Zeitung Heute : Der Instinkt swingt

TOM R.SCHULZ

Das Jazzfest BerlinVON TOM R.SCHULZOb es dafür schon die Miles-Davis-Anstecknadel in Silber gibt? Der Rezensent hat nämlich ein kleines Privatjubiläum zu feiern.Vor 20 Jahren, der erste Bart sproß ungehemmt und lückenhaft, war ich das erste Mal auf den Berliner Jazztagen, aus denen später das Jazzfest Berlin wurde.Vom Kulturring der Jugend hatte ich über das Schulsekretariat Billigkarten für die Philharmonie abgestaubt.Dann war ich als Student dort, später als Kritiker.Ich habe fast kein Jahr ausgelassen.Einmal, 1987, konnte ich nicht kommen, weil mein zweites Kind geboren werden sollte.Heute schwärmt die Tochter, deretwegen ich damals das Jazzfest sausen ließ, von den Backstreet Boys, und wenn in der Küche eine Jazz-CD läuft, sagt das undankbare Kind, bevor es die Tür hinter sich zumacht, mit milder Verachtung nur ein Wort: "Papamusik". Ja.Papamusik.Die Bartstoppeln wachsen mir neuerdings grau aus dem Kinn, die Stirn wird immer höher, und immer noch kann Jazz mich glücklich machen und dem Sinn des Seins für Momente näherbringen, diese Musik, deren vibrierende Lebendigkeit ich erstmals auf den Berliner Jazztagen 1977 erfuhr.So werde ich wohl noch als Kahlkopf nach Berlin fahren, wenn der November kommt und mit ihm der Jazz.Wie einer, der jahrzehntelang im Urlaub immer nach Rimini fährt, obwohl er weiß, daß die Strände und das Essen anderswo besser sind. Also: alte Liebe, nichts zu machen.Vielleicht liegt die Ursache für die Verklärung der Jazztage- und Jazzfest-Vergangenheit darin, daß dieser mal vier, mal fünf Tage dauernde Konzertmarathon noch in den 70er und frühen 80er Jahren wie ein Wolkenkratzer aus der flächendeckenden Tiefebene des bundesdeutschen Musiklebens, Abt.Jazz, herausragte, einsam, majestätisch, anziehend, künstlerische Maßstäbe setzend.Seit ihrer Gründung 1964 erfüllten die von US-Stars geprägten Berliner Jazztage auch eine politische Aufgabe: am Brennpunkt des kalten Kriegs erbrachten sie den klingenden Beweis für die eindeutige Westbindung der ehemaligen Frontstadt. Dieser Job ist erledigt.Seine Stellung als Solitär hat das Jazzfest aber auch aus einem anderen Grund längst und unwiederbringlich eingebüßt.Heute ist ganz Deutschland Festivalland.Von Husum bis Kempten richten Privatleute, Vereine, Kulturämter, gar eine ganze Landesregierung ihre eigenen Jazztage aus, karren die Prominenz aus Amerika in ihre Mehrzweckhallen, zahlen dafür beinahe jede Gage und taufen ihr Festival, wenn er genug Geld gibt, auf den Namen des Hauptsponsors. So etwas galt im Jazztempel Berlin, wo man Herbst für Herbst gleichsam das Hochamt der improvisierten Musik zelebrierte, lange als ganz undenkbar.Noch in den Jahren, als überall der Sponsoren-Jazz zu blühen begann, hatten die Händler und Wechsler, die Kursgewinnler an der Kultur, in Berlin nichts zu melden.Warum auch: zu Mauerzeiten gab es aus Bonn Geld ohne Ende, und die Hörfunkanstalten der ARD, zwei ihrer Fernsehsender und gelegentlich das ZDF ließen sich die Radio- und Fernsehübertragungsrechte des Festivals, das sie mitveranstalteten, einiges kosten.In diesem Jahr baut nur noch der SFB-Nachfolger BerlinFernsehen B1 seine Kameras im Haus der Kulturen der Welt auf, wohin das Jazzfest nun wohl endgültig umgezogen ist.Das NDR-Fernsehen hat nicht nur das Hamburger Jazzfestival durch seinen zumindest vorläufigen Rückzug erstmal ins Aus befördert, sondern ist auch in Berlin nicht mehr vertreten. Da ist es fast schon ein Wunder, daß die Hörfunkanstalten der ARD mit dem DeutschlandRadio Berlin dem einstigen Prestige-Festival noch immer die Treue halten.Längst könnten sie ihren bescheidenen Bedarf an Jazz im jeweils eigenen Bundesland decken.Und ginge es nur nach den Quotenjunkies unter manchen Programm-Oberen, hätten einige Jazzredakteure ihren tapferen, immer schwieriger werdenden Kampf um die Aufrechterhaltung des Artenschutzes im Hörfunk wohl auch schon verloren. Seit 1989 tröstet sich auch das Jazzfest mit Sponsorengeld über die