Zeitung Heute : Der große "Leberwursttraum" im gräßlichen

KATRIN HILLGRUBER

Birgit Vanderbeke, SchriftstellerinKATRIN HILLGRUBER Sympathisch wirken Birgit Vanderbekes Frauengestalten nicht unbedingt.Tapsig kommen sie daher, fallen mitunter in Gruben.Beim ersten Rendezvous schweigen sie eine Spur zu lange.Sie fühlen sich meistens falsch angezogen und leiden ganz allgemein unter stilistischen Sorgen.Das wirkt sich auch auf ihre Sprechweise aus, schafft den "Vanderbeke-Stil" als Drahtseilakt zwischen Umgangs- und artifizieller Hochsprache, der 1990 mit der Erzählung "Das Muschelessen" in die Welt geriet."Meine Frauen kommen durch und gewinnen immer", meint sie dazu, mit einem Anflug von Trotz.Seit vier Jahren lebt Birgit Vanderbeke mit ihrer Familie in Südfrankreich, in einem kleinen Ort im Languedoc namens St.Quentin la Poterie.Geboren wurde sie in kälteren Gefilden: 1956 im brandenburgischen Dahme.Als Siebenjährige kam sie in den Westen, wuchs in Frankfurt am Main auf, wo sie Jura und Romanistik studierte.Zieht es sie noch oft nach Deutschland? "Nein", sagt sie, "ich lebe hier furchtbar gern.Wenn ich nach Deutschland komme, reise ich aus beruflichen Gründen hauptsächlich in der Republik herum." Fünf Erzählungen hat sie publiziert, beharrlich bleibt sie bei diesem Genre.Den "großen Roman" verweigerte Birgit Vanderbeke bisher.Erfolg hat sie trotzdem, wenn nicht gar eine Gemeinde.Gleich für ihr Debüt, einen Auszug aus dem besagten "Muschelessen", erhielt sie 1990 den Ingeborg-Bachmann-Preis.Im selben Jahr gab sie unter dem Titel "Fresse schon meine Fingerspitzen wie Spargelköpfe" Bettel- und Brandbriefe von Schriftstellern heraus.Seitdem gilt ihre erzählerische Aufmerksamkeit der Beziehungs- und Familiendramatik, deren Glück und Hölle, inklusive Zumutungen der Elternschaft ("Gut genug", 1993).Im Gespräch will sie diese Festlegung überraschenderweise so nicht gelten lassen, sie weicht ins Allgemeine aus: "In meinen Texten kommen Menschen vor, das ist richtig." "Das Muschelessen" schildert die innere Befreiung einer Familie vom abwesenden Vater, einem Despoten und Briefmarkensammler mit "gesamtdeutschem Vollständigkeitsraum".Die Autorin hatte zu einem ganz eigenen Duktus gefunden, der die Aufmerksamkeit des Lesers wie in einem Wasserstrudel zum Zentrum des Konfliktes führt: "...alles in dieser Familie drehte sich nur darum, daß wir so tun mußten, als ob wir eine richtige Familie wären, wie mein Vater sich eine Familie vorgestellt hat, weil er keine gehabt hat und also nicht wußte, was eine richtige Familie ist, wovon er jedoch die genausten Vorstellungen entwickelt hatte, und die setzten wir um..." Kritiker fühlten sich von den virtuosen bis überdrehten Satzkaskaden an Thomas Bernhard erinnert: "Das hat mich erst sehr gestört und dann amüsiert", sagt sie aus heutiger Sicht, "ich mag diese Kaskaden sehr gern, komme vielleicht demnächst wieder darauf zurück.Es ist aber auch ganz hübsch, gelegentlich Bücher zu schreiben, die aus Hauptsätzen bestehen." In "Fehlende Teile", 1992 erschienen, hatte sie Gantenbeins Ehefrau Lila in deren selbstzufriedener Unzulänglichkeit dargestellt.Die späte Nennung des "Paten" Max Frisch, ganz am Schluß des Textes, verstimmte manche Leser.In "Friedliche Zeiten", dem letzten Buch, verkörpert die Mutter mit ihrem Reinlichkeitstick die Tyrannin.Jetzt, in ihrer sechsten Erzählung "Alberta empfängt einen Liebhaber", ist Birgit Vanderbekes Stil knapper geworden, doch nicht weniger ironisch.Der Mut zu schiefen Vergleichen und unlogischen Schlußfolgerungen ist ihr geblieben."Das ist meine Art und Weise zu denken, daß Gegenstände sich nicht miteinander vertragen" - etwa seine Elefantenkrawatte und ihr Wintermantel im Mai.Birgit Vanderbeke verharrt thematisch bewußt im Alltäglichen, scheut auch das Banale nicht.Ihre Protagonisten läßt sie in gräßlichen Hotels den großen "Leberwursttraum" träumen.Andererseits heißt es, Liebe sei nicht profan - wie erklärt die Autorin diesen Widerspruch? "Das sagt Alberta sich, als sie sich klar wird, daß sie das Zähneputzen des Mannes nicht jeden Tag ertragen möchte, das Gurgelgeräusch." Weibliche Autonomie um jeden Preis also, Widerspenstigkeit als Markenzeichen - diese Heldinnen sind von einer fast schon rührenden Renitenz.Gleichzeitig ist Albertas verquere Lovestory in eine scheinbar ordentliche Rahmenhandlung gebettet, in das Lyoner Leben einer Schriftstellerin, Ehefrau und Mutter, die eben nichts anderes als Albertas Geschick erzählt.Hat sich Birgit Vanderbeke nun doch zu einem Anflug von Harmonie durchringen können? "Äußerlich bleiben meine Geschichten immer im Rahmen, innerlich sind sie alle Katastrophengeschichten." "Alberta empfängt einen Liebhaber" erscheint Mitte September im Alexander Fest Verlag.Heute liest Birgit Vanderbeke auf dem Sommerfest des Literarischen Colloquiums Berlin aus ihrer Erzählung.Wie kam es zu dem Verlagswechsel, nachdem sie vier Bücher bei Rotbuch und die Kriminal-Phantasie "Ich will meinen Mord" bei Rowohlt veröffentlicht hatte? "Ich hatte schon mein drittes großes Problem mit dem Rotbuch-Verlag, es wurde Zeit zu wechseln.Zwischendrin war ich weggegangen zu Rowohlt und bin dann wieder zurückgekommen, weil ich Rotbuch mochte und eigentlich sehr treu bin, es hat aber auf gar keine Weise mehr geklappt." Ihrem neuen Berliner Verlag, an dem sie die sorgfältige Betreuung lobt, prophezeit sie eine "ziemliche Zukunft".Und so wird es unter neuer Flagge weitergehen mit den sarkastischen Beschreibungen weiblichen Rollenverhaltens, werden Alberta und andere in Gruben stürzen und sich wieder aufrappeln. Birgit Vanderbeke liest morgen zwischen 17 und 18.30 Uhr auf dem Sommerfest des S.Fischer-, Argon- und Alexander-Fest-Verlages im Literarischen Colloqium, Am Sandwerder in Wannsee, aus ihrem neuen Roman.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben