers, die streitenden Parteien zur Versöhnung, zum Gebet zu rufen.

Alle sechs Glocken läuten sonst nur an Ostern oder in der Neujahrsnacht. Und wenn die Rechten kommen? Boom antwortet mit einem Lächeln.

Als Peppone zum Bürgermeister seines Städtchens gewählt wird, will er sich mit einer Rede bedanken. Don Camillo läutet die Glocken, die kommunistische Botschaft geht unter. Schöne Geschichte, sagt Pfarrer Boom, aber, leider, kenne er weder das Buch noch den Film . „Unser Kaplan hat mir die DVD geschenkt, aber ich hatte noch keine Zeit zum Anschauen.“

Sein Augenzwinkern sagt: Guter Mann, dieser Don Camillo.

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