Zeitung Heute : Der harte Job der Computer-Spieletester

Christian Blees

Neue Games werden vor der Veröffentlichung auf Herz und Nieren geprüft / Die meisten Teams sitzen in den USAVon Christian Blees Wie wohl die meisten Computerspiele-Publisher hoffte auch Jürgen Reußwig noch bis Mitte des Jahres auf traumhafte Weihnachtsumsätze.Als Quell der Euphorie diente dem Direktor für Produktentwicklungen eine von seiner Firma Sunflowers in Auftrag gegebene, historische Wirtschaftssimulation, "die grafisch alles in den Schatten stellt, was in diesem Bereich bisher auf dem Markt erhältlich ist".Doch mittlerweile hat sich der Spieleexperte damit abgefunden, daß der erhoffte Umsatz mit "Anno 1602" (so der Titel) zumindest anno 1997 nicht mehr zu erzielen sein wird."Das Spiel entspricht im aktuellen Entwicklungsstadium einfach noch nicht dem hohen Qualitätsstandard, den wir bei einer solchen Produktion zugrunde legen", erklärt der Entwickler.So weise das Spiel unter anderem in Sachen Benutzerführung noch Mängel auf, die man den potentiellen Käufern "auf keinen Fall zumuten" wolle.Folge: Sunflowers hat das Release-Datum zunächst auf das erste Quartal 1998 verschoben. Ausschlaggebend sei letztlich die Aussage der hauseigenen Testabteilung gewesen, so Reußwig.Bei Spieledistributoren wie Sunflowers ist sie in der Regel der entscheidende Faktor, wenn es um die erfolgreiche Plazierung eines Titels auf dem hartumkämpften Markt geht.Die Zahl der insgesamt hierzulande installierten "Testlabors" ist allerdings begrenzt, handelt es sich bei den meisten veröffentlichten Titeln doch lediglich um eingedeutschte Übernahmen aus Großbritannien, Übersee oder Fernost.Dort befinden sich insofern auch die meisten Softwareschmieden, in denen sämtliche Neuheiten der internationalen Großkonzerne vor ihrer Veröffentlichung durch mehrköpfige Testteams auf Herz und Nieren geprüft werden. Zu den relativ wenigen Firmen, die Computerspiele originär für den deutschen Markt entwickeln, zählt neben Sunflowers auch das Mülheimer Unternehmen Blue Byte.1988 gegründet, hat die Gesellschaft bis heute rund 25 Titel veröffentlicht, darunter "Pro Tennis Tour" und "Die Siedler" mit weltweit jeweils über einer halben Million verkaufter Exemplare.In der Mülheimer Entwicklungsabteilung sind nach Auskunft der PR-Managerin Esther Manga 25 Mitarbeiter beschäftigt.Dabei bestehe das "Kernteam" für ein Spiel aus etwa einem Dutzend Leuten, die "gegen Ende eines neuen Projektes meistens alle mit dem Testen beschäftigt sind".Angesichts des enormen Personal- und Hardwareaufwandes erscheint es da kaum wunderlich, daß die Entwicklungskosten für ein modernes Computerspiel laut Jürgen Reußwig von Sunflowers "rasch siebenstellige Höhen" erreichen. Nicht nur er ist jedoch felsenfest davon überzeugt, daß sich der enorme Aufwand in Sachen Qualitätssicherung letztlich auch bezahlt macht.Denn "ein fehlerhaftes Spiel herauszubringen, kann verdammt teuer werden", pflichtet Susanne Aigner ihrem Kollegen bei.Die Pressesprecherin des Eutiner Herstellers Software 2000 beschleichen heute noch Alpträume, wenn sie an den "Bundesliga Manager 97" denkt.Die Master-CD des potentiellen Spitzentitels für das Weihnachtsgeschäft 1996 habe sich seinerzeit bereits auf dem Weg ins Preßwerk befunden, als den Mitarbeitern noch ein winziger grafischer Fehler am Produkt aufgefallen sei."Den haben unsere Programmierer eigentlich nur noch rasch herunternehmen wollen, damit das Spiel wirklich einwandfrei war." Doch aus Versehen hätten die zuständigen Kollegen gleichzeitig ein paar ältere Dateien mit auf die CD-ROM kopiert."Der Fehlerteufel hat sich leider erst zu erkennen gegeben, als das Produkt schon im Handel war." Wer Software 2000 indes unterstellen wolle, die fehlerhafte Version bewußt noch vor Weihnachten auf den Markt geworfen zu haben, irre sich gewaltig: "Denn nichts kann schädlicher für ein Produkt sein, als wenn der Eindruck entsteht, daß es bei der Veröffentlichung eigentlich noch nicht fertig ist." Darüber hinaus sei es "ein richtiger Kraftakt" gewesen, die daraus entstehenden Probleme wieder aus der Welt zu schaffen, so Susanne Aigner: "Wir hatten zusätzliche Hotlines geschaltet, den fehlerbehebenden Patch sofort auf die Internet-Homepage gestellt und an alle registrierten Kunden versandt.Zusätzlich wurde die entsprechende Datei per CD-ROM in einer Auflage von rund zwei Millionen Exemplaren über die Fachpresse gestreut." Kein Wunder also, daß die Software 2000-Sprecherin betont, bei der Panne mit dem "Bundesliga Manager" habe es sich um eine "einmalige Ausnahme" gehandelt.Ähnlich wie bei den Mitbewerbern Sunflowers und Blue Byte seien nämlich auch beim Eutiner Unternehmen in den letzten Wochen vor der Freigabe eines Titels mindestens 15 Leute "praktisch rund um die Uhr damit beschäftigt, das jeweilige Spiel auf alle erdenklichen Mängel hin zu durchleuchten." Dabei würden unter anderem auch die unterschiedlichsten Gerätekonfigurationen berücksichtigt: "Nur so können wir erkennen, ob sich die betreffende Software zum Beispiel mit allen möglichen Joysticks oder Soundkarten verträgt." Bei besonders aufwendigen Entwicklungen hocken laut Susanne Aigner während der heißen Phase rund zwei Dutzend Kollegen im Großraumbüro quasi rund um die Uhr vor ihren PC. Den angestrebten Veröffentlichungstermin im Nacken, versuchen die Entwickler dann, sämtliche Mängel auszumerzen.Unverzichtbare Hilfe leistet den Testern der verschiedenen Firmen in aller Regel eine sorgfältig gepflegte Datenbank, in der vom einfachen Rechtschreibfehler bis hin zum Systemabsturz alle schon einmal aufgetretenen Probleme registriert sind."Diese werden anhand einer Prioritätenliste abgearbeitet", erläutert Jürgen Reußwig von Sunflowers."Außerdem tragen die Mitarbeiter in einer Extra-Spalte auch noch Verbesserungsvorschläge ein, die ihnen beim Testen in den Kopf kommen." Gemeinsam mit der Geschäftsführung werde dann darüber diskutiert, ob (wie im Fall von "Anno 1602") im Zweifelsfall eine Release-Verschiebung gerechtfertigt erscheint oder nicht. So wurde nach Auskunft von Software 2000-Sprecherin Susanne Aigner auch das ursprünglich für die bevorstehende Weihnachtssaison geplante Erscheinungsdatum der "Bundesliga Manager"-Version für Windows 95 schon vor längerer Zeit vorsorglich auf das Frühjahr 1998 umterminiert."Aber nicht etwa, weil viele Fehler aufgetreten sind", beruhigt sie potentielle Skeptiker, "sondern ganz einfach deshalb, weil wir für das Weihnachtsgeschäft auch schon so genügend gute Titel im Angebot haben."

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