Zeitung Heute : Der Kanzler und wir

BERND ULRICH

Helmut Kohl und die Deutschen scheinen sich immer ähnlicher zu werden.Besonders die Eliten haben den Führungsstil des Kanzlers in den letzten fünfzehn Jahren in sich aufgenommenVON BERND ULRICHEhepaare, so sagt man, werden einander im Laufe der Jahrzehnte immer ähnlicher.Offenbar wirkt solche Mimikri auch bei führenden Politikern und ihren Völkern, selbst in Demokratien.Helmut Kohl und die Deutschen jedenfalls scheinen sich immer ähnlicher zu werden.Besonders die Eliten haben den Führungsstil des Kanzlers in den letzten fünfzehn Jahren in sich aufgenommen - durch Abschauen und, mehr noch, durch natürliche Osmose. In der Politik ist dieses Nachahmen unübersehbar.Oskar Lafontaine etwa wurde erst richtig zum souveränen Steuermann der SPD, als er begann, Ideen nicht mehr gar so wichtig zu nehmen, sie mit größerer Geduld zu behandeln.Fast unmerklich überwand der SPD-Vorsitzende so die Haltung der Parteimehrheit zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr; ohne Aufsehen ließ er den umstrittenen Großen Lauschangriff passieren, während er zur Zeit den auf die Kanzlerkandidatur drängenden Gerhard Schröder aussitzt.Macht hat, das mußte Lafontaine lernen, nicht wer die Schlagzeilen beherrscht, sondern wer den Zeitplan diktiert.Und wer den Telefonhörer zu bedienen vermag.Darin wurde Oskar Lafontaine Helmut Kohl fast ebenbürtig. Auch der Ex-Sponti Joschka Fischer hat vom Kanzler das Siegen gelernt.Beim Parteitag in Kassel griff er in seiner vielumjubelten Rede erstmals zum Mittel der Rührung, überwältigte damit die Basis - und ein wenig auch sich selbst, ganz so wie Helmut Kohl es an guten (Partei-)Tagen schafft.Selbst die Gewohnheit des Kanzlers, Entscheidungen in Gesprächsrunden jenseits demokratischer Gremien zu verlegen, wird von den Grünen kopiert.Im "Wohlfahrtsausschuß" graben Fraktions- und Parteivorstand mittlerweile das breite, flache Bett für den grünen Mainstream. Doch wirkt des Kanzlers Vorbild längst über die Sphäre des Politischen hinaus.Jüngstes Beispiel dafür ist die Personalentscheidung der evangelischen Kirchensynode, den braven, den Frieden drinnen garantierenden Manfred Kock zum EKD-Vorsitzenden zu wählen.Sein Konkurrent, Bischof Huber, war den Funktionären zu brillant, zu intelligent, zu unberechenbar.Es war eine Entscheidung für den Apparat, gegen das Risiko, aber auch gegen die Chance, draußen Einfluß und Anhängerschaft zurückzugewinnen.Und in der Wirtschaft? In Unternehmen, Verlagen, Agenturen? Wer sich umschaut und sich von Äußerlichkeiten nicht irritieren läßt, wird leicht den Kohl im Chef wiederentdecken. Nun lag im Führungsstil Helmut Kohls einige Weisheit.In Zeiten relativer Fülle in allen Kassen war das scharfe Entweder-Oder eines Oskar Lafontaine vielleicht wirklich suspekt, die Arbeit der Zuspitzung des Peter Glotz überflüssig und der umstürzlerische Geist eines Kurt Biedenkopf eitler Tand.Lange kam es weniger darauf an, daß Entscheidungen sachgerecht waren, sondern mehr darauf, daß sie Zufriedenheit auf allen Seiten hervorriefen.Leider sind diese Zeiten vorbei.Die Kassen sind knapp.Immer seltener kann ein gebieterisches Entweder-Oder in einem milden Sowohl-als-Auch aufgelöst werden.Mehr Risiko und Brillanz wären schon nötig.Der Kanzler weiß das natürlich.Darum hat er Wolfgang Schäuble, der einen anderen Stil verkörpert, zum Nachfolger ausgerufen. Erst wenn Helmut Kohl weg ist, wird man sehen, wie ähnlich wir ihm am Ende wirklich geworden sind.Wahrscheinlich zu ähnlich.Denn Helmut Kohl ist bei aller Taktik in einem Punkt Überzeugungstäter.Die europäische Einigung hat ihn in den Augen seiner innerparteilchen Gegner angreifbar gemacht, in den Augen der Wähler aber glaubwürdig.Man kann nur hoffen, daß die Epigonen, mit denen er uns in spätestens zwei Jahren allein lassen wird, auch so ein Europa, so einen archimedischen Punkt des eigenen Tuns, in sich haben.

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