Zeitung Heute : Der Kant des poetischen Imperativs

CHRISTOPH FUNKE

Dramatiker, Philosophen, Filmemacher zum Brecht-JubiläumCHRISTOPH FUNKEAm Anfang war die Leichtigkeit.Filme über Brechts frühe Theaterarbeit am Berliner Ensemble, unter oft abenteuerlichen Bedingungen zustandegekommen, zeigen einen Spaß am Spiel, der heute fast wehmütig macht: Erst das Theater, dann die Botschaft.Curt Bois als Puntila tänzelt wie ein Pfau, angetrieben von einer Energie, die sich in phantastisch reichen choreographischen Figuren niederschlägt.Hans Gaugler als Hofmeister, Regine Lutz als Gustchen bauen ihr erotisches Geplänkel mit großer Gestik auf, in der immer auch ein Quentchen Ironie steckt sie erheben diese klare Analyse gesellschaftlicher Beziehungen zum erlesenen ästhetischen Genuß.Und im "Urfaust" streiten zwei spindeldürre Männer, der Faust des Paul Albert Krumm und der Mephisto des Norbert Christian, mitunter fast mürrisch um das Gretchen der Käthe Reichel.Auch hier eine gescheite Überlegenheit, ein Wegdrücken klassischer Gewichtigkeit, der neugiriege Blick auf menschliche Interessen und Antriebe mit einem Lächeln. Hans-Jürgen Syberberg ("Puntila", "Urfaust") hat frühe Arbeiten Brechts mit einer 8-Millimeter-Kamera, schwarzweiß und stumm, aufgenommen.Peter Voigt baute aus Einzelbildern zum "Hofmeister", auf Anordnung Käthe Rülickes aufgenommen, Jahrzehnte später einen einzigartigen Film.Nur auf den ersten Blick mutet die Montage in ihrem ruckenden Rhythmus naiv an, dann aber macht sie nachvollziehbar, daß Egon Monk im "Hofmeister" Brechts "schönste Inszenierung" sieht.Diesen Filmemachern und dem einstigen Brecht-Assistenten Egon Monk gehörte auch ein "Filmabend" in der Gesprächsreihe des Literaturforums und des Berliner Ensembles zum Brecht-Geburtstag.In den ersten Jahren des Berliner Ensembles, noch vor Einzug ins Theater am Schiffbauerdamm, hatte Brecht ganz unbeschwert gearbeitet.Diese Lust suchte er weiterzugeben.Er wollte Vorschläge von den jungen Leuten, er brachte sie auf den Weg und lernte von ihnen.Noch war nichts von den Lasten zu spüren, die er in seinen letzten Jahren zu tragen hatte. Nicht diese Frage hatten die gelehrten Herren zu beantworten, die sich zum Gespräch über "Ästhetische Theorie und Philosophie bei Bertolt Brecht" zusammenfanden.Ihnen ging es um das "deutsche Element" im Schaffen Brechts (Gerd Irrlitz), das Durchdrungensein seiner Kunst von Philosophie.Vorschläge: Karlheinz Barck entdeckte den "Saboteur" Brecht, und Klaus Scherpe setzte die These, daß das Produzieren von Wahrheiten wichtiger ist als die Wahrheit.Er beschrieb die Brechtsche Verbindung von Staunen, Wundern, Neugier mit Vernunft und Urteilskraft.So viele Berichte, so viele Fragen. Absichtsvoll zum Schluß hatten die Dramatiker im Literaturforum des Brecht-Hauses das Wort.Karl Mickel hatte da geschliffene Thesen und seine Lyrik zur Hand, Hartmut Lange berichtete freimütig über Brüche in Leben und Werk, über das Zur-Ruhe-Kommen im "freien Fall", der dreißigjährige Münchner Dramatiker Albert Ostermeier beschrieb sein Interesse für den jungen Brecht als "zeitgemäßen Autor".Solch freundlicher Gedankenaustausch aber verbarg nur mühsam Konflikte, über den Naturalismus und Gerhart Hauptmann, über Fäkalien auf der Bühne, über den Marxismus.Karl Mickel forderte ein antipopulistisches Theater, das im Sinne der ersten Brecht-Aufführungen am Berliner Ensemble "Anmut und Würde" wiederherstelle.Ostermeier meinte, man müsse mit Brecht so umgehen, wie er mit anderen Autoren umgegangen sei.Lange stellte fest, daß man sich dem Meister nur nähern kann, wenn man ganz frei ist, Lothar Trolle bemerkte trocken, daß der Stückeschreiber ja immerhin mehr Erfolg gehabt habe als alle am Tisch versammelten Nachkommen.Mickel las, gleich zu Beginn, Verse vor: "Brecht ist der Kant des poetischen Imperativs.Dieser lautet: Blicke du durch!" Blicken wir durch? Die Antwort Volker Brauns: "Aus ist das Stück" und nicht fröhlich die entstandene Lage: "Im leeren / Noch leicht stinkenden Zuschauerraum sitzt der gute / Stückeschreiber und ungesättigt versucht er / Sich zu erinnern." 

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