Zeitung Heute : Der Herzschrittmacher

Lafontaine und die Linkspartei: Sie jubeln ihm zu – aber am Ende lässt er sie doch allein

Axel Vornbäumen[Krefeld]

Ach, wäre er doch nur schon bei ihnen. So richtig mit Parteibuch, mit Amt und demnächst vielleicht auch mit Mandat. Dann hätte die liebe Seele wieder Ruh. Und ihre links schlagenden Herzen, die hätten endlich ihren Schrittmacher. Doch Oskar Lafontaine tut ihnen den Gefallen nicht. Nicht an diesem Abend, hier, im Krefelder Seidenweberhaus, gute drei Wochen vor den Landtagswahlen in NRW. Noch nicht?

Oben, auf dem Podium geht der offizielle Teil des Abends in die letzte Minute. „Ist der Sozialstaat noch zu retten?“, heißt das Thema. Ja, natürlich, das ist sein Thema. Da weiß er was. Da kennt er sich aus. Da hätte er Rezepte. Die IG Metall hat eingeladen. Und Verdi. Aber das sind Formalien. Gefühlt ist das hier eine Veranstaltung der WASG, der „Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit“. Im Publikum dominiert die Farbe Orange. Die WASG hat T-Shirts mit ihrem Logo bedrucken lassen. Als Markenzeichen, weil sie so bekannt ja nun auch noch nicht und der Name irgendwie schwer zu memorieren ist. Durch das viele Orange wirkt alles ein bisschen so, als wäre man in der Ukraine. Vorrevolutionär. Bitte, warum auch nicht?

Letzte Minute also. Da gibt der Moderator endlich das Stichwort, direkter geht es nicht mehr: Was sollen wir wählen, am 22. Mai? Und unten, im Auditorium, da hängen sie jetzt an seinen Lippen, so wie sie das früher getan haben, als sie selbst fast alle noch in der SPD waren und er ihr Vorsitzender. Doch Oskar Lafontaine, der noch in der SPD ist, sagt an diesem Abend nicht, was sie wählen sollen. Was soll er auch sagen? SPD vielleicht? Das kann er nicht. Schon lange nicht mehr. WASG? Das darf er nicht, weil ihm sonst der Parteiausschluss drohte. Er sagt: „Wir müssen wieder eine starke Linke bekommen.“ Er sagt: „Es geht um einen Politikwechsel.“ Er sagt: „Es ist fast eine religiöse Überzeugung, im Zweifel auf der Seite der sozial Schwachen zu stehen.“ Dann aber, und die Kamerateams sind ihm schon auf die Pelle gerückt, um herauszukitzeln, wie er es denn nun mit der SPD hält, ob und wann und wieso er denn nicht längst…, da sagt er noch: „So, ich glaube, wir haben hier genug gesagt.“

Wieder nichts. Kein Knall. Natürlich nicht. Nach der Wahl, das hatte Lafontaine kürzlich erst propagiert, werde er sein Parteibuch zurückgeben, wenn „die Enteignung der älteren Arbeitnehmer“, Stichwort: Hartz IV, nicht zurückgenommen werde. Ein Ultimatum ist das. Aber das wievielte eigentlich? Allzu oft drohen kann Oskar Lafontaine nicht mehr, sonst werden sie ihn irgendwann einmal nicht mal mehr ignorieren. Außerdem hat der Generalsekretär der SPD, Klaus Uwe Benneter, jetzt selber mit dem Rauswurf gedroht.

Aber zu Nadelstichen, zu denen reicht’s noch allemal. Lafontaine hat ein ganzes Set mitgebracht. Von „Harry-Potter-Ökonomie“ ist die Rede, von „hirnverbrannter“ wirtschaftspolitischer Diskussion, von „schändlichen Ein-Euro-Jobs“. Und auch Münteferings Schwenk, Stichwort Kapitalismuskritik, wird bestenfalls mit einem Kübel Skepsis bedacht. Lafontaine redet sich in Fahrt, fast so wie damals in Mannheim, als er gegen Rudolf Scharping putschte. „Es darf nicht wieder ein wahlpolitisches Betrugsmanöver sein.“ Da jubeln sie im Auditorium noch jedes Mal.

Ein „Push“ war der Abend – für die WASG, sagt Klaus Ernst, als alles vorbei ist. Der Mann ist Vorstandsmitglied der „Wahlalternative“. Inhaltlich, sagt er, stimme er „zu 100 Prozent mit dem Oskar überein“. Man könnte fast sagen, zwischen die beiden passt kein Blatt Papier, wenn diese Metapher, nun ja, nicht so einen schalen Beigeschmack hätte, weil in der Politik sich die Dinge gelegentlich schon mal verändern, auch im Zwischenmenschlichen. Auf dem Podium, während der Diskussion, da hatte Ernst schon ein bisschen mit dem noch nicht ganz legalisierten Verhältnis zu Lafontaine kokettiert. Vorsichtig. Und umständlich. „In der Sozialdemokratie, da gibt es ja Gott sei Dank noch den einen oder anderen, der vielleicht noch drin ist…“ Es ist einer dieser Momente, in denen man als Umworbener lächelt, geschmeichelt. Doch Lafontaine fixiert an dieser Stelle nur sein Wasserglas. Er schaut nicht auf.

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