nachlassende Großzügigkeit der öffentlichen Geldgeber.Der Etat ist mit knapp 1 Million Mark noch immer sehr ordentlich, doch die Zeiten der Berliner Prassermentalität sind vorüber.Daß man auch hier inzwischen die Dollarschecks zweimal umdrehen muß, hat allerdings auch sein Gutes.Denn die Not, den noch immer guten Ruf des Jazzfests mit immer weniger Geld am Leben zu erhalten, macht erfinderisch.Weniger budgetkillende Stars, die künstlerisch oft eher enttäuschen, dafür mehr Qualitätsware zu günstigen Preisen, so lautete in diesem Jahr bei der Programmgestaltung die Devise.Oder, wie es auf der (übrigens vor knapp drei Monaten letztmals aktualisierten) Homepage des Jazzfests lapidar heißt: "Mehr Kultur für weniger Geld." Albert Mangelsdorff, künstlerischer Leiter seit 1995, hat in seinem Bestreben, ganz hinter seiner Aufgabe zurückzutreten, indem er ihr so gut wie möglich dient, die Aura des Jazzfests inzwischen von der manchmal allzu gefönten Glamour-Allüre seines Vorgängers George Gruntz befreit.Das ist gleichzeitig sympathisch und ein bißchen schade.Gruntz war eitel und instinktbegabt genug, neben dem Schillernden und Etablierten immer wieder auch das einzuladen, was noch unfertig war, was womöglich in der Attitüde mehr stimmte als in der musikalischen Reife.Vor derlei hip-konjunkturellen Einladungen ist man in der Ära Mangelsdorff leider ganz sicher.Sein Ethos als Musiker, seine Unabhängigkeit vom Hype, seine Vorsicht und wohl auch sein Alter (er wird nächstes Jahr 70) schützen ihn (und uns) vor jedem Risiko. Die "Schienen", mit denen George Gruntz seinem Programm Struktur zu geben versuchte, befährt Albert Mangelsdorff eher ungern.Es gibt sie noch, aber sie drängen sich nicht auf.Ein paar Gäste dieses Jahres erinnern an den 30.Todestag von John Coltrane, ein paar andere eint, daß sie es als Posaunisten im Jazz weit gebracht haben.Um so auffälliger ist, daß Mangelsdorff auch in diesem Jahr ein so deutliches Bekenntnis zum europäischen Jazz abgibt.Das kommt dem Zwang zur Sparsamkeit entgegen.Die Gagenforderungen sind nicht so unverschämt, die Reisekosten bleiben im Rahmen, und künstlerisch reich wird ein Festival, das aus vielen europäischen Regionalkulturen schöpft, allemal.Dem Frauen-Jazz windet Mangelsdorff Kränze auch dann, wenn er nicht gesungen wird: neben Dee Dee Bridgewater, Greetje Bijma und Holly Cole, drei Sängerinnen, die stilistisch unterschiedlicher kaum sein könnten, führt die hierzulande noch unbekannte schwarze Bandleaderin Gail Thompson ihre Kompositionen vor, und die Orchesterleiterin Sherrie Maricle reist gar mit einer kompletten Frauen-Bigband an. Auch Obskuritäten haben beim Jazzfest ihren Platz.Beim "Theremin Summit" stürmen Youseff Yancy und Eric Ross mit dem Donato Cocca Trio den bislang für nicht allzu schwindelerregend gehaltenen Gipfel, den der Jazz auf dem Theremin, einem Instrument aus der Pionierzeit der elektrischen Klangerzeugung, zu erklimmen vermag.Mit Tritonia dürfte erstmals eine mexikanische Jazzband auf dem Jazzfest gastieren, und Jazz fürs Auge gibt es auch: eine vielfach preisgekrönte Off-Broadway-Produktion mit Vernel Bagneris und Morten Gunnar Larsen widmet sich Leben und Werk des Jelly Roll Morton.Um sich etwas Glanz und die Gewogenheit des Publikums, der Sponsoren und der übrigen Geldgeber zu erhalten, müssen freilich auch ein paar Stars aus Amerika her, Altmeister wie McCoy Tyner, Herbie Hancock und Wayne Shorter und etablierte Jungstars wie Ray Anderson und Kenny Garrett. Alles Gute, natürlich, aber richtig brennen mag man dafür nicht.Doch daß die Jazzwelt wohl nie wieder jemanden hervorbringen wird, der wie Jaco Pastorius in der Philharmonie mit seinem wütenden, genialen, atemberaubenden Solokonzert auf dem E-Baß einen Oberschüler aus Berlin derart aufwühlte, daß die Welt fortan für ihn eine andere war und bleiben sollte, daß so jemand nie wieder zu erleben sein wird, nicht in Berlin und auch nicht anderswo, dafür kann ja keiner was.

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