Zeitung Heute : Der Hass der Verlierer

Die Menschen in Falludscha empfinden die Amerikaner als Besatzer – auch weil sich ihre Situation nach dem Ende der Saddam-Diktatur kaum verbessert hat

Andrea Nüsse[Amman]

Falludscha ist seit langem der Inbegriff des bewaffneten irakischen Widerstandes gegen die US-Armee. Es vergeht kaum ein Tag, an dem in der 60 Kilometer westlich von Bagdad gelegenen Stadt keine amerikanischen Soldaten angegriffen werden. Am vorvergangenen Wochenende kam eine irakische Fernsehcrew bei Schießereien zwischen Aufständischen und US-Soldaten ums Leben. Doch die Bilder von Einwohnern, die verkohlte Leichen von zivil gekleideten Ausländern zerhacken und Leichenteile an Masten aufhängen, zeugen von einer fast unfassbaren Grausamkeit und Brutalität, einer neuen Qualität der Gewalt.

Was ist in Falludscha geschehen? Die etwa 500000 Einwohner zählende Stadt weist alle Merkmale des so genannten sunnitischen Dreiecks auf: Die Bevölkerung ist streng islamisch und konservativ. Unter dem SaddamRegime relativ privilegiert, war die Stadt schon immer ein Knotenpunkt des Schmuggels, wo eigene Gesetze galten. Seit dem Fall des Regimes liegt die Stadt relativ isoliert, hier gibt es keine Hilfsprojekte, die Menschen fühlen sich als Verlierer. Auf politischer Ebene hat die amerikanische Zivilverwaltung die Mitsprache der sunnitischen Bevölkerungsminderheit lange vernachlässigt. Die Bewohner erklären immer wieder, dass sie die US-Truppen nicht als Befreier, sondern als Besatzer empfinden. Die Besetzung ist Hauptthema der Predigten, die in den etwa 35 Moscheen der Stadt gehalten werden. Die Stadt sei – ebenso wie der gesamte Irak – muslimisches Territorium, das nicht von Nichtmuslimen regiert werden dürfe. Falludscha ist damit eher die Ausnahme. Denn jüngste Umfragen belegen, dass die Mehrheit der Iraker mit der Entwicklung nach dem Sturz des Saddam-Regimes zufrieden sind.

Das ist der Hintergrund, vor dem US-Soldaten am 23. April in Falludscha einmarschiert sind. Gleich in der ersten Woche brachten sie auch möglicherweise neutral gestimmte Bevölkerungsteile gegen sich auf: Bei Protesten an einer Schule eröffneten sie das Feuer und erschossen 15 Einwohner. Während die USArmee erklärte, sie sei angegriffen worden und habe sich verteidigt, stellten Medienberichte diese Version in Frage. Auch Human Rights Watch bezweifelt die These von der Selbstverteidigung und beschuldigte die USArmee des „exzessiven“ Einsatzes von Gewalt. Da die Anwohner die amerikanischen Soldaten für schuldig halten, kann nach den in Falludscha geltenden Stammesgesetzen nur Blutrache die Toten sühnen. Die nächtlichen Hausdurchsuchungen und Verhaftungen, bei denen muslimische Frauen in ihren Betten überrascht werden, halten den Volkszorn am Kochen. Zahlreiche Einwohner, wie der frühere Prediger der Hauptmoschee, sitzen seit Monaten ohne Anklage in Haft.

Am vergangenen Sonnabend riegelten die US-Marines nach Zwischenfällen am Vortag alle Zufahrten zur Stadt ab. So notwendig dieses Vorgehen derzeit sein mag, das Gefühl in einer besetzten Stadt zu leben wird so verstärkt. Die Bewohner vergleichen ihre Lage mit der in Palästina, wo arabische Dörfer regelmäßig von der israelischen Armee abgeriegelt werden. Der Vergleich mit der israelischen Besetzung ist seit der Ermordung von Hamas-Führer Scheich Jassin noch akuter. Mit einem Generalstreik reagierte Falludscha auf die Ermordung des hier verehrten Muslimführers. In dieser aufgeheizten Stimmung wird kaum zwischen US-Soldaten und anderen Ausländern unterschieden. „Jeder, der mit den Amerikanern zusammenarbeitet, ist ein Verräter“, lautet einer der zahlreichen Slogans an den Hauswänden.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar