Zeitung Heute : Der Klassenbeste

JÖRG KÖNIGSDORF

Jung und nur in Maßen wild: Gianluca Cascioli, PianistJÖRG KÖNIGSDORFSport? Die Erwähnung dieser merkwürdigen Freizeitbeschäftigung ist Gianluca Cascioli kaum mehr als eine irritiert hochgezogene Augenbraue hinter dem goldumrandeten Brillengestell wert.Nein, so etwas habe ihn nun wirklich noch nie interessiert, erklärt der 18jährige Italiener unumwunden.Die Musik bedeute ihm schließlich alles, da bleibt ohnehin kaum Zeit für anderes.Bis zum nächsten Jahr, fährt er mit hörbarem Unwillen in der Stimme fort, müsse er schließlich auch noch zur Schule gehen."Aber nur, wenn meine Konzertverpflichtungen es erlauben," schränkt er ein."Solche wichtigen Auftritte wie jetzt in Berlin kann ich natürlich nicht sausen lassen." Cascioli sehnt schon die Zeit nach dem Abitur herbei, dann habe er endlich mehr Zeit für sich."Vor allem zum Lesen.Und für mehr Konzerte.Und zum Komponieren.Und, und, und... Der magere Junge mit der Abgeklärtheit eines ungefährdeten Klassenbesten ist einer der Shooting Stars der Pianistenszene, der nach dem Willen seiner Plattenfirma, der Deutschen Grammophon, deren italienische Klassizistentradition von Michelangeli und Pollini fortsetzen soll.Er selbst will sich nur bedingt in diese illustre Reihe einordnen lassen, legt Wert auf seine eigenständige Entwicklung: "Sicher, den beiden stehe ich näher als etwa der neapolitanischen Schule um Maria Tipo, aber ebenso wie sich Pollini und Michelangeli unterscheiden, habe auch ich meine ganz eigenen künstlerischen Meinungen." Einen Lehrer, fährt er fort, habe er eigentlich nur für die technische Basis seines Klavierspiels gebraucht, "aber seit ich zehn wurde, kann man von Unterricht eigentlich nicht mehr sprechen.Wenn ich mal zu einer Stunde gegangen bin, war das eher ein Austausch zweier Ansichten.Künstlerische Formung würde ich das nicht nennen." Als einziges Vorbild nennt Cascioli dagegen einen Musiker, mit dem er noch nie konzertiert hat, Nikolaus Harnoncourt.Dessen analytische Schroffheit steht auch bei Casciolis Sicht von Mozart und Beethoven Pate."Ich gehe auf die Klassiker nicht von der Romantik her zu, sondern versuche herauszustellen, was damals das Neue, Revolutionäre daran war.Dazu muß ich heute als Interpret zu stärkeren Mitteln greifen als damals, wo schon die Musik allein für das Publikum ungewohnt war.Nur so kann ein Interpret dieses Gefühl der Neuheit wiedererschaffen und die musikalische Aussage retten." Und auf die kommt es dem Italiener vor allem an. Charakteristisch ist auch seine Ablehnung des virtuosen romantischen Repertoires als bloße Show, die keine Botschaften zu vermitteln hat.Liszt und Chopin tauchen in seinen Programmen nur äußerst dosiert auf, viel eher fühlt er sich im zwanzigsten Jahrhundert und vor allem in der zeitgenössischen Musik daheim."Sicher, das Publikum ist davon oft nicht sonderlich begeistert, die Leute sind wie Kinder, die nur immer das Altbekannte hören wollen.Da breitet sich schon Unruhe aus, wenn man ihren Mozart einmal auf ganz andere Weise spielt.Aber ich denke, daß mit der Zeit auch ein Gehör für die Schönheiten dieser Musik heranwächst." Gianluca Cascioli sieht sich selbst nicht als Pianist, sondern als Musiker, seine Ambitionen gehen weit über das Klavierspiel hinaus.Komponiert hat er schon einiges, mit Macht zieht es ihn - wie viele Pianisten - ans Dirigentenpult."Bis jetzt ist daraus leider noch nichts geworden, aber für nächstes Jahr habe ich schon ein Angebot aus Spanien, ein Mozart-Konzert vom Klavier aus zu dirigieren.Ich hoffe, es wird etwas daraus." Zumindest das Problem mit der Schule wird sich bis dahin erledigt haben. Gianluca Cascioli gibt morgen um 19.30 Uhr einen Soloabend im Kleinen Saal des Schauspielhauses.

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