Zeitung Heute : Der Kanzler, Gott und ein Clown

Harald Martenstein

Irgendwann, als die Eröffnungsparty der Berlinale schon in vollem Gange war, geschah das nie Dagewesene. Eine Stimme war zu hören. Von weit her, von ganz oben. Wer sprach da, und wo befand sich diese Person? Mein Gott, eine Rede! Konnte es sein, dass ER, der heimliche Adressat des katholisch inspirierten Eröffnungsfilms "Heaven", sich zu einem Kommentar herausgefordert fühlte? Fast richtig! Es war Wolfgang Thierse, der Bundestagspräsident.

Bei den Eröffnungspartys der Berlinale hat es nie, niemals Reden gegeben. Eine Berlinale-Eröffnungsparty bestand darin, dass eine große Menge von Menschen sich in ein Hotelfoyer drängte, mit großer Entschlossenheit das Büffet wegfutterte, ein bisschen über das Festival lästerte, den Eröffnungsfilm entsetzlich fand und am nächsten Morgen verkatert war.

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Diesmal war fast alles anders als sonst. Seit zwei Jahren ist in erster Linie der Staat für das wichtigste Berliner Kulturereignis zuständig, nicht mehr die Stadt. Allmählich fängt man an, es zu spüren. Die kulturelle Gesellschaft, die politische Gesellschaft sowie die üblichen Schnorrer wurden statt in ein Hotel, in das erst vor kurzem eröffnete Paul-Löbe-Haus gebeten. Im Paul-Löbe-Haus sind unter anderem Büros der Bundestagsabgeordneten untergebracht, die Innenarchitektur erinnert ein wenig an ein Turbinenhaus oder eine Druckerei. Das Paul-Löbe-Haus ist aber sehr groß und verfügt über eine lange, hohe Halle. Sozusagen die große Halle des Volkes. Genau gegenüber strahlt das Kanzleramt. Das Herz einer mittleren Macht.

Es sieht ziemlich imposant aus, wie es da im Licht der Scheinwerfer vor sich hin pocht. So also lautet das Signal, das von der 52. Berlinale ausgeht: Die Regierung drückt den deutschen Film an ihre Brust, sie nimmt ihn wichtig, sie betrachtet das Kino als eine Angelegenheit von staatspolitischer und repräsentativer Bedeutung, fast wie bei den Franzosen. Der neue Festivalchef, Dieter Kosslick, hat das Festival mit der deutschen Filmbranche versöhnt und eine neue deutsche

Reihe eingerichtet, im Wettbewerb laufen mehr deutsche Filme denn je. Die Berlinale wird getunt und aufgebohrt und frisiert wie ein alter Golf, sie soll etwas hermachen, auch wenn das Geld für einen Neuwagen nicht ganz reicht. Die Berlinale ist auch ein Symbol für die neue Bundes-Kulturpolitik, für das Selbstverständnis der Ära Schröder - diese Mischung aus Selbstbewusstsein und Protz, aus einer womöglich ehrlich empfundenen Nähe zu den Künsten und dem listigen Wunsch, die Künstler für das eigene Image zu nutzen. Sogar mehr Geld für die Filmförderung soll es geben.

Vom Festivalchef geht ebenfalls Signalwirkung aus - er ist charmant, witzig, ein Clown, er wird gemocht. Sogar sein drolliges Englisch finden die meisten Leute süß. Bei der Eröffnung hatte Gerhard Schröder gesprochen. Moderatoren waren die Schauspielerin Corinna Harfouch, eine der Ostdeutschen, deren Karriere nach der Wende fast bruchlos

weiterging, und der Kameramann Michael Ballhaus, einer der Deutschen, die es in Hollywood geschafft haben. Musik kam von Meret Becker - eine junge Frau, aus Berlin, ein Symbol der Hauptstadt - und von der Rockgruppe BAP - alte Männer, aus Köln, ein Symbol für den Regionalismus. Der Proporz stimmte genau. Sowas dauert dann.

Und Dieter Kosslick hat es wirklich getan. Er redete kosslickisch. Als etwas nicht ganz klappte, sagte er verschmitzt: "Oh, just another pen." Er meinte Panne. Kosslicks Vorgänger war wegen seiner sprachlichen Auffahrunfälle unaufhörlich kritisiert worden, wenigstens in dieser Hinsicht bewahrt das Festival eine gewisse Kontinuität. Aber Deutsch kann Kosslick tadellos.

Vor der großen Halle des Volkes wurden die Besucher streng gefilzt, ein mit sonderbaren Geräten bewaffneter Kameramann und ein Fotograf wurden wegen Terrorismusverdachtes zurückgewiesen. Aber das stellte sich als Irrtum heraus. Die Gäste schritten über eine breite Treppe hinab in den Saal, verfolgt von der Meute, den Kameraleuten und Fotografen. Wenn die Eröffnung des Jüdischen Museums vor einigen Monaten die konstituierende Versammlung der feinen neuen Berliner Gesellschaft gewesen ist - was war dann dies hier? Es war eine Verschmelzung, das alte Berlin mischte sich mit dem neuen, die Repräsentanten der Macht mit den Repräsentanten des Schrägen. Wolfgang Thierse neben Rosa von Praunheim.

Jürgen Trittin, ein paar Meter weiter Franka Potente, dazwischen Mutter Beimer im Gespräch mit Klaus Wowereit. Moritz de Hadeln, Kosslicks Vorgänger, hatte es vorgezogen, einen Termin in Teheran wahrzunehmen. Da ist immerhin schon fast Frühling.

Strenges Rauchverbot. Ein sparsames Büffet, mit Currywürstchen "nach Art des Bundesrechnungshofes". Na großartig, zum Lästern ist immer noch genug da. Am entgegengesetzten Ende spielten die "17 Hippies", eine Weltmusikkapelle, sagt man, aber es hört sich auch nicht viel anders an als Klezmer. Die deutsche Nationalhymne, gespielt von einer Klezmerband - das wäre noch etwas, worauf man sich freuen kann. Im nächsten Jahr vielleicht.

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