Zeitung Heute : Der Jurist als Dienstleister

ROLAND KOCH

Die Juristenausbildung ist dringend reformbedürftig.Das konstatiert niemand geringerer als der Bundesminister der Justiz, Edzard Schmidt-Jortzig.Anläßlich des 62.Deutschen Juristentages in Bremen hat er zur Reform der deutschen Juristenausbildung ein Thesenpapier in der Zeitschrift für Rechtspolitik veröffentlicht.

Schon seit Jahren ist eine solche Reform in der Diskussion.Denn einerseits ist das Einstiegsalter deutscher Juristen im Vergleich mit anderen europäischen Ländern eher hoch.Andererseits steht das Ausbildungsziel der "Befähigung zum Richteramt" in Frage.Diese eingeschränkte Ausbildungskonzeption - sie existiert seit über 100 Jahren - "entspricht immer weniger den Erfordernissen einer komplexen postindustriellen Gesellschaft", so Schmidt-Jortzig.

Gemeint ist damit, daß sich beispielsweise eine moderne Anwaltskanzlei immer mehr zum Dienstleistungsbetrieb entwickelt, die in juristischen Fragen berät oder Rechtsdokumente gestaltet.Der Auftritt vor Gericht aber tritt immer mehr in den Hintergrund.

Ziele, denen nach Meinung Schmidt-Jortzigs eine moderne Juristenausbildung heute gerecht werden muß, sind dementsprechend Praxistauglichkeit, Konkurrenzfähigkeit sowie Flexibilität.Das heißt, die Ausbildung soll sich nicht mehr an juristischen Spezialberufen wie Anwalt oder Richter orientieren, sondern an praxisgerechten Tätigkeitsfeldern in Industrie und Handel, in Dienstleistungsbereichen oder auf dem Kommunikationssektor.

Um diesen Erfordernissen künftig gerecht werden zu können, sei der "spezialisierte Generalist" gefragt, "also der Jurist, der über ein gutes juristisches Kenntnisfundament und solides Handwerkszeug hinaus über möglichst umfassendes Wissen auf seinem Spezialgebiet verfügt".Die Ausbildung müsse sich deshalb aus einer Grundausbildung (Universitätsstudium) und darauf aufbauenden Zusatzausbildungen (etwa Traineeprogramme, Wirtschaftsakademien oder Aufbaustudiengänge) zusammensetzen.

Ersteres soll einen wissenschaftlichen Grundstock schaffen und international als unmißverständlicher, berufsqualifizierender Abschluß gelten.Damit hätte die Mehrzahl der Absolventen die Möglichkeit, unmittelbar nach dem Studium in das Berufsleben zu wechseln.Die Zusatzausbildungen schaffen nach den Vorstellungen Schmidt-Jortzigs die Qualifikation für besondere juristische Berufsanforderungen.

Für spezifisch juristische Zielberufe wie Rechtsprechung, öffentliche Verwaltung und Anwaltschaft bleiben danach die Zusatzausbildungen weiterhin in staatlicher Hand.An die Stelle des Referendariats würden weiterführende Ausbildungsgänge treten, die nicht jedem Jura-Absolventen zur Verfügung stehen, sondern nach bestimmten Kriterien vergeben werden.Die Zusatzausbildung für Anwälte soll nach Möglichkeit in deren Selbstverwaltung liegen und auch von diesen bezahlt werden.Begleitende Arbeitsgemeinschaften würden hier für eine "gewisse Einheitlichkeit" der Ausbildung sorgen.Neuer Stoff für die weitere Diskussion der Reform.

Prof.Dr.Edzard Schmidt-Jortzig, Thesen zur Juristenausbildung, in: "Zeitschrift für Rechtspolitik", August 1998, S.289 ff., Verlag Ch.Beck.

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