Zeitung Heute : Der Kiez als Netzgemeinschaft

HILMAR SCHM,T

PrenzlNet: Der Traum von der elektronischen Vernetzung des sozialen GemeinwesensVON HILMAR SCHMUNDT

Plenum in der Lottumstraße: Kippen glimmen und Köpfe rauchen.Ein Grüppchen ehemaliger Hausbesetzer sitzt auf dem Gehsteig und palavert über die Zukunft ihrer Häuser.Das Thema ist heikel: Die Wohnungen sind bald mit viel Eigenarbeit fertig saniert, und die Bewohner denken über den Hauskauf nach.Sie wären nicht die ersten Besetzer, die zu Besitzern geworden sind.Trotz dieses Perspektivwechsels bietet sich jedoch eine neue Gesellschaftsutopie an: der Aufbau einer autonomen Zone innerhalb jener ortlosen, immateriellen Stadt, die der Medientheoretiker Florian Rötzer "Telepolis" getauft hat, deren Verkehr Daten, deren Rohstoff Informationen und deren Produktionsmittel Rechner sind. "Wenn schon, dann richtig", sagt Jero und stolpert nach der Hausversammlung im matten Schein seines Feuerzeugs in den Keller, wo ein Dutzend achtadriger Kabel wie Plastikspaghetti aus der Wand quellen.Hier will Jero, einst DDR-Punk und heute Informatikstudent, den Zentralrechner einrichten.Bislang sind im hausinternen Intranet vier Rechner und ein Server miteinander verbunden und dienen den 26 Bewohnern als "papierloses" Büro für die Sanierungsplanung.Die neuen Leitungen, fachgerecht unter Putz verlegt, sind mehr als nur ein Hausprojekt.Sie sind der erste konkrete Kritallisationspunkt einer bislang schwammigen Vision mit Namen "PrenzlNet". "Wir sind auf dem Weg in eine echte Zwei-Klassen-Informationsgesellschaft...Was tun? Wir bauen unser eigenes Netz!", heißt es im Manifest des "PrenzlNet", einer Gruppe von Computerbastlern, sich vor einem Jahr zusammengefunden haben, um Wohngemeinschaften, Häuserblocks und schließlich den ganzen Stadtteil über ein kiezinternes Netz ans weltweite Internet anzuschließen, indem sie Kabel verlegen durch modrige Keller und über morsche Dächer, bis schließlich der steinerne Stadtteil durch einen telekommunkativen Kiez ergänzt ist.Datenfernziel: andere "Prenzlwesen" kennenlernen, Telekom- und Providergebühren sparen, öffentliche Terminals aufstellen, "Kiezinfos austauschen und die Neuen Medien entmystifizieren, indem man mit Lötkolben herumbastelt", sagt Jürgen Hüttner ("huette"), treibende Kraft des Projektes. PrenzlNetter wollen zwar lokal handeln, aber global surfen: "Sonst geht es uns wie der Mailbox-Szene.Das sind doch heute die Eingeborenen in den Netzen, stehen aber ohne Zugang zum Internet außen vor", sagt Jero.Die Prenzlnet-Idee ist Teil einer größeren Strömung, die versucht, sozialverträgliche Datentrampelpfade neben dem kommerziellen Hype-Highway zu schaffen.So trafen sich im Dezember am Rande der Kasseler Film- und Videofestes Netz-Aktivisten wie Volker Grassmuck, Gert Lovink, Padeluun und Sabine Hellmers zur - nomen est omen? - "Interfiction"-Tagung: Ideen gab es viele, praktische Resultate keine. Umgesetzt ist die Idee des Zugangs für alle bisher in Städten wie San Francisco, Amsterdam, Clausthal-Zellerfeld ("Wohnheim am Netz") und Bonn-Beuel ("Beuel-Net").Die Utopie des kostengünstigen Einstiegs ins Netzbürgertum ist dabei kein Monopol der politischen Linken: der Freistaat Bayern stellt seit April über 30 "Bürgernetzvereinen" freie Internet-Zugänge zur Verfügung.Nun will auch die Berliner Szene mit anderen gleichziehen.Um für die Idee zu werben, ergänzte Hüttner die Fünf-Jahres-Feier der Kulturbrauerei durch ein Inter- und PrenzlNet-Cafe, gemeinsam mit Studenten der HdK und mit dem Kreuzberger Zugangsanbieter "Internationale Stadt".Auch die PrenzlNet-Mailingliste trifft auf Interesse und hat bereits 80 Teilnehmer, die in einer virtuellen Galerie Logoentwürfe austauschen: in den älteren Logos der PB-Schriftzug, dann prangte eine Laugen-Pre(n)tzl auf einem Monitor.Erst die neueren Symbole bedienen sich einer dezenteren Bildsprache. Erst wenige Häuser sind intern vernetzt: ein ehemals besetztes Haus in der Schönhauser Allee, das bereits über eine eigene ISDN-Standleitung verfügt, eins am Zionskirch- und eins am Kollwitzplatz.Im Herbst wollen sich ein weiteres Besetzerprojekt und die benachbarte Antifa-Gruppe in das Hausnetz der Lottumstraße mit einklinken, was unproblematisch ist, da sich alle drei Grundstücke in einem Häuserblock befinden.Kompliziert wird es, wenn Straßen zwischen den einzelnen autonomen Netzzellen überwunden werden muß."PrenzlNet soll diese einzelnen Inseln verbinden", sagt Jero.Am elegantesten fände er die Funklösung: Per Satellit oder per Richtfunk könnte der Datenverkehr kabellos in einem "Wireless LAN" abgewickelt werden.Wenn sich kein potenter Sponsor findet, müßten die Investionen durch monatliche Mitgliederbeiträge von etwa 30 Mark gedeckt werden, kalkulieren die PrenzlNetter.Die Kulturbrauerei sei als zentraler Standpunkt optimal, sagt Jero: "weil die einen hohen Turm für die Funkschüsseln haben." Aber nicht nur an der Schnittstelle zwischen Telepolis und Metropole ist so manche Hürde zu überwinden - manchmal stockt der Datenfluß auch zwischen Netz und Bürger: "Wir treffen uns doch täglich persönlich", wendet einer der Instandbesetzer bei einem mitternächtlichen Bier ein."Außerdem sind wir uns doch alle zu ähnlich und wüßten gar nichts miteinander anzufangen im Netz - außer mit mehreren Rechnern Doom zu spielen vielleicht." Wenn sie nicht gestorben ist, die Utopie vom ortlosen Gemeinwesen vernetzter Telepoliten, dann wird sie unter der Adresse http://userpage.fu berlin.de/ƒhuette/prenzlnet/ fortgeschrieben.

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