Zeitung Heute : Der Junge geht ins Rennen

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Ich habe eine Krabbelgruppen-Phobie. Daran ist eine Kollegin von der „Zeit“ schuld. Ich weiß nicht mal mehr, was sie genau geschrieben hat in ihrem Artikel, der vor ein paar Jahren erschienen ist, aber die Überschrift habe ich nicht vergessen: „Was, deiner robbt schon?“ Das Zitat war die erschrockene Frage einer ehrgeizigen Mutter aus einer Krabbelgruppe. Denn das, suggerierte der Artikel, ist das Elixier der Jungmütter: Mein-Kind-dein-Kind-Vergleiche anstellen. Jene „Zeit“-Geschichte ist einer der Gründe, warum ich mit dem Kinderkriegen noch gewartet habe. Sobald ich ein Kind haben würde, stellte ich mir vor, würde von irgendwoher ein Batiktuch anwehen, sich um meinen Hals schlingen und mit den Batiktüchern anderer Mütter einen unentwirrbaren Knoten bilden. Ich wäre dazu verdammt, im Kreis mit den anderen Müttern zu sitzen, Yogi-Tee zu schlürfen und im Duftlampen-Nebel darüber zu debattieren, ob Holzdielen oder Teppichböden das Krabbeln besser fördern.

Vielleicht erschien mir die Vision nicht mehr so schlimm, nachdem die 70er wieder modern geworden waren und die ersten Batik-T-Shirts bei H & M auf der Stange hingen. Jedenfalls habe ich es irgendwann doch gewagt, ein Baby zu bekommen. Als es auf der Welt war, legten mein Mann und ich den heiligen Schwur ab, unser Kind nicht zu unserem persönlichen Ehrgeiz-Projekt zu machen und es nie mit anderen zu vergleichen. Kaum hatten wir die Klinik verlassen, wurden wir zu engagierten Hobby-Pädagogen: „Jedes Kind braucht sein Tempo“, verkündeten wir. „Unser Sohn soll nicht unter Leistungsdruck stehen, schon bevor er seine ersten Schulnoten bekommt.“ Nur bei der Frage, was unser Kind mal werden soll, waren wir uns nicht ganz einig. „Matrose oder Bankmanager, Büdchenbesitzer oder Klempner – Hauptsache, er wird glücklich“, fand ich. Mein Mann fragte: „Und wenn er sein Geld mit einer Telefonsex-Hotline verdienen will?“

Dass die Krabbelgruppen-Mütter aus meiner Fantasie nicht halb so ehrgeizig waren wie ich, ahnte ich bei unserer ersten Ausfahrt mit dem Kinderwagen. Wir hatten ständig nach rechts und links in die anderen Kinderwagen geschielt, und am Ende unserer Runde riefen wir gleichzeitig aus: „Unserer ist der Hübscheste!“ Ich begann mich zu fragen, wie er wohl sein würde: jener Tag, an dem mein Sohn zum ersten Mal über den Teppich robben würde wie ein Soldat durch den Matsch.

Es kam dann so: Als Noah seine ersten Meter zurückgelegt hatte, fühlte ich den unwiderstehlichen Drang, diesen Erfolg der Welt mitzuteilen. Aber wer ist, wenn man ein Baby hat und in keiner Krabbelgruppe ist, „die Welt“? Bei den bisherigen einschneidenden Erlebnissen („Noah hat sich gedreht!“, „Noah hat einen Keks gegessen!“, „Der Zahn ist durch!“) hatte ich meinen Mann angerufen, aber der war diesmal nicht zu erreichen (hatte er tatsächlich Wichtigeres zu tun?). Meine kinderlosen Freunde habe ich in vager Erinnerung des „Zeit“-Artikels mit der Nachricht verschont. Also blieb meine Freundin J., die selbst ein Baby hat und eine ähnliche Krabbelgruppen-Phobie wie ich. Aber eigentlich ist J. nur die zweite Wahl für jene Art von Triumph-Anrufen. Ihr Sohn ist drei Wochen älter und ein wenig frühreif. Ich schätze, in ein paar Wochen kann er einen Handstand. Mit anderen Worten: J.s Echo auf unseren Erfolg war enttäuschend. Geradezu niederschmetternd war ihr letzter Anruf vor ein paar Tagen. Sehr subtil flocht sie in unsere Unterhaltung den Satz ein: „Ach ja, meiner krabbelt jetzt.“ J. hat übrigens einen Holzfußboden.

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