Zeitung Heute : Der heißeste Auftrag des Ball-Diplomaten

MARTIN HÄGELE

PARIS .Über Politik mag Bora nicht reden.Und auch nicht über das diktatorische Militärregime in Nigeria, dessen Fußballteam der Cheftrainer Bora Milutinovic seit neuestem betreut.Klar kann er nicht sagen, daß er nur einen Ball auf dem Hals sitzen hat, Augen und Verstand also automatisch ausgeschaltet sind und Sport und Politik sowieso nichts miteinander zu tun haben.

Das wäre zu viel Naivität von einem Mann, der als Trainer einen sensationellen Ruf besitzt.Experte für Nobodies.Mit Mexiko ist er 1986 erst im Viertelfinale und nach Elfmeterschießen gegen den späteren Vizeweltmeister Deutschland aus dem Turnier geflogen; fürs Team USA und Bora bedeuteten in der zweiten Runde ausgerechnet die künftigen Champions aus Brasilien beim 1:0 die Endstation.Dazwischen schaffte er in Italien mit den Exoten von Costa Rica sensationelle Siege gegen traditionelle Fußball-Länder wie Schottland und Schweden.Und jetzt, nachdem er zum ersten Mal bei einer WM ein Ensemble dirigieren darf, in dem fast jeder zur handverlesenen Crew der internationalen Ball-Artisten zählt, jetzt fragen Boras alte Bekannte nach der Moral.

Ganz gewiß hilft es, daß der junge Bora in Belgrad einst einige Semester politische Wissenschaften studiert hat und als Serbe selbst aus einem verfemten Land kommt."Schreib, was du von mir denkst bei diesem Thema", sagt er.Aber dann fühlt er sich doch seinem Arbeitgeber verpflichtet: "In Nigeria fühle ich mich glücklich.Da ist viel Elend, aber die Leute lachen.In Europa lacht niemand.Du kommst nach Zürich, in die Bahnhofsstraße.Da liegen Milliarden, Milliarden, aber niemand hat ein freundliches Gesicht.In Nigeria lachen sie und rufen: Hey Coach."

Dabei hat Bora Milutinovic erst zehn Tage in Nigeria verbracht.Weit wichtiger als Land und Leute kennenzulernen, war es für ihn, seine 40 000 Dollars jeden Monat sicher aus Nigeria herauszubringen.Von Ausländern, die hier ihre Geschäfte machen, hat er schnell gelernt, wie man die unverfänglichen American-Express-Schecks an korrupten Zöllnern vorbei herausschmuggelt.

Er nennt einfach alles zusammen "das größte Abenteuer meines Lebens." Er hat keine Sekunde gezögert, als kurz vor Weihnachten das Angebot der "Super Eagles" gekommen ist.Also brach er halt wieder mal auf aus der Villa in Laguna Miguel, nicht weit weg von San Diego, wo Bora mit seiner mexikanischen Frau seine Wahlheimat gefunden hat.Er hat gewußt, daß die afrikanischen Sportpolitiker in drei Jahren fünf Nationaltrainer gefeuert haben, darunter den Holländer Jo Bonfrere, mit dem Nigeria in Altlanta die Goldmedaille gewann oder den Franzosen Philippe Troussier.Der hatte die in alle Welt verstreuten Olympiasieger zuvor durch die WM-Qualifikation bugsiert.Nein, Bora läßt sich einfach durch nichts erschrecken.Er ist nun mal der dritte Chefcoach der vergangenen sieben Monate."Risiko, mein Freund".

Wahrscheinlich werden sich auch Boras Freunde täuschen.Freunde wie Franz Beêkenbauer, der einst seinen Kumpel Bora für den Job in Amerika empfohlen hat und bis vor kurzem auch an den "WM-Favoriten Nigeria" geglaubt hat.Doch die Niederlage im Testspiel gegen Holland (1:5) deutete an, daß Bora gegen unüberwindbare Probleme ankämpfen muß.Nicht nur gegen den diêken Sportminister im farbigen Gewand, der seine Einmischung in die Mannschaftsaufstellung damit begründet, er müsse Stammesfehden vorbeugen.Oder der Verbandspräsident Abdul Mumini Aminu, der unbedingt glaubt, das 4-2-4-System mit dem Pelé und Kameraden 1958 Weltmeister wurden, sei in Wirklichkeit für den Sturmflug von Nigerias Fußball-Adlern erfunden worden.

Bora kämpft mit einem Fluch.Ein Fluch, der bislang jede Fußball-Nation des schwarzen Kontinents getroffen hatte.Alle mußten hinterher für ihre Erfolge bitter bezahlen.Die Algerier, 1982 in Spanien noch stolzer Sieger über Deutschland, waren vier Jahre später in Mexiko nicht wiederzuerkennen.1990 hatten die Fans mit Roger Milla und Kameruns "Löwen" getanzt - nach Amerika reisten Milla und Co.schon mit geschnittenen Krallen.Und zwei Jahre nach ihrem Olympiasieg über Argentinien sind Augustine Okocha, Taribo West und wie die in über zehn Nationen versprengten Profis alle heißen, nichts anderes als ein Haufen Legionäre und Millionäre, von denen jeder erst mal in sich und nicht mehr länger in einem einheitlichen Fußball-System denkt.

Das Rad der Zeit, die Entwicklung, die Nigeria zum Fußball-Exportland und die Szene dort zu einem einzigen Basar gemacht hat, kann auch ein Bora Milutinovic nicht stoppen.Erst recht nicht in der kurzen Zeit."Weil ich die Spieler nicht kenne, bin ich lieber vorsichtig.Wenn ich hier alles ändern würde, wäre ich ein toter Mann."

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