Zeitung Heute : Der Heimkehrer

Nach der WM 2002 nahm er schon einmal Abschied – und löste eine nationale Debatte aus. Weder König noch Ministerpräsident konnten ihn zur Rückkehr bewegen, sein Sohn Jordan überredete ihn zum Comeback. Jetzt verlässt Henrik Larsson den FC Barcelona und geht nach Helsingborg zurück. Vorher will er seinen Erfolg von 1994 wiederholen. Damals wurde er mit Schweden WM-Dritter – und seine Rasta-Locken und Tore zum Vorbild für Ronaldinho

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Von Stefan Hermanns

Henrik Larsson weiß vermutlich selbst am besten, dass es viele Fußballer gibt, die größer sind als er. An diesem Abend wird ihm das wieder einmal vor Augen geführt. Der Stürmer der schwedischen Nationalmannschaft steht in der Mixed-Zone des Kölner Stadions. Die Journalisten hinter der Absperrung drängeln in mehreren Reihen, sie halten Larsson Mikrofone und Aufnahmegeräte unter die Nase. Ein paar Minuten geht das so, ein paar Minuten ist Henrik Larsson ein Star, dann taucht David Beckham neben ihm auf. Die Masse schwenkt nach links. Henrik Larsson ist frei. Er lächelt.

Henrik Larsson wird im September 35, und jetzt, da seine Karriere sich dem Ende zuneigt, muss man feststellen, dass er immer eine Art Schwellen-Weltstar gewesen ist: Die Schwelle zu den ganz Großen hat er nie überschritten; aber es hat diese Momente gegeben, in denen man ahnte, dass mehr möglich gewesen wäre. Erst im Mai hat es einen solchen Moment gegeben, als der Schwede mit seinem Verein, dem FC Barcelona, gegen Arsenal im Finale der Champions League stand. Larsson saß anfangs nur auf der Bank. Barcelona geriet trotz Überzahl in Rückstand und mühte sich lange vergeblich um die Wende. Dann wurde Larsson eingewechselt. Mit seiner ersten Aktion leitete er den Ausgleich ein. Wenig später bereitete er den Siegtreffer zum 2:1 vor.

Der Gewinn der Champions League war der erste internationale Titel für Henrik Larsson. Zu mehr hat es nicht gereicht, weil der Schwede immer bei den falschen Vereinen spielte und vor allem in den falschen Ligen. Von seinem Heimatklub Helsingborg IF wechselte er zu Feyenoord Rotterdam nach Holland. Die meiste Zeit seiner Karriere aber verbrachte er bei Celtic Glasgow in der schottischen Liga. Erst im Sommer 2004, mit 32, wechselte Larsson nach Barcelona zu einem international ernst zu nehmenden Verein. Sein Vertrag ist gerade ausgelaufen, Barca wollte ihn gerne behalten, aber er hatte schon im Herbst die Entscheidung getroffen, dass er nach der WM nach Schweden zurückkehren würde: nach Helsingborg, dorthin, wo alles angefangen hat. „Es war immer klar, dass ich meine Karriere dort beenden werde“, sagt er.

93 Länderspiele hat Henrik Larsson bestritten, seitdem er 1993 zum ersten Mal für Schweden spielte, und es hätten noch weit mehr sein können, wenn er nicht 2002 nach der WM in Asien seinen Rücktritt beschlossen hätte. Vermutlich hat Larsson, dieser so still und ernst wirkende Mann, nie gedacht, dass er anschließend noch einmal das Objekt einer nationalen Debatte werden würde. Kurz vor der Europameisterschaft 2004 wurden die Rufe nach seiner Rückkehr in die Nationalmannschaft immer lauter. Die Zeitung „Aftonbladet“ sammelte fast 120 000 Unterschriften, um Larsson zum Umdenken zu bewegen, selbst Ministerpräsident Göran Persson und Mitglieder der Königsfamilie beteiligten sich an dieser Aktion. Lennart Johansson, der schwedische Präsident der Uefa höchstselbst, schrieb ihm einen Brief. „Das ist schön, wenn man vom mächtigsten Mann im europäischen Fußball einen Brief bekommt“, sagte Larsson. „Aber das ändert nichts an meinem Entschluss.“ Was Politiker, Fürsten und Funktionäre nicht vermochten, schaffte erst sein acht Jahre alter Sohn Jordan. „Papa“, hat er damals gefragt, „warum spielt du nicht mehr, wenn die anderen spielen?“

