Zeitung Heute : „Der Irak droht kulturell zu veröden“

Auch fünf Jahre nach Kriegsbeginn bleibt der Irak ein unsicheres Land. Wie ist es um den Schutz der Kulturgüter dort bestellt, Herr Petzet?

Schlecht. Mitarbeiter unserer Organisation Icomos, des Internationalen Rats für Denkmalpflege, sind schon lange nicht mehr vor Ort. Das Land droht zu einer kulturellen Wüstenei zu veröden. Und das, wo der Irak eine Vielfalt an archäologischen Stätten aufweist, wie sie weltweit nicht mehr anzutreffen ist: Mehr als 10 000 solcher Orte sind bislang identifiziert worden.

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie zu kämpfen?

Die Gefahr geht gar nicht so sehr von Al Qaida und anderen terroristischen Gruppierungen aus, sondern es war die ganz gewöhnliche Kriminalität, die unsere Arbeit lahmgelegt hat. Plünderungen und Raubgrabungen im Irak sind an der Tagesordnung. Das Irakische Nationalmuseum in Bagdad bot bereits wenige Tage nach dem Einmarsch der US-Truppen im März 2003 ein Bild der Verwüstung: 170 000 Objekte waren damals von Plünderern geraubt worden. Ein unschätzbarer Verlust, denn der Irak ist mit Ägypten die kulturelle Wiege der Menschheit. Die antike Stadt Hatra ist 1985 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden. Die Überreste dieser Stätten, die ohnehin schon eine sehr labile Architektur haben, können jetzt nicht mehr geschützt werden – ein Desaster, bei dem wir leider nur zuschauen können.

In Afghanistan hingegen scheint sich die Lage etwas zu bessern. Wenige Monate vor dem 11. September 2001 hatten die damals regierenden Taliban die berühmten Buddha-Statuen zerstört. Was unternimmt ihre Organisation zurzeit vor Ort?

Mit der Sprengung der beiden 53 und 38 Meter hohen Buddha-Statuen in Felsnischen des Gebirges im Bamiyan-Tal sind 2000 Kubikmeter Gestein zusammengestürzt. Unser Icomos-Komitee „Afghanistan“ mit einem Team aus vier Archäologen, Geologen, Architekten und afghanischen Kollegen sind derzeit mit nichts anderem beschäftigt, als die Trümmer zu bergen und zu identifizieren. Einen großen Erfolg haben wir bereits erzielt: Die Nischen, in denen die Statuen standen, konnten mit Gerüsten gesichert werden.

Sollen die Statuen einmal wieder aufgestellt werden?

Eine perfekte Rekonstruktion wird nicht möglich sein. Ich würde es auch für falsch halten, nagelneue Buddha-Statuen aus Beton zu errichten. Wir wollen vielmehr erhalten, was da ist, um etwas anderes geht es jetzt nicht. Hier droht allerdings ein Wettlauf gegen die Zeit, denn das Gestein ist porös: Mit jedem Winter, der starken Regen bringt, verfallen die Stücke mehr.

Michael Petzet ist Vorsitzender des Internationalen Rats für Denkmalpflege (Icomos). Mit ihm sprach Rafael Sala.

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