Zeitung Heute : Der Hype ist zurück

KURT SAGATZ

VON KURT SAGATZAn diesem Sonntag beginnt in Stuttgart der sechste Deutsche Multimedia Kongreß.Viele Besucher und Teilnehmer der Veranstaltung werden sich beim Kongreßmotto "Time for a change" um zwei Jahre zurückversetzt fühlen, als beim DMMK 1996 in Leipzig die Losung ausgegeben wurde: "Der Hype ist vorbei, jetzt müssen Geschäfte gemacht werden." Die Übereinstimmungen von Motto und Anspruch der Branche lassen nicht zufällig das unangenehme Gefühl von Stagnation aufkommen.Genau wie bei den letzten beiden Frankfurter Buchmessen kann zwischen den Zeilen erneut herausgelesen werden, daß sich die Produzenten der neuen Unterhaltungsware - um die es sich bei Multimedia am Ende handelt - noch immer nicht ganz davon erholt haben, daß der Markt der digitalen Visionen nur sehr langsam wächst, daß Computer weiterhin zumeist zum Arbeiten und TV-Geräte zum Fernsehen genutzt werden.Zu rosig erschien noch vor wenigen Jahren die digitale Zukunft, in der jeder Mensch über eine E-Mail-Adresse und einen Internet-Zugang verfügt, Schüler selbstverständlich zum Lernen Multimedia-CD-ROMs benutzen und demokratische Prozesse genau wie bürokratische Notwendigkeiten online erledigt werden.Wo der gesunde Menschenverstand schon damals die natürlichen Grenzen am Horizont erkannte, mußten viele Visionäre erst schmerzvoll erfahren, daß eine neue Technologie noch lange keine neue, reformierte Gesellschaft zur Folge hat. Sicherlich sehen Kongresse zum Thema Multimedia in den USA anders aus als hierzulande.Das Mutterland des Internets tut sich halt doch einfacher mit der Adaption einer neuen Technologie: Hier muß weit weniger Überzeugungsarbeit geleistet werden, um Ängste ab- und Hoffnungen aufzubauen.Selbst auf den Arbeitsmarkt hat sich die gewachsene Bedeutung der digitalen Industrien bereits positiv ausgewirkt, was eigentlich auch nicht verwundert, denn die Produkte, mit denen andernorts Multimedia entsteht, stammen zum großen Teil aus den Staaten. Glücklicherweise zeigen Beispiele wie StarDivision, Pixelpark oder Terratools, daß dieser Zustand kein ehernes Gesetz ist.So haben sich die Hamburger mit ihrem Office-Paket durch den attraktiven Preis in Deutschland bereits einen guten Teil des Marktkuchens gesichert.Selbst der erfolgreiche Sprung über den großen Teich ist damit für die deutsche Softwareschmiede in Reichweite gerückt.Chancen auf eine gute Position im Geschäft um Multimedia-Kunden in den Staaten können sich auch die Berliner erhoffen, die unlängst entsprechende Aktivitäten bekanntgegeben haben.Oder man macht es wie die Terratools-Spieleentwickler aus Babelsberg, die Microsoft auf sich aufmerksam gemacht haben und nun mit dem Software-Giganten kooperieren. Es besteht also durchaus Hoffnung, daß sich die Bits-and-Bytes-Branche am Ende der Veranstaltung in Stuttgart wieder nach vorn orientiert und etwas mehr vom einstigen Optimismus ausstrahlt.Denn um mit Multimedia Geschäfte zu machen, ist es gar nicht so verkehrt, wenn ein neuer Hype um die On- und Offline-Medien entsteht.

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