Larsson spielt immer noch, doch von jetzt an, ab dem Achtelfinale gegen Deutschland, könnte jedes Länderspiel das letzte für ihn sein. Die endgültige Entscheidung will er erst nach der Weltmeisterschaft treffen. „Ich habe schon einmal weitergemacht“, sagt Larsson. „Und ich kann mir vorstellen, das noch einmal zu tun.“ Seine Bedeutung für die schwedische Mannschaft ist weiterhin unbestritten, auch wenn er in den ersten WM-Spielen etwas verloren wirkte. Martin Dahlin, sein alter Freund und ehemaliger Mitspieler, hat in diesen Tagen mit Larsson telefoniert: „Er war unzufrieden mit seiner Leistung. Ein Spieler wie Henrik muss mehr zeigen.“ Muss er das? „Henrik ist auch dann wichtig für die Mannschaft, wenn er nicht trifft“, sagt Schwedens Trainer Lars Lagerbäck. „Er ist eine positive Person auf und neben dem Platz. Wenn man einen Spieler wie Larsson hat, ist es leicht, Trainer zu sein.“

Vor zwei Jahren, bei der EM in Portugal, hat sich eine Begebenheit zugetragen, die Larssons Wert für das Binnenklima in der Nationalmannschaft besonders anschaulich dokumentiert. Im ersten Gruppenspiel gegen Bulgarien führte Schweden 3:0, Larsson hatte bereits zwei Tore erzielt, als es kurz vor Schluss einen Elfmeter gab. Larsson war als Schütze vorbestimmt, er nahm sich den Ball, doch dann kam Zlatan Ibrahimovic. Er hatte noch nicht getroffen und bettelte geradezu darum, den Elfmeter ausführen zu dürfen. Larsson nickte nur kurz, gab ihm den Ball, Ibrahimovic traf zum 4:0. „Im ersten Moment fragt man sich: Warum macht er das?“, hat Lars Lagerbäck zu dieser Szene gesagt. „Aber es zeigt einfach, was für ein großartiger Charakter Henrik ist.“

An seinen sportlichen Qualitäten haben überdies nie irgendwelche Zweifel bestanden. Larsson besitzt alle Fähigkeiten, die ein außergewöhnlicher Stürmer haben muss: Er ist schnell, technisch gut am Ball, trotz nur 1,78 Meter Körpergröße sogar im Kopfball stark, und vor allem hat er einen überragenden Torinstinkt. In der schottischen Liga wurde er fünfmal hintereinander Torschützenkönig, 242 Tore hat er für Celtic erzielt, und das Gespür für den richtigen Moment hat er auch am vergangenen Dienstag wieder bewiesen, als er gegen England in der 91. Minute den Ausgleich zum 2:2 erzielte. Man möchte ja meinen, dass Larsson in seiner Karriere schon alles erlebt hat, aber auch dieser Treffer war noch etwas Besonderes für ihn: „Mein erstes Tor gegen England“, sagte er.

Die schwedische Zeitung „Expressen“ hat nach dem Spiel gegen England und dem Erreichen des Achtelfinales geschrieben: „Der Traum von der Wiederholung der WM 1994 ist zurück.“ Bei der Weltmeisterschaft in den USA wurde Schweden Dritter – mit einer großen Mannschaft: mit Thomas Ravelli im Tor, Patrik Andersson in der Abwehr, Thomas Brolin im Mittelfeld, Martin Dahlin im Sturm. Und mit Henrik Larsson. Er ist der Letzte aus der 94er Mannschaft, der geblieben ist. „Er ist vielleicht nicht mehr so spritzig wie früher, aber immer noch sehr athletisch“, sagt Martin Dahlin. „Und er ist sehr clever.“

Ronaldinho, der größte Fußballer der Jetztzeit, war 14, als Larsson in den USA auf die große Bühne trat. Larssons Rasta-Locken haben ihn damals beeindruckt, aber nicht nur die. „Bei der WM 1994 war ich verrückt nach ihm“, hat er einmal erzählt. „Ich wollte so viele Tore schießen wie Romario und Larsson. Henrik ist für mich ein Idol. Er hat eine ganze Epoche geprägt.“

Wenn Ronaldinho das sagt.

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