Zeitung Heute : Der Katholikentag muß sich öffnen

BEATRICE VON WEIZSÄCKER

Alle Augen sind auf die Fußballweltmeisterschaft in Frankreich gerichtet.Deutschland ist mit dem Wahlkampf beschäftigt.Auch das zieht Aufmerksamkeit auf sich.Und irgendwo dazwischen feiern 40 000 Gläubige den 93.Katholikentag.Es ist eine Jubiläumsveranstaltung, seit 150 Jahren gibt es diese katholischen Treffen.Und doch geht das Ereignis fast spurlos an der Öffentlichkeit vorbei.Wären da nicht die vielen Auftritte namhafter Politiker, man erführe kaum etwas vom Katholikentag in Mainz.Doch die "Schuld" für das öffentliche Desinteresse bei anderen Ereignissen zu suchen, wäre falsch.Es ist die katholische Kirche selbst, die sich langsam, aber sicher ins Abseits stellt.

Einige Indizien belegen das: Selten war das Interesse an dem Treffen so gering wie dieses Mal.Vor zwei Monaten noch rechneten die Veranstalter mit 60 000 Besuchern.Die Zahl der Teilnehmer aber ist um 20 000 geringer.In früheren Zeiten machten junge Leute mit rund 70 Prozent den größten Teil der Interessierten aus.Jetzt sind es nur noch 45 Prozent.Ausgerechnet in dieser Lage plädiert der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, dafür, den Katholikentag nicht mehr alle zwei Jahre zu veranstalten, sondern nur noch alle fünf Jahre.Kapituliert er angesichts schwindenen Interesses und steigender Kosten? Das wäre eine trübe und verkehrte Botschaft.

Natürlich spielen die Kosten dabei eine Rolle.Aber die Kirchen sollten nicht vergessen, daß ihr eigentliches Kapital die Menschen sind.Katholikentage wie evangelische Kirchentage sind vor allem Laientreffen.Die Basis kommt zusammen, um sich ihres Glaubens zu vergewissern, um Stellung zu beziehen, um Gemeinschaft zu erleben, um sich der Öffentlichkeit zu präsentieren, um - wie es die Protestanten sagen - Zeitansage zu sein.Der Bundespräsident betonte zum Auftakt des Katholikentages zu Recht den unverzichtbaren Beitrag der Kirchen zu einem verbindlichen Wertkonsens.In der Tat ist, wie Herzog sagt, der weltanschaulich neutrale Staat Nutznießer der Wertorientierung, die die Kirchen vermitteln.Doch das ist nur die halbe Wahrheit.Nutznießer ist vor allem die Gesellschaft selbst.Die Nachfrage nach Orientierung ist unverändert groß.Das eigene Schicksal macht oft ratlos, die Suche nach Antworten wird darum um so dringlicher.Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Absinken unter die Armutsgrenze und wachsendes Mißtrauen gegen Ausländer sind nur einige Stichworte.Die Kirchen sind gefragt, und die Kirchen können antworten, wie sie in ihren gemeinsamen Worten zur Sozialpolitik und Migration bewiesen haben.

Doch wenn es um die Basis geht, um öffentliche Auftritte, zeigt sich die katholische Kirche zögerlich.Gewiß kann man ihr einräumen, daß sie in einer ernsthaften Krise steckt.Der Papstbrief zur Schwangerenberatung hat in der katholischen Kirche zu einer Zerreißprobe geführt.Auch die Anweisung über die Zusammenarbeit von Priestern und Laien hat für reichlich Irritationen gesorgt.Doch dürfen darum die aktiven Mitglieder außer acht gelassen werden? Wer sich den Menschen entzieht, darf sich nicht wundern, wenn diese dasselbe tun.Das gilt für Gottesdienste ebenso wie für Kirchentage.

Wer etwas erreichen will, muß in die Öffentlichkeit gehen.Kirchen- und Katholikentage haben durchaus eine Chance, in der Zukunft zu bestehen - vor allem gemeinsam.Darum ist es gut, daß für das Jahr 2003 ein erster ökumenischer Kirchentag geplant ist.Noch sperren sich einige Bischöfe.Sie fürchten eine allzu schnelle Annäherung zwischen Katholiken und Protestanten, etwa durch eine gemeinsame Feier des Abendmahls.Aus der Sicht der katholischen Kirche mag das nachvollziehbar sein.Nach außen vermitteln läßt sich das nicht.Wer Kirchen- oder Katholikentage ausrichtet, wendet sich zu allererst an die Menschen.Und die sind an den Unterschieden zwischen den beiden großen christlichen Kirchen kaum interessiert, wenn sie sie überhaupt noch verstehen.Sie verlangen von den Kirchen, Stellung zu beziehen.Sie erhoffen sich mit gutem Grund gerade von den Kirchen Reaktionen auf ihre Lebenssituation.Darum darf die Devise der Kirchen nicht lauten: jeder für sich und womöglich zurück in die Nische.Ihr Motto muß heißen: jetzt erst recht und das zusammen.Vor allem, wenn es um Kirchentage geht.

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